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PFAS in Wasser und Nahrung Wie sicher sind die Schweizer Grenzwerte?

Die Schweiz entschied sich gegen die Übernahme der strengeren EU-Grenzwerte für PFAS in Lebensmitteln und Trinkwasser. Stattdessen sollen eigene Schweizer Werte erarbeitet werden, mit Rücksicht auf die Wirtschaft. Drei Forscher ordnen ein, was Grenzwerte leisten können und ob sie überhaupt schützen.

Die Schweiz will künftig eigene PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser und manche Lebensmittel festlegen. Im Vergleich zur EU werden die Schweizer Grenzwerte weniger strikt sein.

Wie kommen PFAS in Wasser und Lebensmittel?

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PFAS gelangten über Industrieabwässer, Klärschlamm, Löschschaum und Abrieb von Alltagsprodukten in die Umwelt. Einmal freigesetzt, bleiben sie dort dauerhaft, denn sie sind nicht natürlich abbaubar.

Über belastetes Wasser nehmen Pflanzen PFAS aus dem Boden auf. Beim Fressen nehmen Kühe PFAS mit Gras und Erdkrümeln auf. Die Chemikalien reichern sich in ihrem Körper und der Milch an. Fische nehmen PFAS direkt über das Wasser und ihre Nahrung auf.

Je länger ein Tier lebt, desto höher ist seine PFAS-Belastung. Fleisch, Milch, Eier und Fisch gelten als Hauptaufnahmeweg von PFAS in den menschlichen Körper. Trinken wir belastetes Wasser, nehmen wir PFAS zusätzlich direkt auf.

Beim Findungsprozess soll nicht nur der Gesundheitsschutz der Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft beachtet werden. Wahrscheinlich werden die Schweizer Grenzwerte erst in ein paar Jahren ausgearbeitet sein.

Grenzwerte sind ein Kompromiss zwischen Gesundheit und Finanzen

PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser und tierische Lebensmittel sind besonders wichtig. Bei nationalen Beprobungen fand man PFAS in der Hälfte der Trinkwasserproben und in fast allen Lebensmittelproben. Mit einem Grenzwert soll sichergestellt werden, dass Menschen ein Leben lang bedenkenlos Leitungswasser trinken und Lebensmittel essen können, ohne ihrer Gesundheit zu schaden.

Warum nur Grenzwerte für Wasser und manche Lebensmittel?

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Trinkwasser ist einfach und zentral messbar, somit ist die Datenlage solide und das Risiko für die Gesundheit direkt nachvollziehbar. Als unverzichtbarer Pfeiler der menschlichen Ernährung wird Trinkwasser in der Schweiz bereits seit 2017 reguliert.

PFAS reichern sich besonders in fetthaltigen tierischen Produkten an. Fleisch, Fisch und Eier bergen dadurch ein erhöhtes Gesundheitsrisiko und sind seit 2024 mit Grenzwerten reguliert. Für Milch gibt es bisher nur Richtwerte.

Bei Gemüse, Obst, Getreide und Co. fehlen verlässliche Daten weitgehend. Die PFAS-Mengen sind zwar generell geringer als in tierischen Produkten, variieren aber stark zwischen Pflanzenarten. Eine Regulierung steht auch in der EU noch aus.

PFAS – per- und polyfluorierte Alkylverbindungen – sind eine Gruppe von Industriechemikalien, die als gesundheitsschädlich gelten. Deswegen sind die gefährlichsten Stoffe heute verboten. Trotzdem findet man sie weiterhin in der Umwelt, denn PFAS werden nicht natürlich abgebaut.

Über kontaminiertes Wasser und Böden gelangen die Chemikalien auf unsere Teller. Grenzwerte sind somit einer der wenigen Hebel, um die Bevölkerung zu schützen. Aber wo sollten diese Grenzwerte genau liegen?

Was sind die aktuellen Grenzwerte?

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Für Trinkwasser sowie Fleisch, Fisch, Eier und Schalentiere gelten in der Schweiz und der EU gesetzlich-bindende Grenzwerte. Werden diese überschritten, dürfen die Lebensmittel nicht mehr konsumiert werden.

Bei Milch und Milchprodukten orientiert sich die Schweiz an den EU-Richtwerten. Sie sind nicht gesetzlich bindend und belastete Produkte dürfen verkauft werden.

