Alzheimer ist zweifellos eine verstörende Krankheit. Für Betroffene und auch Angehörige. Das Gedächtnis, die geistige Leistungsfähigkeit allgemein, die Vorstellung vom eigenen Ich – alles fällt auseinander.
Der Prozess beginnt schleichend: «Die Symptome sind vor allem zu Beginn der Erkrankung gar nicht so typisch», sagt der Psychiater Julius Popp, Spezialist für Demenzerkrankungen am Hirslanden-Zentrum für Gedächtnisstörungen und Alzheimer in Zürich. «Selbst Expertinnen und Experten gelingt es nicht gut, allein auf der Grundlage der Symptome eine genaue Zuordnung zur Erkrankung vorzulegen. Das heisst, man kann falschliegen.»
Das könnte sich bald ändern: mit neuen Tests, die Alzheimer im Blut nachweisen.
Ein wesentlicher Sprung nach vorn
Im Mai haben gleich zwei solcher Bluttests die europäische CE-Zertifizierung bekommen und können nun auch ohne spezielle Zulassung in der Schweiz eingesetzt werden. Beide Tests basieren auf einem Biomarker: pTau217.
Ein Biomarker-Ergebnis ist keine Diagnose, sondern nur ein Puzzlestein innerhalb eines Gesamtbildes.
Dabei handelt es sich um ein spezielles Protein, das mit den Amyloid-Proteinen im Gehirn zusammenhängt und mit den krankhaften Ablagerungen (Plaques), die typisch sind für Alzheimer.
Allerdings: «Ein Biomarker-Ergebnis ist keine Diagnose, sondern nur ein Puzzlestein innerhalb eines Gesamtbildes», sagt Julius Popp. Trotzdem sei der Test ein «wesentlicher Sprung nach vorn». Fachpersonen versprechen sich davon eine deutliche Verbesserung im gesamten diagnostischen Prozess.
Popp setzt den Bluttest in seinem Zentrum an der Hirslanden-Klinik für Neurologie bereits ein. Zudem engagiert er sich fürs Thema im Vorstand der Swiss Memory Clinics: Dort leitet er eine Arbeitsgruppe, die an nationalen Leitlinien arbeitet. Ein wesentlicher Punkt sei, den Test nur bei Menschen einzusetzen, die bereits Symptome von Alzheimer aufweisen.
Es ist kein Präventionstest, sondern man muss vorher gewisse Symptome haben.
Das ist künftig auch in der Hausarztpraxis vorgesehen. Valerie Bösch, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Patientenorganisation Alzheimer Schweiz, begrüsst dies. «Es ist jedoch wichtig, dass die Hausärztin oder der Hausarzt sich befähigt fühlt, diesen Test durchzuführen und die Ergebnisse einzuordnen.»
Der Bluttest sei nicht dafür gedacht, sich «einfach so» auf Alzheimer testen zu lassen, etwa weil die Krankheit zum Beispiel in der Familie gehäuft vorkommt. «Es ist kein Präventionstest, sondern man muss vorher gewisse Symptome haben», betont Bösch.
Noch hat das Bundesamt für Gesundheit nicht entschieden, ob die Grundversicherung die Kosten für den Test übernehmen soll, die gemäss Popp rund 50 Franken betragen.
Hoffnung: Demenz bekämpfen, bevor sie ausbricht
Ein Gedanke, der den Alzheimer-Spezialisten beschäftigt, ist, dass sich die Menschen diesen günstigen Test schnell mal eben im Internet oder sonst wo besorgen könnten. «Die Gefahr ist in der Tat da, dass dieser Test falsch eingesetzt wird», so Popp.
Mit «falsch einsetzen» meint Julius Popp: testen, ohne dass irgendwelche Symptome da sind. Doch gerade mit dieser Vorstellung, Alzheimer im Gehirn zu entdecken, bevor sich Symptome zeigen, ist auch eine grosse Hoffnung, gar eine Zukunftsvision verknüpft, nämlich: die Krankheit zu bekämpfen, bevor sie ausbricht.