Die Schweiz will künftig eigene PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser und manche Lebensmittel festlegen. Im Vergleich zur EU werden die Schweizer Grenzwerte weniger strikt sein.
Beim Findungsprozess soll nicht nur der Gesundheitsschutz der Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft beachtet werden. Wahrscheinlich werden die Schweizer Grenzwerte erst in ein paar Jahren ausgearbeitet sein.
Grenzwerte sind ein Kompromiss zwischen Gesundheit und Finanzen
PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser und tierische Lebensmittel sind besonders wichtig. Bei nationalen Beprobungen fand man PFAS in der Hälfte der Trinkwasserproben und in fast allen Lebensmittelproben. Mit einem Grenzwert soll sichergestellt werden, dass Menschen ein Leben lang bedenkenlos Leitungswasser trinken und Lebensmittel essen können, ohne ihrer Gesundheit zu schaden.
PFAS – per- und polyfluorierte Alkylverbindungen – sind eine Gruppe von Industriechemikalien, die als gesundheitsschädlich gelten. Deswegen sind die gefährlichsten Stoffe heute verboten. Trotzdem findet man sie weiterhin in der Umwelt, denn PFAS werden nicht natürlich abgebaut.
Über kontaminiertes Wasser und Böden gelangen die Chemikalien auf unsere Teller. Grenzwerte sind somit einer der wenigen Hebel, um die Bevölkerung zu schützen. Aber wo sollten diese Grenzwerte genau liegen?
| Schweiz | EU | |
|---|---|---|
| Trinkwasser | Grenzwerte für drei einzelne PFAS: 0.3 µg/l – 0.5 µg/l | Summe von 20 PFAS < 0.5 µg/l einzelne PFAS davon < 0.1 µg/l |
| Fleisch | Folgt den EU-Grenzwerten |
Abhängig von Fleischart, Summe von 4 PFAS in Rinder-Muskelfleisch < 1.3 µg/kg |
| Fisch | Folgt den EU-Grenzwerten |
Abhängig von Fisch, Summe von 4 PFAS in Bachforellen-Muskelfleisch < 9.6 µg/kg |
| Eier | Folgt den EU-Grenzwerten | Summe von 4 PFAS < 1.7 µg/kg |
| Milch und Milchprodukte | Folgt den EU-Richtwerten | Richtwerte für zwei einzelne PFAS: 0.1 µg/kg – 0.3 µg/kg |
| Obst, Gemüse, Getreide, Nüsse etc. | Keine | In Vorbereitung |
Markus Zennegg forscht seit mehr als 30 Jahren an langlebigen Chemikalien. «Grenzwerte werden durch epidemiologische Studien und Tierversuche bestimmt. Aus den Ergebnissen baut man ein statistisches Modell und rechnet Sicherheitsfaktoren ein. Das reduziert die Werte oft auf ein Tausendstel des Anfangswertes.»
Grenzwerte sind immer nur so gut wie der aktuelle Forschungsstand. Und dieser zeigt, dass PFAS gesundheitsschädlicher sind als gedacht, sagt der Umweltchemiker Martin Scheringer. «Es könnte sein, dass die PFAS-Grenzwerte bald so tief sein sollten, dass man sie in der realen Welt nicht einhalten kann.»
Doch Grenzwerte sind nicht nur reine Wissenschaft, erklärt Lothar Aicher, Experte für Chemikalienregulation: «Grenzwerte müssen die PEST-Faktoren befriedigen: Politik, Economy – also Wirtschaft, Soziales und technische Machbarkeit. Das entscheidet letztendlich, ob ein Grenzwert umgesetzt wird. Je niedriger ein Grenzwert, desto teurer wird es.»
Genau dies bewegte den Ständerat, sich gegen die strengeren EU-Grenzwerte zu entscheiden. Man fürchtete unüberschaubare Kosten für Sanierungsarbeiten, Entschädigungen für betroffene Landwirte und Einbussen durch Verkaufsverbote belasteter Lebensmittel. Weniger diskutiert wurden die potenziell langfristigen Gesundheitskosten und Handelsprobleme beim Lebensmittelexport in die EU.
«Selbst die EU-Grenzwerte für Lebensmittel sind nicht tief genug»
Im Dilemma zwischen Konsumentenschutz und Kosten bleibt die Sorge, dass laxere Grenzwerte die Bevölkerung nicht ausreichend schützen. Lothar Aicher ordnet ein: «Selbst die EU-Grenzwerte für Lebensmittel sind nicht tief genug, um unter dem erlaubten maximalen PFAS-Aufnahmewert pro Woche zu bleiben.»
Zusätzlich fehlen Informationen, wie Konsumentinnen und Konsumenten sich vor PFAS in Wasser und Nahrung schützen können. Zwar ist bekannt, dass Schweizerinnen und Schweizer PFAS im Blut haben, doch ist beispielsweise der Zusammenhang mit der Ernährung unerforscht. Eine gross angelegte BAG-Studie in der ganzen Schweiz, die unter anderem das untersuchen sollte, wurde im Herbst 2025 aus Kostengründen gestrichen.
Nur ein PFAS-Verbot hilft
Letztendlich sind sich Forschende und Politik einig, dass die Grenzwert-Debatte nur Symptombekämpfung ist. Was es braucht, ist ein umfassendes Verbot für die Herstellung und Verwendung aller PFAS in der Industrie, sagt Martin Scheringer: «Schlimmer als PFAS wird es nicht. Wie werden wir sie wieder los? Das geht nur mit einem Verbot der ganzen PFAS-Gruppe.»