Laurine leidet unter Angstzuständen. Oft bemerkt sie nicht, wenn eine Panikattacke kommt – bis der Hund Titus reagiert. Mit einem Nasenstoss warnt er sie, bevor die Angst sie überwältigt. «Dann weiss ich: Ich muss mich beruhigen», sagt Laurine.
Titus ist ein Assistenzhund der Schweizer Stiftung Arthanis – ausgebildet, um unsichtbare Krankheiten zu lesen. Dank ihm traut sich Laurine wieder einkaufen, mit Menschen sprechen, teilhaben. Aber wie funktioniert das? Und wie zuverlässig ist diese stille Kommunikation wirklich?
Der Körper sendet Signale, lange bevor das Bewusstsein die Angst bemerkt: veränderte Ausatmung, Schweissveränderungen, flüchtige organische Verbindungen. Eine Nase mit bis zu 250 Millionen Riechzellen erkennt das – die Nase eines Hundes.
Hunde können medizinische Zustände anzeigen – aber ihre Zuverlässigkeit hängt stark von der Ausbildung ab.
Dass dieses Prinzip funktioniert, ist wissenschaftlich belegt: Mag. Karl Weissenbacher von der Veterinärmedizinischen Universität Wien fasst zusammen: «Hunde können verschiedene medizinische Zustände anzeigen. Aber dass sie es können, heisst nicht, dass es immer funktioniert.» Diese Zuverlässigkeit hänge stark davon ab, wie gut der Hund ausgebildet wurde.
Ausbildung als kritischer Punkt
Pro Jahr bildet die Schweizer Stiftung Arthanis etwa zehn Hunde aus – die Nachfrage ist dreimal höher. Jeder Hund braucht etwa zwei Jahre Training. Doch genau hier zeigt sich das Problem: «Die fehlende Standardisierung öffnet Tür und Tor für schlecht ausgebildete Hunde», warnt Weissenbacher. Es gibt keine europäischen Normen, keine einheitlichen Prüfungen.
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Bild 1 von 4. Mit Nasenstössen an den Oberschenkel zeigt Assistenzhund Titus seiner Besitzerin Laurine an, wenn eine Panikattacke naht. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Laurine: «Inzwischen gehe ich wieder ohne Schwierigkeiten mit dem Hund an öffentliche Orte. Zum Beispiel kann ich wieder spontan etwas einkaufen, wenn ich etwas fürs Essen brauche.». Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Laurine mit Titus beim Einkaufen. Obwohl der Hund medizinisch trainiert ist, fehlt der Schweiz eine klare rechtliche Grundlage für Assistenzhunde. Betroffene müssen ihre Hunde in öffentlichen Räumen regelmässig rechtfertigen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Die Ausbildung eines Assistenzhundes dauert etwa zwei Jahre und beginnt mit einem Aufenthalt in einer Pflegefamilie. Nach etwa anderthalb Jahren erhält der Hund eine auf seine späteren Einsätze zugeschnittene Ausbildung. Bildquelle: SRF.
Die Zuverlässigkeit schwankt extrem – je nachdem, wie sorgfältig trainiert wird. Manche Organisationen verstehen, wie man biochemische Signale in verlässliches Anzeigeverhalten transformiert. Andere weniger. Für Laurine funktioniert es. Aber nicht überall wird sie mit Titus akzeptiert.
Unsichtbare Krankheiten, sichtbare Hürden
Im Restaurant fragen sie, ob der Hund nötig ist. Im Geschäft mustern Mitarbeitende skeptisch. Die Schweiz hat keine einheitliche rechtliche Grundlage für Assistenzhunde – anders als die USA mit ihrem «Americans with Disabilities Act (ADA)». Zugangsrechte sind ein Graubereich. Laurine muss jedes Mal erklären, rechtfertigen, kämpfen.
Doch der Nutzen überwiegt für Laurine klar. Das Wichtigste ist, dass ich wieder viel mehr mit Menschen spreche», sagt sie. «Früher war meine grösste Angst, draussen nicht selbstständig zu sein.» Das ist die Paradoxie unsichtbarer Krankheiten: Sie sind unsichtbar, deshalb glaubt man ihnen nicht – selbst wenn ein trainierter Hund nebendran steht und hilft.
Kleine Nasenstösse, grosse Wirkung
Medizinische Warnhunde sind kein Wundermittel – das sagt sogar die Stiftung Arthanis selbst. Bei Epilepsie und Diabetes ist das Prinzip wissenschaftlich belegt, wenn auch mit grossen Schwankungen. Bei Angstzuständen fehlen die Studien weitgehend. Und auch nicht jeder Hund ist gleich zuverlässig.
Und doch: Für Laurine ist Titus ein Wundermittel. Ein Nasenstoss, zwei Schnauzendrücke gegen das Bein. Signale, die sie lesen gelernt hat wie eine neue Sprache – die Sprache ihres eigenen Körpers, den sie vorher nicht verstand. Dank Titus kann sie im Supermarkt stehen, ohne zu fliehen. Sie kann mit Menschen reden. Sie kann leben.