Schweiz EU
Trinkwasser Grenzwerte für drei einzelne PFAS: 0.3 µg/l – 0.5 µg/l Summe von 20 PFAS < 0.5 µg/l einzelne PFAS davon < 0.1 µg/l
Fleisch Folgt den EU-Grenzwerten Abhängig von Fleischart,
Summe von 4 PFAS in Rinder-Muskelfleisch < 1.3 µg/kg
Fisch Folgt den EU-Grenzwerten Abhängig von Fisch,
Summe von 4 PFAS in Bachforellen-Muskelfleisch < 9.6 µg/kg
Eier Folgt den EU-Grenzwerten Summe von 4 PFAS < 1.7 µg/kg
Milch und Milchprodukte Folgt den EU-Richtwerten Richtwerte für zwei einzelne PFAS: 0.1 µg/kg – 0.3 µg/kg
Obst, Gemüse, Getreide, Nüsse etc. Keine In Vorbereitung

Markus Zennegg forscht seit mehr als 30 Jahren an langlebigen Chemikalien. «Grenzwerte werden durch epidemiologische Studien und Tierversuche bestimmt. Aus den Ergebnissen baut man ein statistisches Modell und rechnet Sicherheitsfaktoren ein. Das reduziert die Werte oft auf ein Tausendstel des Anfangswertes.»

Woher kommen die EU-Grenzwerte?

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Die Basis liefern epidemiologische Studien. Die prominenteste zeigt, dass je mehr PFAS ein Kleinkind im Blut hat, desto schwächer fällt seine Immunreaktion auf eine Impfung aus. Daraus berechnete die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA einen tolerierbaren wöchentlichen Aufnahmewert von 4.4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Je schwerer eine Person, desto mehr PFAS darf sie aufnehmen.

Basierend auf diesem Wert und Annahmen zur Durchschnittsernährung wurden Grenzwerte für einzelne Lebensmittel berechnet. Doch das birgt eine Schwäche: Die Grenzwerte spiegeln eine Durchschnittsernährung wider – nicht die tatsächliche Vielfalt.

Grenzwerte sind immer nur so gut wie der aktuelle Forschungsstand. Und dieser zeigt, dass PFAS gesundheitsschädlicher sind als gedacht, sagt der Umweltchemiker Martin Scheringer. «Es könnte sein, dass die PFAS-Grenzwerte bald so tief sein sollten, dass man sie in der realen Welt nicht einhalten kann.»

Doch Grenzwerte sind nicht nur reine Wissenschaft, erklärt Lothar Aicher, Experte für Chemikalienregulation: «Grenzwerte müssen die PEST-Faktoren befriedigen: Politik, Economy – also Wirtschaft, Soziales und technische Machbarkeit. Das entscheidet letztendlich, ob ein Grenzwert umgesetzt wird. Je niedriger ein Grenzwert, desto teurer wird es.»

Genau dies bewegte den Ständerat, sich gegen die strengeren EU-Grenzwerte zu entscheiden. Man fürchtete unüberschaubare Kosten für Sanierungsarbeiten, Entschädigungen für betroffene Landwirte und Einbussen durch Verkaufsverbote belasteter Lebensmittel. Weniger diskutiert wurden die potenziell langfristigen Gesundheitskosten und Handelsprobleme beim Lebensmittelexport in die EU.

«Selbst die EU-Grenzwerte für Lebensmittel sind nicht tief genug»

Im Dilemma zwischen Konsumentenschutz und Kosten bleibt die Sorge, dass laxere Grenzwerte die Bevölkerung nicht ausreichend schützen. Lothar Aicher ordnet ein: «Selbst die EU-Grenzwerte für Lebensmittel sind nicht tief genug, um unter dem erlaubten maximalen PFAS-Aufnahmewert pro Woche zu bleiben.»

Zusätzlich fehlen Informationen, wie Konsumentinnen und Konsumenten sich vor PFAS in Wasser und Nahrung schützen können. Zwar ist bekannt, dass Schweizerinnen und Schweizer PFAS im Blut haben, doch ist beispielsweise der Zusammenhang mit der Ernährung unerforscht. Eine gross angelegte BAG-Studie in der ganzen Schweiz, die unter anderem das untersuchen sollte, wurde im Herbst 2025 aus Kostengründen gestrichen.

Nur ein PFAS-Verbot hilft

Letztendlich sind sich Forschende und Politik einig, dass die Grenzwert-Debatte nur Symptombekämpfung ist. Was es braucht, ist ein umfassendes Verbot für die Herstellung und Verwendung aller PFAS in der Industrie, sagt Martin Scheringer: «Schlimmer als PFAS wird es nicht. Wie werden wir sie wieder los? Das geht nur mit einem Verbot der ganzen PFAS-Gruppe.»

Radio SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 6.3.2026, 12:03 Uhr

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