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Abnehmpille Was passiert, wenn Abnehmen per Medikament noch leichter wird?

Die erste Abnehmtablette könnte bald auch nach Europa kommen. Sie senkt die Hemmschwelle für Medikamente zum Abnehmen – und lenkt den Blick auf eine Frage: Was macht das mit Menschen, die medizinisch gar nicht abnehmen müssten?

Lange war Abnehmen vor allem eine Frage der Disziplin. Wer es nicht schaffte, hatte sich – so die stille Annahme – nicht genug zusammengerissen. Doch diese Erzählung gerät mehr und mehr ins Wanken. Seit es Medikamente wie Ozempic oder Wegovy gibt, die das Gewicht zuverlässig senken, verschiebt sich die Frage: weg vom Willen, hin zum Rezept.

Wie weit dieser Wandel bereits reicht, zeigt eine Ende Mai veröffentlichte Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts: Rund neun Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nehmen demnach ein GLP-1-Medikament, um abzunehmen. Und auch die CSS-Gesundheitsstudie 2025 zeigt: 15 Prozent können sich vorstellen, Abnehmspritzen zu nutzen, oder haben dies bereits getan.

Und die Zahl könnte weiter wachsen. Denn bisher werden diese Medikamente fast ausschliesslich gespritzt. Mit einer Abnehmtablette fällt womöglich eine Hürde weg: die Nadel.

Vom Stechen zum Schlucken

Ende Mai hat der zuständige Ausschuss der europäischen Arzneimittelbehörde EMA eine hoch dosierte Semaglutid-Tablette erstmals zur Gewichtsreduktion zur Zulassung empfohlen. Semaglutid-Tabletten gegen Diabetes gibt es bereits, neu wäre die Anwendung als Abnehmmedikament.

Was ist Semaglutid?

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Semaglutid ist der Wirkstoff hinter bekannten Medikamenten wie Ozempic, Wegovy und der nun diskutierten Abnehmtablette. Er gehört zur Gruppe der sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Diese ahmen ein Darmhormon nach, das dem Gehirn signalisiert, dass man satt ist. Dadurch sinkt der Appetit, und der Magen entleert sich langsamer.

Entwickelt wurde Semaglutid ursprünglich zur Behandlung von Diabetes Typ 2. Erst später zeigte sich, dass Menschen damit oft deutlich an Gewicht verlieren. Heute wird derselbe Wirkstoff deshalb auch gegen Adipositas eingesetzt.

Der Unterschied zwischen Ozempic, Wegovy und der neuen Tablette liegt nicht im Wirkstoff selbst, sondern vor allem in Dosierung, Zulassung und Darreichungsform. Während Ozempic und Wegovy gespritzt werden, wird die neue Variante als Tablette eingenommen.

Über eine Zulassung in der Schweiz entscheidet Swissmedic unabhängig von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Aktuell liegen Swissmedic nach eigenen Angaben zwei Zulassungsgesuche für GLP-1-Präparate zur Gewichtsreduktion vor. Zu den laufenden Verfahren macht Swissmedic keine näheren Angaben.

Wie gut die Tablette wirkt, lässt sich dagegen bereits recht gut abschätzen.

Der Unterschied? Die Hemmschwelle

Medizinisch ist sie keine Revolution. In der Zulassungsstudie verloren die Teilnehmenden im Schnitt rund 16 Prozent ihres Körpergewichts. Bei 120 Kilo entspricht das fast 20 Kilo – etwa gleich viel wie mit der Spritze. Neu ist deshalb vor allem die Form: schlucken statt spritzen.

Im klinischen Alltag zählt, was gut belegt ist. Nicht die nächste Schlagzeile.
Autor: Philipp Gerber Leiter Adipositas-Zentrum USZ

Für Philipp Gerber, Leiter des Adipositas-Zentrums am Universitätsspital Zürich, sind das zunächst gute Nachrichten. Für Menschen mit krankhaftem Übergewicht zählen diese Medikamente zu den grössten Fortschritten der letzten Jahre: eine Behandlung gegen eine Krankheit. Kein Lifestyle-Produkt.

Person injiziert sich in den Bauch.
Legende: Bisher werden diese Medikamente fast ausschliesslich gespritzt. Eine Tablette zu schlucken, könnte die Hemmschwelle senken: Durch den Wegfall der Nadel dürfte die Nachfrage nach Medikamenten deutlich ansteigen. iStock / Tom Merton

Deshalb gehe es längst nicht mehr darum, ob sie wirken, sondern wer sie künftig nutzt. «Nicht jeder möchte sich jede Woche selbst etwas spritzen, selbst wenn es wirkt», sagt er. Fällt die Nadel weg, dürften auch diejenigen zu solchen Medikamenten greifen, die das bisher nie in Betracht gezogen hätten.

