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Inferno von Crans-Montana Die grossen Fortschritte der Verbrennungsmedizin

Noch vor 30 Jahren hätten nach einer Brandkatastrophe wie jener in Crans-Montana viel weniger Schwerverletzte überlebt. Doch inzwischen werden dank Fortschritten in der Verbrennungsmedizin viele Patientinnen und Patienten dereinst ein annehmbares Leben führen können.

Der Chefarzt am Schwerbrandverletzten­-Zentrum in Leipzig, Thomas Kremer, wird deutlich: «Wäre das Desaster von Crans-Montana vor 30 Jahren passiert, wäre die Sterblichkeit deutlich höher gewesen.»

Wenn 20 bis 30 Prozent der Haut verbrannt waren, überlebte in den 1950er-Jahren jede zweite Patientin. Heute überlebt jeder zweite Patient sogar, wenn 95 Prozent seiner Haut verbrannt sind.

In den letzten Jahren seien die Fortschritte in der Verbrennungsmedizin nochmals deutlich gewachsen, sagt Kremer. Er sei selbst oft überrascht, mit welch guten Ergebnissen und Lebensqualität die Verletzten – selbst bei schwersten Verletzungen – heute überleben könnten.

Wichtige Intensivmedizin

Für diese Fortschritte gibt es vielfältige Gründe. Am wichtigsten ist wohl aber die Entwicklung der Intensivmedizin: Eine grossflächige Verbrennung führt meist zu systemischen Entzündungen, zu einer Vergiftung des Körpers, zu Multiorganversagen, weil die verbrannte Haut Botenstoffe aussendet, die den ganzen Menschen krank machen.

«Heute können die Intensivmediziner die Nebenwirkungen dieser Vergiftungen viel besser behandeln», betont Kremer.

Person hält bandagierte Hand einer anderen Person.
Legende: Die Behandlung von Brandverletzungen ist extrem aufwendig und zeitintensiv. Immerhin: In den letzten Jahrzehnten sind grosse Fortschritte in der Intensivmedizin gemacht worden. Keystone/Gaëtan Bally

Der langjährige ehemalige Leiter des Zentrums für brandverletzte Kinder am Universitäts-Kinderspital in Zürich stimmt seinem Kollegen zu. Auch Clemens Schiestl spricht von «grossen Fortschritten». Ein wichtiger Punkt sei gewesen, dass man erkannt habe, dass die Überlebenschancen steigen, wenn man die verbrannte Haut entfernt.

Eigenhaut-Transplantationen

Zudem habe man auch bei der Ausnutzung der unverbrannten eigenen Haut des Patienten grosse Fortschritte gemacht. Sie wird benutzt, um an den verbrannten Stellen die Haut wieder aufzubauen. Alle Zentimeter wird ein Hautstückchen platziert, das wieder anwächst, sich vergrössert und zusammenwächst.

Wenn allerdings zu viel Haut verbrannt ist, geht das nicht.

Inzwischen wird eine Qualität von Haut produziert, mit der das Leben danach wieder so ist, dass die Lebensqualität stimmt.
Autor: Clemens Schiestl Ehemaliger Leiter des Zentrums für brandverletzte Kinder ZH

In vielen Fällen ist es heute aber möglich, künstliche Haut zu züchten. So hat ein externes Start-up ein eigenes, patentiertes Hautprodukt entwickelt. Bei grossflächigen Verbrennungen brauche man damit nur noch wenig Eigenhaut des Patienten, sagt Schiestl.

Aus dieser wird die neue Haut im Labor gezüchtet – und nach drei bis sechs Wochen sei daraus so viel Haut geworden, um alle verbrannten Körperteile des Patienten zu decken.

Viel bessere Ergebnisse als früher

In der Anfangszeit habe das bei schwer Verbrannten allerdings nur mittelmässig funktioniert, sagt Schiestl. Die Leute hätten zwar überlebt, seien aber oft entstellt gewesen, hätten Bewegungseinschränkungen gehabt und hätten oft nachoperiert werden müssen. Unterdessen hat sich das verändert.

Der künstliche Hautersatz sei deutlich besser geworden, sagt Schiestl: «Inzwischen wird eine Qualität von Haut produziert, mit der das Leben danach so ist, dass die Lebensqualität wieder stimmt.»

Und die Forschung geht weiter. Bisher war die künstliche Haut weiss und ohne Gefässzellen. Man empfindet mit ihr weniger als mit echter Haut und ist empfindlicher gegenüber Sonnenstrahlung. Inzwischen liegt das nächste Produkt vor, das auch Pigment- und Gefässzellen enthält.

Die künstliche Haut ist zwar nach wie vor nicht perfekt, aber ihre Entwicklung geht stetig weiter.

Rendez-vous, 7.1.2026, 12:30 Uhr

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