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Am Fischmodell untersucht Machen uns mehr Geschwister sozialer?

Eine Antwort liefert kein Erziehungsratgeber, sondern ein Aquarium: Nicht die Zahl der Geschwister entscheidet, sondern wie intensiv sie miteinander umgehen. Das Grundprinzip fanden Forschende aus Bern bei afrikanischen Buntbarschen.

Geschwister gelten als Trainingslager fürs Leben. Wer sich das Badezimmer teilen musste, weiss vermutlich, wie Verhandeln geht. Wer ständig gestritten hat, weiss vielleicht auch, wie Versöhnen funktioniert. Viele glauben, wer mit Geschwistern aufwächst, wird quasi nebenbei sozial kompetent.

Nur: Ganz so einfach ist es nicht.

Eine neue Studie der Universität Bern zeigt: Es braucht zwei Dinge gleichzeitig, damit soziale Kompetenz entsteht. Erstens: mehrere frühe soziale Partner – also Geschwister oder Gleichaltrige. Und zweitens: echtes Zusammenleben. Situationen, in denen man aneinandergerät, Grenzen austestet, sich durchsetzt oder nachgibt. Entscheidend ist also nicht die Anzahl allein, sondern vielmehr das, was im Miteinander passiert.

Afrikanische Buntbarsche als Vorzeige-Modell

«Es ist ein Irrtum, zu glauben, die blosse Anwesenheit von Geschwistern mache sozial kompetent», bestätigt die Verhaltensökologin Prof. Dr. Barbara Taborsky, die die Studie leitete. «Es kommt darauf an, wie Tiere – oder Menschen – tatsächlich miteinander umgehen.» Moment mal: Tiere?

Ganz recht. Untersucht wurde das Ganze nicht bei Kindern – sondern bei afrikanischen Buntbarschen. Diese Fische leben in komplexen Gruppen mit klaren Rangordnungen. Sie kooperieren, konkurrieren, streiten und versöhnen sich wieder: In ihren Gruppen verteidigen Buntbarsche gemeinsam ihr Revier, vertreiben Eindringlinge und rangeln um Rangplätze. Manchmal drohen sie mit gespreizten Flossen oder jagen Rivalen durchs Becken. Danach beruhigt sich die Situation meist wieder – und die Gruppe findet zurück in ihre Ordnung. Genau deshalb eignen sie sich als Modell für soziales Zusammenleben.

Das Fischmodell erlaubt es uns, Grundmuster sozialen Lernens sichtbar zu machen
Autor: Prof. Dr. Barbara Taborsky Verhaltensökologin

In einem Langzeit-Experiment variierte das Team zwei Faktoren: Wie viele «Geschwister» gemeinsam aufwuchsen – und wie intensiv sie miteinander interagierten. «Das Fischmodell erlaubt es uns, Grundmuster sozialen Lernens sichtbar zu machen», so Taborsky. Beides wurde getrennt und kombiniert untersucht – so lässt sich zeigen, was tatsächlich wirkt.

Bunte Fische schwimmen in einem Aquarium.
Legende: Afrikanische Buntbarsche zeigen: Soziales Lernen entsteht im echten Miteinander – beim Streiten, Kooperieren und Versöhnen. IMAGO / Zoonar

Das Ergebnis: Nur wenn mehrere Sozialpartner vorhanden waren und das Zusammenleben intensiv war, entwickelten die Tiere später stabilere soziale Kompetenzen.

Konflikte und Kooperation im Aquarium

Frühe soziale Erfahrungen sind besonders prägend, weil Verhalten in dieser Phase noch formbar ist – Biologinnen und Biologen sprechen von «entwicklungsbedingter Plastizität». Was hier gelernt wird, wirkt oft langfristig nach. Taborsky erforscht an diesen Buntbarschen seit Jahren, wie Kooperation entsteht, wie Rangordnungen stabil bleiben oder wie Gruppen mit Konflikten umgehen. Die neue Studie fügt sich in die Forschungslinie ein – mit dem Fokus auf die Geschwisterphase.

Und was heisst das für uns? Die Studie ist kein Beweis dafür, dass es beim Menschen exakt gleich läuft. Aber sie legt nahe: Soziale Fähigkeiten entstehen nicht automatisch durch Nähe. Sie entstehen dort, wo Beziehungen gelebt werden.

Geschwister können ein Übungsfeld sein. Müssen sie aber nicht. Auch Freundschaften, Schule oder Sportverein bieten solche Erfahrungsräume. Sozialkompetenz ist kein Geschenk der Familiengrösse – sondern das Ergebnis gelebter Beziehungen. Good News für alle Einzelkinder.

Was die Forschung noch über Geschwister weiss

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  • Eine Reihe entwicklungspsychologischer Studien zeigt, dass Geschwisterbeziehungen tatsächlich soziale Kompetenzen fördern können – etwa Empathie oder Perspektivenübernahme.
    Die US-Psychologin Judy Dunn etwa beschreibt Geschwister als zentrale «Trainingspartner» für soziale Aushandlungsprozesse. Gleichzeitig sind diese Beziehungen oft von Konkurrenz geprägt, was ebenfalls prägend sein kann.
  • Die Vorstellung, die Geburtenreihenfolge forme die Persönlichkeit – Erstgeborene seien verantwortungsbewusster, Jüngere rebellischer – ist dagegen wissenschaftlich nur schwach gestützt. Eine gross angelegte Studie um die Psychologin Julia Rohrer, fand nur minimale Effekte der Geburtenreihenfolge auf Persönlichkeitsmerkmale.
  • Der Soziologe Douglas Downey bestätigt Taborsky's Studienergebnisse bereits 2001 in der American Sociological Review und konnte zeigen, dass nicht die Anzahl der Geschwister entscheidend ist, sondern Ressourcen und Beziehungsqualität innerhalb der Familie.

SRF1, 26.02.2026, 11:40 Uhr

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