In der dritten Woche nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana stehen die Ärzte-Teams noch immer fast pausenlos im Einsatz, um die Brandopfer zu behandeln. In vielen Spitälern und insbesondere in den spezialisierten Zentren für Schwerbrandverletzte finden die verantwortlichen Teams darum kaum Zeit für Interviews – für Filmaufnahmen schon gar nicht.
Einer, der es trotzdem möglich gemacht hat, ist Bong-Sung Kim. Er hat eine Botschaft und will sich 30 Minuten Zeit nehmen.
Kim ist der chirurgische Leiter im Zentrum für Schwerbrandverletzte am Unispital Zürich. «Es gibt Tage da ist es etwas ruhiger, aber ich muss sagen, dass es weit über dem Durchschnitt ist, den wir sonst haben», sagt Kim, als ihm das Mikrofon am roten Operationskittel montiert wird.
Es ist ein einschneidender Moment, gar keine Frage. Für alle Leute ist es emotional.
Die Brandstation am Unispital ist gut ausgelastet. Fast täglich stehen Operation auf dem Programm. Kim möchte aber auch aufzeigen, was jetzt passiert, welche Perspektiven die Betroffenen haben und auf was sich Angehörige einstellen müssen. «Es ist ein einschneidender Moment, gar keine Frage. Für alle Leute ist es emotional. Natürlich für die Opfer, aber auch für die Mitarbeiter», sagt Bong-Sung Kim.
Er sei trotz der grossen Not aber auch zuversichtlich. Denn zu Beginn gebe es nur kleine Fortschritte. Doch aus den Erfahrungen der modernen Verbrennungsmedizin wisse man, dass die Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben nach einem solchen Verbrennungsunfall gegeben seien.
Berechtigte Hoffnungen dank hochspezialisierter Medizin
Im Universitätsspital liegen sechs Opfer, die sehr stark betroffen sind und grossflächige Verbrennungen haben. Kim erzählt, dass zwei Wochen nach dem Brand alle mindestens einmal, einzelne auch schon zweimal operiert wurden und man mit dem Decken der Wunden begonnen habe.
Bei vielen Verletzten von Crans-Montana ist die Haut bis auf die Unterhaut verbrannt. Eine selbständige Regenerierung ist dann nicht mehr möglich, es braucht eine Hauttransplantation. Ziel der Ärztinnen und Ärzte ist es, die lebenswichtige Schutzfunktion der Haut so schnell wie möglich wiederherzustellen.
Standardmethode Spalthaut
Dazu wird die verbrannte Haut zunächst vollständig entfernt. Ist an anderen Stellen am Körper der Patientin oder des Patienten noch ausreichend gesunde Haut vorhanden, wird dort die oberste Hautschicht abgetragen. Diese Epidermis wird anschliessend perforiert, gedehnt und als sogenannte «Spalthaut» auf die verbrannten Stellen transplantiert.
Spalthaut hat zwar den Nachteil, dass sie später häufig stark vernarbt. Dennoch handelt es sich um eine etablierte und bewährte Methode, um Wunden mit Eigenhaut rasch verschliessen zu können. Problematisch wird es jedoch, wenn nicht mehr genügend gesunde Haut zur Verfügung steht.
Neue Haut aus Eigenhaut
In solchen Fällen müssen die Behandlungsteams mit einem kleinen Stück körpereigener Haut ins Labor, um neue Haut zu züchten. Das einzige Labor in der Schweiz, das in grossen Mengen Haut züchten kann, ist am Universitätsspital CHUV in Lausanne angesiedelt. Diese dünne, obere Hautschicht kann nach einer gewissen Zeit auf die offenen Wunden transplantiert werden.
«Mit einer Biopsie von nur drei auf drei Zentimeter kann in drei bis vier Wochen die Hautfläche hergestellt werden, die es braucht, um eine Verbrennung, die über den ganzen Rücken geht, abzudecken», sagt die Biologin Stéphanie Droz-Georget am Zentrum für Zellproduktion im Universitätsspital Lausanne. Bis diese drei bis vier Wochen überbrückt sind, um die Eigenhaut zu züchten, müssen die Wunden provisorisch abgedeckt werden.
