Ein Jahr lang schon ist klar, dass die USA die Weltgesundheitsorganisation verlassen. Ein Jahr lang haben US-Präsident Donald Trump und Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr. ihre Angriffe auf die WHO immer wieder wiederholt.
Ein Jahr lang blieb die WHO auffällig still. Die Organisation drückte ihr Bedauern über den Austritt der USA aus, das wars. Das ist seit Samstag anders. Deutlich weist die Organisation die Kritik aus den USA zurück. «Unwahr» seien die Gründe, die die USA für ihren Austritt anführen.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Traditionell hält sich die WHO mit Kritik an Mitgliedsländern zurück, man bemüht sich sehr um Diplomatie, sorgt sich gewissenhaft darum, dass alle ihr Gesicht wahren. So sehr, dass man sich als Beobachterin nicht selten mehr Klarheit wünscht. Nun sind die USA kein Mitglied mehr, die WHO kann deutlich werden.
Nuancen, die keine sind
Die Kritik der USA entzündet sich vor allem an der Pandemie: Die WHO habe Lockdowns, Maskenpflicht und Impfpflicht empfohlen. Falsch, sagt die WHO. Sie habe lediglich für Abstandsregeln, Maskentragen und Impfungen geworben. Das klingt auf den ersten Blick nach Nuancen, doch zwischen dem Werben für eine Impfung und der Empfehlung einer Impfpflicht, zwischen Lockdown und Abstandsregeln liegen Welten.
Die WHO habe ausserdem Informationen zum Virus nicht schnell genug weitergegeben oder gar zurückgehalten. Falsch, sagt die WHO. Informationen seien so rasch wie möglich geprüft und geteilt worden. Ein Beispiel: Bis die WHO offiziell bestätigte, dass es Infektionen von Mensch zu Mensch gibt, dauerte es tatsächlich relativ lange. Längst waren Berichte aus Wuhan im Umlauf, die nahelegten, dass Menschen einander ansteckten.
Die Langsamkeit kann man kritisieren und die Prozesse schwerfällig finden. Doch es gilt auch, dass die WHO ihre Aussagen zurecht sorgfältig prüft, denn sie haben Gewicht.
Aufreibende Auseinandersetzungen
Traurig ist am jetzigen Moment vor allem, dass die wahrheitsfernen Argumente der US-Regierung die Realität verschleiern, und es schwerer wird, tatsächliche Fehler und Versäumnisse aufzuarbeiten. Die WHO muss viel Energie aufwenden, um teils absurde Vorwürfe zu widerlegen, die Energie wird fehlen, um tatsächlich verkrustete Strukturen in der WHO aufzubrechen.
Gleichzeitig geschieht etwas Bemerkenswertes. Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien, kündigt an, dass Kalifornien mit der WHO kooperieren werde. Er will mithelfen, die Lücke zu schliessen, die der US-Austritt reisst. Dafür wird es neue Ideen und Mut brauchen. Die WHO wird sich zu einem Teil neu erfinden müssen. Und beim Neuerfinden vielleicht doch wichtige Lektionen aus der Pandemie umsetzen können.