Genau das beschäftigt auch die Psychologin Simone Munsch von der Universität Fribourg. Sie forscht seit Jahren zu Essstörungen und Körperbild – und sieht in der Tablette nicht nur ein altes Medikament im neuen Gewand. Die eigentliche Frage sei, was passiert, wenn solche Mittel für immer mehr Menschen zur Option werden.

Mehr als Abnehmen?

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Inzwischen zeigt sich, dass die Wirkung womöglich weiter reicht. In einer Studie mit über 17'000 herzkranken, übergewichtigen Menschen sanken Herzinfarkte und Schlaganfälle um rund 20 Prozent. Bemerkenswert ist, dass sich der Effekt nicht allein durch den Gewichtsverlust erklären liess. Offenbar beeinflusst der Stoff auch das Herz-Kreislauf-System direkt.

Seither wächst die Liste möglicher weiterer Vorteile: weniger Suchtverlangen, gesündere Nieren, womöglich ein längeres Leben.

Nur: Vieles davon beruht bisher auf Beobachtungsstudien oder frühen Daten. Endokrinologe Philipp Gerber mahnt deshalb zur Zurückhaltung: Im klinischen Alltag zähle, was gut belegt sei, nicht die nächste Schlagzeile.

Die Frage stellt sich nicht erst für die Zukunft. Hinweise darauf gibt es schon heute. In den sozialen Medien kursieren Tausende Berichte über Ärztinnen und Ärzte, die solche Mittel auch ohne medizinische Indikation verschreiben. Genau messen oder beweisen lässt sich das natürlich kaum. Doch es deutet darauf hin, dass die Medikamente längst über die Patientengruppe hinaus genutzt werden, für die sie ursprünglich gedacht waren.

Dass das auf Interesse stösst, kommt nicht von ungefähr.

Wenn der Körper nicht das Problem ist

Laut einer Studie des GDI empfindet mehr als die Hälfte der befragten Schweizerinnen und Schweizer den Druck, gut auszusehen, als zu hoch. Ein Druck, der nicht im Spiegel endet, sondern im Feed, auf Gruppenfotos oder in der Umkleidekabine weitergeht. In genau diese Stimmung kommt nun ein Mittel, das Dünnsein einfacher macht als je zuvor.

In Simone Munschs Sprechstunde an der Universität Fribourg sitzen Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die einen viel zu dünn, die anderen chronisch übergewichtig. Und doch haben sie oft dieselbe Sorge: Sie fühlen sich im eigenen Körper nicht wohl.

Weniger Gewicht entlastet nicht immer

Für Munsch, die seit Jahren zu Essstörungen und Körperbild forscht, ist das der Schlüssel zum ganzen Thema. «Weniger Gewicht und mehr Zufriedenheit mit dem eigenen Körper sind nicht dasselbe», sagt sie.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Wer abnimmt, müsste sich doch besser fühlen. Für manche stimmt das auch. Wer dem eigenen Ideal näherkommt, erlebt oft eine gewisse Entlastung. Für viele andere aber nicht. Das Gewicht lässt sich verändern – die Beziehung zum eigenen Körper oft erstaunlich wenig.

Die entscheidende Frage ist oft nicht, wie viel jemand wiegt. Sondern, wie jemand auf den eigenen Körper schaut.
Autor: Simone Munsch Psychologin

Genau darauf weisen auch verschiedene Studien hin. Eine Untersuchung im Fachjournal «Body Image» zeigt: Menschen mit ausgeprägter Körperscham interessieren sich besonders für solche Medikamente. Wer sich im eigenen Körper wohlfühlt, greift deutlich seltener danach.

Auch die GDI-Befragung passt zu diesem Bild. Unter den Menschen, die offen für GLP-1-Medikamente sind, geben rund 81 Prozent an, mit ihrem Körpergewicht unzufrieden zu sein.

Anders gesagt: Die Pille dürfte besonders jene anziehen, die mit ihrem Körper hadern. «Die entscheidende Frage ist oft nicht, wie viel jemand wiegt», sagt Munsch. «Sondern wie jemand auf den eigenen Körper schaut.»

Nicht nur ein Frauenthema

Eine gewisse Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper gehöre bis zu einem gewissen Grad zum Menschsein dazu, sagt Munsch. Wegmedikamentieren lasse sie sich nicht. Je einfacher solche Mittel zugänglich werden, desto mehr Menschen erreichen sie, die eigentlich an etwas anderem arbeiten müssten als an ihrem Gewicht.

Zwei Personen messen ihre Taillen mit Massbändern.
Legende: Das männliche Idealbild: schlank und muskulös. Nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern dürfte die Nachfrage nach einer Abnehmtablette bestehen. Imago / Bihlmayerfotografie

Wer beim Thema Körperdruck zuerst an junge Frauen denkt, greift laut Munsch zu kurz. Männer geraten in dieser Debatte oft aus dem Blick, dabei steige der Druck auch bei ihnen. Das Ideal sei heute schlank und muskulös zugleich – und beides verlange enorme Selbstdisziplin. Lasse sich ein Teil dieser Anstrengung an eine Tablette abgeben, dürfte die Nachfrage auch unter Männern steigen. «Wir machen oft den Fehler, eine Gruppe zu übersehen – bis sie uns von hinten überholt», sagt Munsch.

