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Ikonische Filmszene Die Adrenalinspritze in «Pulp Fiction» – kann das funktionieren?

Eine Line Heroin statt Kokain: Mia Wallace bricht leblos zusammen. Vincent Vega gerät in Panik und schleppt sie zu seinem Dealer. Was dann folgt, gehört zu den berühmtesten Rettungsversuchen der Filmgeschichte. Das meint die Notfallmedizin zur ikonischen Szene.

Der Kultfilm «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino enthält eine der ikonischsten Szenen der Filmgeschichte: Mia Wallace (Uma Thurman) findet eine kleine Tüte mit weissem Pulver. Sie hält es für Kokain – und zieht eine Line.

Doch es handelt sich um Heroin, das deutlich stärker wirkt. Kurz darauf verliert Mia das Bewusstsein, ihre Atmung wird flach – eine sogenannte Atemdepression, also eine gefährliche Verlangsamung der Atmung.

Adrenalin, direkt ins Herz gerammt

Vincent Vega (John Travolta) sollte auf Mia aufpassen. Ihr Tod hätte für ihn katastrophale Konsequenzen. Also rast er mit ihr zu seinem Dealer Lance – vielleicht weiss der ja, was zu tun ist.

Lance ist überrumpelt, findet jedoch in einem Notfallset eine Adrenalinspritze. Auf der Anleitung steht, dass das Adrenalin direkt ins Herz injiziert werden müsse – durch den Brustkorb hindurch.

Vincent markiert mit einem Filzstift einen roten Punkt auf Mias Oberkörper, dort, wo er ihr Herz vermutet. Nach kurzem Zögern und mangels Alternativen rammt er ihr die Spritze mit voller Kraft in die Brust.

Die Szene ist aus medizinischer Sicht unrealistisch.
Autor: Ksenija Slankamenac Notfallmedizinerin

Mia atmet heftig ein, stösst einen Schrei aus und ringt nach Luft. Nach kurzem Schock normalisiert sich ihr Zustand – die Rettungsaktion ist geglückt!

Würde Mia in einer Notfallstation auch so behandelt werden? «Die Szene ist aus medizinischer Sicht unrealistisch», sagt Ksenija Slankamenac, Direktorin ad interim des Instituts für Notfallmedizin am Universitätsspital Zürich. Direkte Injektionen ins Herz werden seit Jahrzehnten nicht mehr angewendet, erklärt die Expertin. Das Risiko sei zu gross, dabei Lunge, Brustfell oder Gefässe der Brustwand zu verletzen.

Wie wurde die Szene gedreht?

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Für die berühmte Injektionsszene griff Tarantino zu einem einfachen Trick: Die Szene wurde rückwärts gedreht.

John Travolta begann mit der Spritze auf Uma Thurmans Brust und zog sie ruckartig nach oben. Im fertigen Film wurde die Aufnahme rückwärts abgespielt – so wirkt es, als ramme er die Spritze mit perfekter Präzision in ihr Herz.

Sp(r)itzenklasse!

Würde Mia mit einer solchen Überdosis in die Notaufnahme eingeliefert, sähe die Behandlung heute ganz anders aus. Im Zentrum stünde zunächst die Stabilisierung ihrer Atmung. Hätte Mia keinen Puls mehr, würde sofort mit der Reanimation begonnen, erklärt die Notfallmedizinerin.

Rettung durch Naloxon

Befände sich Mia erst am Beginn einer Atemdepression, würde ihr auf dem Notfall Naloxon intravenös verabreicht. Naloxon ist ein Medikament, das die Wirkung von Opioiden wie Heroin vorübergehend blockiert: Es verdrängt die Substanzen von den entsprechenden Rezeptoren im Gehirn. Oft reicht das, um die Atmung wieder in Gang zu bringen.

Naloxon gibt es auch als Nasenspray für eine sofortige Anwendung, beispielsweise zu Hause oder im Rettungsfahrzeug. Doch Naloxon ist nicht die gesamte Lösung. Die Wirkung hält etwa 30 bis 90 Minuten – danach können die Symptome der Überdosierung zurückkehren. Der Spray verschafft lediglich Zeit, bis eine professionelle, medizinische Versorgung sichergestellt werden kann.

Naloxon in der Schweiz

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Naloxon gibt es auch als Nasenspray. Der flächendeckende Zugang zu den Sprays ist in der Schweiz im europäischen Vergleich jedoch nicht ohne Weiteres gewährleistet.

Die Versorgung ist auf kantonaler Ebene geregelt. Bestellungen im Ausland sind möglich, jedoch sind die Hürden für einzelne Kantone oder Städte sehr hoch. Seit Juni 2025 sind die Sprays hierzulande erhältlich. Im Kanton Zürich wurden beispielsweise 1000 Dosen angeschafft, in Genf rund 200.

Die Sprays dürfen zwar rezeptfrei abgegeben werden, jedoch ist die Kostenübernahme durch die Krankenkassen nicht gewährleistet. Eine Packung mit zwei Einzeldosen kostet rund 70 Franken. Hinzu kommen Beratungskosten.

Zudem muss die betroffene Person selbst in die Apotheke gehen, um den Spray zu kaufen – nur in Ausnahmefällen dürfen das Angehörige übernehmen, schreibt Pharmasuisse.

Gemäss Infodrog – der im Auftrag des BAG eingesetzten, nationalen Koordinations- und Fachstelle für Sucht – bräuchte es ein übergeordnetes und koordiniertes Vorgehen, um sowohl die Verfügbarkeit, die Bekanntheit, als auch den Umgang mit Naloxon-Nasensprays zu fördern.

In umliegenden Ländern wird dies teils stärker priorisiert. In Deutschland beispielsweise mit dem Modellprojekt NALtrain.

Im Idealfall wäre Mia also mit einem Naloxon-Spray stabilisiert und anschliessend dem Rettungsdienst übergeben worden – deutlich weniger theatralisch, als Tarantino es 1994 inszeniert hat.

Dass die Szene nicht der Realität entspricht, dürfte «Pulp Fiction»‑Fans aber kaum stören: Gerade ihre Übertreibung macht sie so unvergesslich.

Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 4.3.2026, 06:54 Uhr

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