Es ist harte Kost, die der Film «Venezuela – Das Land der verlassenen Kinder» seiner Zuschauerschaft zumutet. Die Kamera filmt, wie ein Totgeborenes gewaschen und in einen schlichten Sarg gelegt wird.
Das Kind starb während der Geburt. Ärzte verweigerten den nötigen Kaiserschnitt, weil ihnen ein Arztkittel fehlte.
Plastiktüten anstatt Särge
Die Bestattung soll dem Todesopfer ein wenig Würde verschaffen. In den Slums von Venezuela verstorbene Kinder werden oft in Plastiktüten begraben, weil das Geld für eine Urne fehlt.
Ort des Geschehens ist Maracaibo, das lange Zeit zu den reichsten Städten von ganz Lateinamerika zählte. Tatsache ist: Venezuela besitzt mehr Bodenschätze und Öl als jedes andere Land der Erde.
Sieben Millionen Flüchtlinge
Tatsache ist aber auch: Korruption und Misswirtschaft verwandelten das Land in den letzten 20 Jahren in einen «failed state», einen gescheiterten Staat. Wer hier im Slum geboren wird, kämpft ab dem ersten Tag ums nackte Überleben.
Sieben Millionen Menschen haben in den letzten Jahren Venezuela verlassen. Nicht selten liessen sie auch ihre Kinder zurück.
Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wieder zurück in Maracaibo ist die 33-jährige Mutter Kiara Valbuena. Doch den vierzehnjährigen Sohn Yorbenis hält sie trotzdem für dem Tod geweiht.
Yorbenis ist in einer Gang. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, was Mutter Kiara ihm prophezeit. Schüsse aus einem vorbeifahrenden Auto strecken im Handumdrehen drei Männer nieder.
Was ihm denn seine Gang bedeute, wird Yorbenis gefragt. «Nichts», antwortet er mit versteinerter Miene – und fügt nach langem Schweigen hinzu: «Es bedeutet nichts anderes, als Leute zu töten, zu überfallen, auszurauben.»
Mutter Kiara gesteht: «Ich habe mich oft prostituiert, damit meine Kinder nicht hungrig einschlafen müssen. Aber sind mit nicht einmal dankbar, sondern denken schlecht über mich.»
Töten, ohne nachzudenken
Man ahnt, woher Yorbenis' Gefühlskälte kommt: «Was wir beim Töten fühlen? Nichts. Wir töten, ohne nachzudenken.»
Hoffnung in die Trostlosigkeit bringen will Carolina Leal. Einst Anführerin einer Gang, leitet sie heute eine Stiftung. Dank ihr existiert eine Essensausgabe.
Gründerin Leal sagt: «Diese Stiftung ist aus Tränen, Schmerz und Blut geboren.» Als sie mit ihrer Arbeit begann, starben viele Kinder just daran, wieder zu essen zu haben. Bis ein Arzt ihr erklärte, dass Unterernährte schrittweise wieder ans Essen gewöhnt werden müssen.
Halt bietet im Elendsviertel «Santa Rosa de Agua» zudem der Glaube. Der junge Gangster Yorbenis sagt: «Ich bete zu Gott, dass ich 50 werde – dass sie mich noch nicht töten.»
Und der Dokumentarfilm endet mit einer Einstellung, in der ein Prediger den jungen Gangmitgliedern vorbetet: «Ich werde mich bessern, damit die Gesellschaft nicht auf mich herabschaut, sondern Christus in mir erkennt.»