«Es ist Fluch und Segen zugleich», sagt Marco Odermatt angesprochen auf die Erwartungshaltung an seine Person. Denn nicht nur die Fans und das Team um ihn herum würden an jedem Rennen einen Spitzenplatz erwarten. Auch er selber ist sich bewusst: «Ich zähle zu den Favoriten, wenn ich am Start stehe. Wenn alles perfekt nach Plan läuft, kann ich jedes Rennen gewinnen, an welchem ich starte.»
Dass aufgrund dieser Erwartungshaltung jeder zweite Platz eine Niederlage wäre, lässt Odermatt indes nicht gelten. «So pauschal kann man das nicht sagen», so der Nidwaldner.
Diese Emotionen sind einzigartig, das erlebt man nur im Spitzensport.
Bei der Abfahrt in Kitzbühel habe sich das zwar so angefühlt. Silber im Riesenslalom an den Olympischen Spielen in Milano Cortina sei hingegen wie ein Sieg für ihn gewesen, weil er diese Disziplin zuvor kaum habe trainieren können und mit dem Resultat darum sehr zufrieden gewesen sei. Überhaupt sei es ein «Luxusproblem», wenn man sich konstant in diesen Dimensionen bewege.
Nie zu alt sein, um Neues zuzulassen
Eine der grössten Herausforderungen für Spitzensportler ist es, die Leistungen immer wieder aufs Neue zu bestätigen. Dies gilt auch für Odermatt. Denn er weiss: «Es ist immer einfacher gesagt als getan.» Abschauen kann er sich dabei Dinge bei anderen ehemaligen Spitzensportlern wie Roger Federer oder Marcel Hirscher, der mit 8 Gesamtweltcup-Siegen Odermatt aktuell um noch 3 grosse Kristallkugeln übertrumpft.
Er habe es gegen Ende seiner ersten Karriere etwas verpasst, Veränderungen zuzulassen, sagt Hirscher, «das war ein Fehler». Federer hingegen versuchte, immer wieder neue Reize zu setzen. Zum Beispiel, indem er auf ein anderes Racket mit einem grösseren Schlägerkopf wechselte.
«Es ist wichtig, dass man bereit ist, Sachen loszulassen, auch wenn man viel Erfolg damit gehabt hat», sagt Federers langjähriger Trainer Severin Lüthi. Wichtig sei, dass auch Veränderungswünsche vom Athleten selber kommen. «Viele Sachen muss man in sich selber finden», so Lüthi.
Neue Reize dank neuem Trainer
Ein Materialwechsel kommt bei Odermatt aktuell nicht infrage. Ein anderer neuer Reiz wurde bereits gesetzt: Seit der Saison 2024/25 arbeitet er mit einem neuen Konditionstrainer zusammen, Alejo Hervas ersetzte seinen langjährigen Coach Kurt Kothbauer. «Das war sicher gut für den Kopf, mal ein paar neue Übungen zu sehen», so Odermatt.
Was ihn unentwegt antreibe, seien aber die Emotionen, sagt Odermatt. Das Gefühl der Freude und Erlösung bei der Zieldurchfahrt nach einem Superlauf seien «einzigartig, das erlebt man nur im Spitzensport».
Überhaupt würde jede Saison neue Herausforderungen mit sich bringen. «Das Niveau wird von Jahr zu Jahr höher», gibt der 28-Jährige zu bedenken. Die anderen Athleten würden auch immer besser, man könne sich immer wieder etwas abschauen. Auch das Material entwickle sich immer weiter, was stets neue Anpassungen mit sich bringe.
Heim-WM steht vor der Tür
Nach der Saison trainierte Odermatt zudem erstmals auf der Riesenslalom-Piste in Crans-Montana, wo im kommenden Winter die Heim-WM stattfinden wird. Noch so ein neuer Reiz und nicht zuletzt ein grosses Ziel von Odermatt.
Zuletzt darf auch davon ausgegangen werden, dass der Appetit mit dem Essen kommt. So pflichtet Odermatt Granit Xhaka bei, als dieser sagt: «Wenn man Titel holt und erfolgreich ist, will man immer mehr.» Odermatt meint: «Das zeichnet die Besten aus.» Der Erfolgshunger ist also noch längst nicht gestillt.