Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Biathlon-Events bei Olympia Simmen: «Biathlon in Antholz ist wie Skirennen in Wengen»

Bei den Olympischen Spielen in Milano Cortina ist die Hälfte der Biathlon-Wettbewerbe um. SRF-Biathlon-Experte Matthias Simmen spricht im Interview über die Stimmung in Antholz, deutsche Fans und Schweizer Hoffnungen.

SRF Sport: Matthias Simmen, die Biathlon-Wettbewerbe bei Olympia finden hier in Antholz statt, in einem richtigen «Biathlon-Mekka». Welche Beziehung hast du persönlich zu diesem Ort?

Matthias Simmen: Es muss etwa 25 Jahre her sein, als ich hier zum ersten Mal ein Rennen gelaufen bin. Es ist ein wunderbarer Ort. Wenn ich nur schon aus dem Fenster schaue – auch wenn es heute etwas Nebel hat –, es ist wunderschön, eingebettet in diese tolle Bergwelt. Persönlich habe ich auch gute Erinnerungen an Antholz. 2007 erreichte ich an der WM den 10. Platz. Die Südtiroler stehen mir irgendwie nahe. Sie ticken ähnlich wie wir «Bergler» aus der Schweiz.

Kann man Antholz irgendwie mit einem Ort im Ski-Weltcup vergleichen?

Ja, auf jeden Fall. Biathlon in Antholz ist wie Ski in Wengen oder Kitzbühel. Das kann man auch von den Zuschauerzahlen her gut vergleichen. Man rechnet hier während der gesamten Dauer der Olympischen Spiele mit 200'000 Zuschauenden, bei der WM 2020 waren es sogar 220'000. Hier stimmt nicht nur der Sport, sondern auch das Rahmenprogramm.

Die Wettkampfstätte in Antholz ist mit knapp 20'000 Plätzen die grösste bezüglich Zuschauerkapazität der gesamten Olympischen Spiele. Es fällt auf, wie friedlich und stimmungsvoll das Ambiente ist. Wie würdest du den Biathlon-Fan grundsätzlich beschreiben?

Der Biathlon-Fan ist in erster Linie sehr fachkundig. In der Tendenz ist es ein älteres Semester, die jüngeren Fans werden eher mit dem Rahmenprogramm angesprochen. Das Publikum ist auch sehr fair, es ist ein tolles Miteinander. Was auch auffällt: Es hat jeweils sehr viele deutsche Fans. Biathlon ist in Deutschland, was Ski alpin bei uns in der Schweiz ist, nämlich die Wintersportart Nummer eins. Nach den Rennen feiern jeweils alle gemeinsam im Festzelt eine grosse Biathlon-Party.

Ich erlebe aus sportlicher Sicht wunderbare Olympische Spiele.

Du sprichst die Zielgruppe an. Was sind deiner Meinung nach die Gründe, dass Biathlon eher das «ältere Semester» anzieht?

Das muss ich etwas präzisieren. Die deutsche Biathlon-Begeisterung reicht weit zurück. Bereits zu Zeiten der Wende war der Sport äusserst populär. Diese Fans haben nun ein gewisses Alter erreicht und sind der Sportart bis heute treu geblieben. Ich erlebe in anderen Ländern aber auch, dass ein Wandel stattfindet. In Frankreich beispielsweise ist das Publikum jünger, das zeigt sich nur schon an der DJ-Playlist an den Wettkampfstätten. Das hängt nicht zuletzt mit den grossen Erfolgen Martin Fourcades zusammen.

Erlebst du in Antholz einen Unterschied bezüglich Stimmung im Vergleich zu einem Weltcup-Wochenende?

Ja, tatsächlich. Im Weltcup ist die Stimmung jeweils noch etwas – wie soll ich sagen – intensiver. Dort hat es noch ein paar tausend mehr Zuschauer, auch die legendäre «Huberalm» ist voller. Das hat sicher auch damit zu tun, dass viele Fans von den horrenden Olympia-Ticketpreisen abgeschreckt wurden. Und auch die Probleme bei der Anreise haben wohl ihren Teil dazu beigetragen, dass der eine oder andere Fan auf eine spontane Reise verzichtet hat.

Die komplizierte An- und Abreise hat vor allem in den ersten Tagen für viele negative Schlagzeilen gesorgt. Wie hast du es bislang erlebt?

Es ist tatsächlich auch für uns Medienschaffende etwas kompliziert. Das verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Das lokale Organisationskomitee macht das während den Weltcups oder der Weltmeisterschaft immer sehr gut. Das OK von Milano Cortina hat es nun aber geschafft, ein Chaos anzurichten. Auch für uns sind die An- und Abreisezeiten deutlich länger, obwohl es gleich viele oder sogar noch etwas weniger Zuschauer hat. Das ist für mich unerklärlich. Mittlerweile funktioniert es aber etwas besser, bis zum Schluss haben sie es dann wohl im Griff (lacht).

Rund die Hälfte der Biathlon-Rennen sind mittlerweile vorbei. Wie fällt dein sportliches Zwischenfazit aus?

Ich erlebe aus sportlicher Sicht wunderbare Olympische Spiele. Wir hatten extrem spannende Rennen. Gerade der Sprint der Frauen war eines der spannendsten Rennen, das ich im Biathlon je gesehen habe.

Wo siehst du die Gründe für die hohe sportliche Qualität an diesen Spielen?

Es hat wohl schon mit der Ambiance zu tun. Ich war zuletzt an Olympischen Spielen in Russland, Südkorea und China – dort war die Atmosphäre eine ganz andere. Durch die tolle Stimmung werden die sportlichen Entscheidungen auch anders «transportiert». Das fühlt sich für mich als Journalist auf jeden Fall so an.

Wie schätzt du die Leistungen der Schweizerinnen und Schweizer bislang ein?

Puuh, etwas geteilt. Ich möchte gerne Lea Meier hervorheben. Sie hat im Einzelwettkampf mit einer Trefferquote von 95 Prozent ein super Rennen gemacht, dies nach einem schwierigen Mixed-Wettkampf. So zurückzukommen, auch heute im Sprint mit einem fehlerfreien Schiessen – diese Auftritte verdienen Respekt. Der Rest des Teams ist bislang hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Es fehlt immer etwas am Schiessplatz oder dann geht in der Loipe zu viel Zeit verloren. Ich hoffe schon, dass es im zweiten Teil der Spiele resultatmässig noch etwas nach oben geht.

Was war dein internationales Highlight bisher?

Für mich ist es eine Person, die bis jetzt gar keine Medaille gewonnen hat: Emilien Jacquelin. Er wurde im Sprint Vierter und ist dabei zwei Zehntel am Podest vorbeigeschrammt. Sein Auftritt war für mich aber tief beeindruckend. Das Stehendschiessen hat er in 16,2 Sekunden absolviert – eine unglaubliche Schiesszeit, er hat alles riskiert. Am Ende hat es für ihn dann leider nicht zu einer Medaille gereicht.  

Livestream auf srf.ch, 14.2.2026, 14:35 Uhr

Meistgelesene Artikel