Soforthilfe aus den Niederlanden: Spenderhaut von Verstorbenen
Eine wichtige Rolle in den ersten Stunden und Tagen nach dem Brandunfall in Crans-Montana spielte dabei eine der grössten Gewebebanken Europas, die European Tissue Bank ETB‑Bislife in Haarlem, westlich von Amsterdam. Ihr Direktor Frank Beneker handelte schnell: «Bereits am Neujahrstag ging die erste Lieferung auf den Weg – und sie wurde dringend gebraucht.»
In den ersten Tagen nach der Katastrophe wurden drei Lieferungen Spenderhaut in die Schweiz geschickt. Das waren insgesamt mehr als zwölf Quadratmeter – also ungefähr die Fläche eines Zimmers.
Bei schweren Verbrennungen ist die Temperatur- und Flüssigkeitsregulation des Körpers stark gestört. Die Spenderhaut wirkt dann wie ein biologisches Pflaster und bietet Schutz.
Das Team um Frank Beneker hat schnell und unkompliziert gehandelt und grosse Mengen in die Schweiz geschickt. Zwar stösst der Körper die Spenderhaut nach rund fünf bis zehn Tagen ab und sie muss wieder entfernt werden. Doch die Spenderhaut verschafft einen wichtigen Zeitgewinn.
Vielversprechende, zweischichtige Laborhaut
Dieser wertvolle Zeitgewinn wird in Zukunft vielleicht auch noch anders genutzt. Eine neue Form von künstlich gezüchteter Eigenhaut könnte schon bald einen Paradigmenwechsel in der Verbrennungsmedizin einläuten: Sie trägt den Namen «Denovoskin» und wird in einem Labor in Schlieren entwickelt. Hinter dem Projekt steht das Start-up Cutiss.
Neu an dieser Laborhaut ist, dass sowohl die Oberhaut als auch die Unterhaut nachgebaut wird. Aus Hautzellen von nur wenig gesundem Gewebe und einer künstlichen, gelartigen Matrix wächst eine zweischichtige Haut.
Diese neue Haut soll die Narbenbildung reduzieren und zu einem natürlicheren Hautgefühl beitragen. Innerhalb von rund vier Wochen lassen sich daraus grosse Hautflächen herstellen.
Das Zentrum für Schwerverbrannte an der Universität Zürich ist Teil dieser klinischen Studie zu dieser vielversprechenden Laborhaut und setzt diese auch bei den Betroffenen von Crans Montana ein.
Das Team um den Chirurgen Bong-Sung Kim kann momentan je nach Heilungsverlauf und Indikation rund 450 Quadratzentimeter transplantieren: «Alle Zentren, die an diesem Projekt teilnehmen, wollen das künftigen Opfern als Perspektive anbieten.»
Nach gut 30 Minuten ist die Zeit für das Gespräch fast abgelaufen. Der Arzt Bong-Sung Kim muss zurück zu den Patienten, die noch einen langen Heilungsweg vor sich haben. Auf die abschliessende Frage, wie man den Lebenswillen der Betroffenen in so einer Situation hochhält, sagt Kim: «Wir dürfen nicht immer nur auf die Haut und auf die Organe schauen.»
Die Medizin müsse die Basis legen, damit die Patienten physisch und mental aus diesem Ereignis herauskommen. Kim betont aber, dass gerade die mentale Weiterentwicklung, die psychische Betreuung und auch die Akzeptanz aus der Gesellschaft für solche Menschen enorm wichtig seien. «Ich glaube, da kann jeder Einzelne einen Beitrag leisten», sagt er und eilt zurück auf die Station zu seinen Patienten.
Der Besuch im Zentrum für Schwerverbrannte macht betroffen. Es sind aussergewöhnlich schwere Schicksalsschläge – und dennoch gibt es Hoffnung auf ein Leben danach, auch wenn der Weg dorthin alles andere als einfach ist.