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Fashion-Formel geknackt Darum kommen Trends alle 20 Jahre zurück

Eine Analyse von 37’000 historischen Modeabbildungen zeigt: Viele Silhouetten tauchen etwa alle 20 Jahre wieder auf.

Schlaghosen, Low-Rise-Jeans, Schulterpolster: Warum tauchen manche Modetrends immer wieder auf? Forschende der Northwestern University wollten Antworten – und untersuchten, ob hinter den Comebacks ein Muster steckt.

Modeillustrationen von 1923 bis 1987.
Legende: In der Mode gilt die Faustregel: Trends kehren etwa alle 20 Jahre zurück. Das Forschungsteam hat nun mathematisch gezeigt, dass das zumindest für Rocklängen tatsächlich zutrifft. Daniel Abrams/Emma Zajdela

Dafür analysierten sie rund 37’000 Modeillustrationen von Frauenkleidern seit 1869. Sie vermassen Merkmale wie Rocklänge, Taillenposition und Schnittmuster und werteten die Daten mit mathematischen Modellen aus.

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Der Datensatz der Forschenden der Northwestern University deckt einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren (seit 1869) ab.

Um Modetrends messbar zu machen, extrahierten sie aus den Bildern quantitative Merkmale der Kleidung, wie Rocklänge oder Silhouette. Diese Messwerte wurden anschliessend mit mathematischen Modellen analysiert, wie sie auch in der Physik oder Netzwerkwissenschaft verwendet werden. Sie beschreiben Systeme, in denen verschiedene Optionen miteinander konkurrieren – etwa Modestile.

Die Analyse zeigte wiederkehrende Wellen in der Popularität bestimmter Stile und Silhouetten. Der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Höhepunkten eines Trends lag bei rund 20 Jahren.

Das Team um Emma Zajdela von der Northwestern University in Evanston (Illinois) hat ihre Ergebnisse am 18. März 2026 auf dem Fachkongress Global Physics Summit in Denver vorgestellt.

Das Ergebnis: Bestimmte Silhouetten verschwinden aus der Mode – und tauchen etwa zwei Jahrzehnte später wieder auf. Besonders deutlich zeigt sich das bei Gegensätzen wie engen und weiten Schnitten oder kurzen und langen Säumen.

«Menschen wollen ähnlich sein wie andere – aber nicht identisch», so Studienautor Daniel Abrams. In der Mode heisst das: Designer entfernen sich von Trends, sobald sie zu verbreitet sind – aber nicht so weit, dass sie untragbar werden. Andere Designer folgen. Das Pendel schwingt hin und her.

Warum Trends trotzdem zurückkehren, erklärt Mode-Soziologin Monika Kritzmöller im Interview.

4 Fragen an die Mode-Soziologin

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SRF Wissen: Die Studie spricht von einem etwa 20-jährigen Zyklus bei Modetrends. Wie plausibel ist das aus soziologischer Sicht?

Monika Kritzmöller: Die Zahl klingt plausibel – sie entspricht ungefähr einer Generation. Modische Insignien sind nach rund 20 Jahren weit genug entfernt, um sie mit neuem Blick wieder aufleben zu lassen. Gleichzeitig sind sie noch präsent genug, um an aktuelle Lebensstile anschliessen zu können, etwa über Familienfotos, Filme oder Musikvideos.

Wichtig ist aber: Es handelt sich nicht um eine einfache Wiederkehr. Selbst wenn ein Kleidungsstück aus dem Vintage-Laden oder dem Kleiderschrank der Mutter getragen wird, ist es nicht mehr die gleiche Botschaft. Die Welt hat sich verändert, Identitäten auch. Ein Stil wird deshalb oft als Zitat oder Hommage verstanden.

Die Forschenden erklären den Zyklus damit, dass Designer sich vom Mainstream abgrenzen wollen.

Diese Erklärung greift zu kurz. Mode ist kein Produkt einzelner Designer, sondern ein komplexes gesellschaftliches Ausdruckssystem. Unter den unendlich vielen Optionen entwickeln sich nur jene zu Trends, die Bezug haben zu aktuellen Themen und damit den Nerv der Zeit treffen.

Werden Modezyklen heute schneller?

Sie werden nicht nur schneller, sondern auch vielfältiger. Gesellschaften haben sich seit den 1980er-Jahren stark pluralisiert. Statt eines dominanten Modestils existieren heute mehrere Lebensstile und Trendzentren gleichzeitig – entsprechend entstehen auch mehrere Modeströmungen parallel.

Warum erleben Trends wie Y2K-Mode, also die 2000er-Jahre, gerade ein Comeback?

Retro-Mode hängt oft mit Nostalgie zusammen. Die Weltlage ist derzeit für viele Menschen angespannt, während frühere Epochen im Rückblick unbeschwerter wirken. Die 2000er erscheinen vielen deshalb als vergleichsweise sorglos – das macht ihre Ästhetik attraktiv.

Monika Kritzmöller unterrichtet als Privatdozentin Soziologie an der Universität St. Gallen. In ihrem Forschungs- und Beratungsinstitut «Trends+Positionen» untersucht sie Lebensstile und Alltagskultur mit Schwerpunkten Mode, Design, Architektur und Körper.

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