Wir verziehen uns jetzt mal kurz zusammen aufs stille Örtchen – rein gedanklich natürlich. Sie machen Ihr grosses Geschäft, packen es in ein Röhrchen und versenden es per Post. Dann, ein paar Tage später, sagt Ihnen eine App, wie’s Ihrer Darmflora geht. Sogenannte «Mikrobiom-Kits» wollen Darmgesundheit ohne Arzt-Termin möglich machen.
Die Anbieter dieser Sets versprechen mit ihren Tests nicht nur die Ursache unspezifischer Beschwerden, wie ständiger Müdigkeit und innerer Unruhe, zu finden. Oft liefern sie gleich die vermeintliche Lösung mit – in Form personalisierter Nahrungsergänzungsmittel.
Nutzung nimmt zu
Schätzungen zufolge lag der globale Markt für Heim-Darm-Mikrobiom-Tests 2024 bei rund 3,83 Milliarden – mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 16 Prozent bis 2032. Und auch in der Schweiz sind die Kits längst angekommen: In Drogerien, Online-Apotheken und im Spital: «In unserer Mikrobiom-Sprechstunde sehen wir sehr viele Patientinnen, die bereits vorab ein Mikrobiom-Kit benutzt haben. Die Nutzung dieser Tests nimmt in den letzten Jahren sichtlich zu», sagt auch Michael Scharl, leitender Arzt an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Unispital Zürich.
Umfrage
Doch eine neue Studie zeigt jetzt: Die Resultate dieser Homekits sind – gelinde gesagt – mit Vorsicht zu geniessen.
Forschende haben sieben Anbieter miteinander verglichen. Alle erhielten dieselbe Probe – und trotzdem fielen die Resultate je nach Firma komplett unterschiedlich aus: Während der Darm bei einem Anbieter als unauffällig erschien, wurde er bei einem anderen als «sehr problematisch» bewertet. Das Resultat hängt also stark davon ab, welchen Test man wählt. Wie kann das sein?
Keine Normwerte für Darmflora
Die Studienautoren nennen einen zentralen Grund: Jeder Mensch nimmt die Proben anders, jede Firma wiederum verarbeitet sie anders und wertet sie anders aus. Erst wenn Probenahme, Analyse und Bewertung standardisiert würden, könnten solche Tests verlässlicher werden.
Dazu kommt: In der Regel analysieren die Anbieter, welche Bakterien im Darm vorkommen und in welchem Verhältnis. Daraus erstellen sie Profile zur «Darmflora», oft kombiniert mit Bewertungen: Ihr Mikrobiom sei «ausgeglichen» oder «unausgeglichen». Die Idee dahinter: Eine vielfältige Darmbesiedlung gilt als günstig für die Gesundheit.
Nur: Wissenschaftlich belastbare Aussagen für Einzelpersonen lassen sich daraus nur sehr begrenzt ableiten. Ein zentrales Problem sei, dass es für das Darmmikrobiom keine allgemein anerkannten «Normalwerte» gebe, so Michael Scharl. Anders als etwa bei Blutwerten. Ausserdem ist eine Stuhlprobe immer nur eine Momentaufnahme.
«Ganz schwierig wird es, wenn die Anbieter dann noch Interpretieren und ein erhöhtes Krebs- oder Diabetesrisiko auf Basis solcher Heimtests attestieren.» Auch in die Mikrobiom-Sprechstunde würden verunsicherte Patientinnen kommen: «Oft lassen sich die prognostizierten Risiken aber nicht bestätigen, weil die Heim-Tests viele der relevanten Pathogene gar nicht erfassen.»
Als neugieriger Blick auf die eigene Darmflora mögen die Tests für manche also spannend sein. Als medizinische Grundlage aber: eher nicht. Wer Beschwerden hat oder sich Sorgen macht, ist in der ärztlichen Praxis definitiv besser aufgehoben als bei der App-Diagnose.