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Nature-Medicine-Studie Wie wir uns falsch ernähren, ohne es zu merken

Weltweit sterben jährlich über vier Millionen Menschen an Herzkrankheiten wegen falscher Ernährung. Das zeigt eine neue Studie im Fachjournal Nature Medicine. SRF-Wissenschaftsredaktorin Gina Buhl ordnet ein.

Gina Buhl

SRF Wissenschaftsredaktorin

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Gina Buhl ist Wissenschaftsredaktorin bei SRF mit Schwerpunkt auf Stoffwechselerkrankungen, Ernährung, Sport und Frauengesundheit.

Welche konkreten Ernährungsfehler nennt die Studie?

Zu wenig Nüsse und Samen, zu wenig Vollkorn, zu wenig Früchte – und zu viel Salz. Das sind laut Forschenden vier Faktoren, die weltweit zu den wichtigsten Ursachen für Herzinfarkte und Herztod zählen.

Besonders betroffen: Ärmere Länder, wo schützende Lebensmittel wie Nüsse oder frische Früchte fehlen oder zu teuer sind, ältere Menschen, deren Herz-Kreislauf-System Mangelernährung weniger verzeiht, und Männer, die im Schnitt ungesünder essen als Frauen.

Was ist das Überraschende an diesen Ernährungsfehlern?

Eigentlich würde man Verbote erwarten. Aber die Studie dreht den Spiess um: Das grosse Problem ist oft nicht das Zuviel – sondern das Zuwenig. Weltweit fehlt es vielen Menschen an Lebensmitteln, die schützen.

Das hat weniger mit individuellen Fehlentscheidungen zu tun als mit den Bedingungen, unter denen sie essen: Was verfügbar und erschwinglich ist – und was nicht. Die grosse Ausnahme ist Salz.

Salz konsumieren die meisten zu viel, weil es in vielen verarbeiteten Produkten steckt. Auffällig ist auch: Im internationalen Vergleich steht die Schweiz recht gut da.

Mehr spannende Facts aus der Studie

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Ein Blick in die Details der Studie zeigt noch ein paar weitere spannende Punkte.

  • Risikofaktoren: Unter den Ernährungsfaktoren trägt zu wenig Vollkorn global am stärksten zur Krankheitslast bei – noch vor zu wenig Nüssen oder zu wenig Früchten.
  • Ernährung versus andere Risiken: Ungesunde Ernährung verursacht weltweit mehr Krankheitslast als Tabak oder Bluthochdruck allein betrachtet (je nach Region unterschiedlich gewichtet).
  • Regionale Unterschiede: Welche Ernährungsfehler am stärksten ins Gewicht fallen, variiert stark: in Asien etwa oft zu viel Salz, in westlichen Ländern eher zu wenig Vollkorn und Nüsse.
  • Kombinationseffekte: Die Risiken wirken nicht isoliert, sondern addieren sich: Mehrere kleine Defizite in der Ernährung können zusammen ein hohes Risiko ergeben.
  • Frühe Prägung: Ernährungsgewohnheiten, die das Risiko erhöhen, entstehen oft früh im Leben und wirken über Jahrzehnte.
  • Potenzial für Prävention: Ein grosser Teil der Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt als durch Ernährung grundsätzlich vermeidbar – zumindest theoretisch.

Warum schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich besser ab?

Das lässt sich aus der Studie nicht direkt herauslesen. Was man aber sagen kann: Ärmere Länder leiden besonders unter Mangelernährung. Reichere Länder wie die Schweiz haben besseren Zugang zu Lebensmitteln, und die Herzsterblichkeit sinkt dank Prävention und medizinischem Fortschritt seit Jahrzehnten.

Gleichzeitig zeigt sich: Wohlhabende Länder haben eigene Ernährungsprobleme, etwa einen hohen Konsum von rotem Fleisch oder Salz. Ob das den Unterschied vollständig erklärt, bleibt offen.

Kann sich die Schweiz entspannen, was die Ernährung betrifft?

Nein. Die Herzsterblichkeit sinkt zwar seit Jahrzehnten. Aber der Trend ist kein Selbstläufer. Verarbeitete Lebensmittel nehmen auch hierzulande zu, ebenso Übergewicht: Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist bereits über ein Drittel der Schweizer Bevölkerung übergewichtig oder adipös – was das Risiko für Herzkrankheiten erhöht.

Welche spezifischen Ernährungsfehler machen Schweizerinnen und Schweizer?

Beim Salz ist es am deutlichsten – und am tückischsten. Laut der Schweizer Salz-Studie des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit (BLV) essen wir im Schnitt 8.7 Gramm Salz pro Tag, fast doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. Auffällig ist: Ein beträchtlicher Anteil stammt aus Brot und verarbeiteten Lebensmitteln. Wer sich «normal» ernährt, überschreitet den Grenzwert oft, ohne es zu merken.

Warum gibt es kaum Forschung dazu?

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Weil das methodisch extrem schwierig ist. Ernährung lässt sich nicht so einfach messen wie Blutdruck oder Cholesterin. Menschen erinnern sich schlecht daran, was sie gegessen haben – schon gar nicht über Jahre hinweg. Dazu kommt: Was «gesunde Ernährung» bedeutet, variiert je nach Kultur, Einkommen und dem, was vor Ort überhaupt wächst und verfügbar ist.

Um trotzdem globale Vergleiche heranzuziehen, stützt sich die Studie auf die Initiative Global Burden of Disease – ein seit über 30 Jahren laufendes internationales Forschungsprojekt, das Krankheitsdaten aus aller Welt zusammenträgt und der bisher grösste Versuch dieser Art. Aber selbst damit bleiben Unsicherheiten: In vielen Ländern gibt es schlicht keine verlässlichen Daten darüber, was die Menschen tatsächlich essen. Die Studie ist also ein wichtiger Schritt. Sie zeigt aber auch, wie viele Fragen noch offen sind.

Beim Obst und Gemüse ist die Ausgangslage ähnlich – das Problem liegt woanders: Die Lebensmittel wären verfügbar, doch die Mengen liegen unter den Empfehlungen. Laut einer Coop-Studie essen nur 18 Prozent der Bevölkerung täglich fünf Portionen. Die nationale Ernährungserhebung menuCH zeigt zudem: Auch Hülsenfrüchte wie Linsen oder Bohnen kommen zu selten auf den Teller, obwohl sie zu den wirkungsvollsten Herzschützern zählen.

Welche konkreten Änderungen werden empfohlen?

Vollkorn- statt Weissbrot, eine Handvoll Nüsse täglich, regelmässig Früchte – und weniger Salz durch bewussteren Umgang mit Fertigprodukten. Etwas hinzuzufügen fällt den meisten Menschen leichter als etwas wegzulassen – genau das ist hier gefragt.

SRF 4 News, 30.3.2026, 18 Uhr ; 

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