Noch mehr Fragen an Psychologin Simone Munsch

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SRF Wissen: Viele erhoffen sich von ein paar Kilo weniger ein neues Leben. Was, wenn das ausbleibt?

Simone Munsch: Das betrifft vor allem Personen, bei denen keine medizinische Indikation zur Gewichtsreduktion besteht. Wer also nicht aus gesundheitlichen, sondern eher aus kosmetischen Gründen einige Kilo abnehmen möchte, überschätzt oft, wie stark sich das Leben dadurch verändert. Setzt man das Mittel ab, kommt nicht nur das Gewicht zurück, sondern häufig auch die alte Unzufriedenheit. Denn das eigentliche Thema, der Blick auf den eigenen Körper, blieb ja unbearbeitet.

Warum ist Abnehmen ohne solche Mittel überhaupt so schwer? 

Unser Körpergewicht ist ein Gleichgewicht, eine Homöostase. Es ist biologisch durchaus sinnvoll, dass es sich nicht von heute auf morgen verändern lässt, sondern nur mit viel Aufwand. Genau dort greifen diese Medikamente ein – sie verschieben dieses Gleichgewicht sehr viel rascher, als wir das aus eigener Anstrengung können.

Macht die Pille das Stigma gegenüber dickeren Menschen schlimmer? 

Das wäre denkbar, nach dem Motto: Jetzt gäbe es ja eine Lösung. Ich halte aber auch das Gegenteil für möglich. Viele erleben durch diese Mittel am eigenen Körper, dass Gewicht keine reine Willensfrage ist, sondern mit einem Medikament «unterdrückt» werden muss. Setzt man das Medikament ab, ist der Hunger sofort wieder da. Diese Erfahrung könnte das Verständnis für übergewichtige Menschen sogar vergrössern.

Wird Schlanksein zur Geldfrage? 

Die Mittel kosten, und die Kassen zahlen längst nicht für alle. Schlanksein könnte so stärker zur sozialen Trennlinie werden. Ich beobachte dabei jetzt schon zwei Entwicklungen: Zum einen werden Schönheitsbehandlungen immer mehr zum gemeinsamen Erlebnis: Man fährt etwa übers Wochenende weg und lässt sich zusammen optimieren. Zum anderen spart man darauf hin wie auf eine Reise – man legt Geld beiseite und freut sich darauf. Mit einer Tablette zur Gewichtsreduktion dürfte sich beides noch verstärken.

Spaltet diese neue Machbarkeit uns als Gesellschaft? 

Ich glaube vor allem die Jungen, ja. Die einen sagen: Den Körper, den ich habe, gilt es zu akzeptieren – das sind häufig junge Frauen aus einem bildungsnahen Umfeld. Bei den anderen hängt der Selbstwert stärker an der Äusserlichkeit, und sie sind bereit, dafür zu investieren. Diese Gruppe wird die neue Möglichkeit nutzen, denke ich. 

Worauf müsste man jetzt am genauesten schauen? 

Vor allem auf zwei Gruppen: jüngere und ältere Frauen – und man darf die Männer nicht vergessen. Bei den Jüngeren gilt es zu verhindern, dass der Appetit schon in jungen Jahren über Jahre fremdreguliert wird, ohne medizinischen Grund. Was das auslöst, hat niemand untersucht – ebenso wenig, was es bedeutet, ein solches Mittel lebenslang zu nehmen. Bei den älteren Frauen ist die Frage, auf wessen Kosten die Gewichtsabnahme geht: Stichwort Muskelmasse.

Und auch das Alter sei ein blinder Fleck. Der Wunsch, schlank und jung zu wirken, verschwinde nicht mit 50. Er verändere nur seine Form: weg von Attraktivität, hin zu Jugendlichkeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Dazu kommt: Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil des verlorenen Gewichts nicht aus Fett, sondern aus Muskelmasse besteht. Im Extremfall bis zu 40 Prozent. Gerade im Alter ist das sehr heikel. Muskeln entscheiden mit darüber, wie mobil und selbstständig jemand bleibt. Wer abnimmt, sagt Gerber, sollte deshalb gezielt gegensteuern: mit Bewegung und genügend Eiweiss.

Geht es wirklich ums Gewicht?

Für Menschen mit krankhaftem Übergewicht überwiegt der Nutzen dieser Medikamente dennoch klar. Die grössere Frage ist, was passiert, wenn sie für immer mehr Menschen zur Option werden.

Und damit bleibt eine Frage, die sich mit keinem Rezept beantworten lässt: Geht es wirklich ums Gewicht? Oder um etwas, das man über den Körper zu lösen versucht?

SRF1, 11.6.2026, 14:03 Uhr; wyss

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