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Gleichstellung Mit klarem Ziel: Forscherinnen wollen durch die gläserne Decke

Kleinere Büros, Lohnungleichheit, Backlash bei Genderthemen: Frauen haben es in der Wissenschaft noch immer schwerer als Männer – trotz Gleichstellungsmassnahmen und Diversity-Bekenntnissen an den Hochschulen. Drei Geschichten aus dem Forschungsalltag.

«Ich war nie eine Feministin», sagt Lucia Kleint. «Aber ich wurde auf die Probleme aufmerksam, als sie mich selbst betrafen.»

Lucia Kleint ist 42 Jahre alt, Astrophysikerin und die erste festangestellte Professorin für Astronomie an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern. Ihr Spezialgebiet ist das Weltraumwetter: Mit ihrer Forschungsgruppe untersucht sie, wie die Aktivität der Sonne die Erde und ihre Atmosphäre beeinflusst.

Ein 9.8 Quadratmeter kleines Büro

Doch die «Probleme», die Lucia Kleint anspricht, betreffen nicht etwa ihre Forschung, sondern strukturelle Nachteile, denen Frauen in der Wissenschaft oftmals ausgesetzt sind. Noch immer – trotz Frauenförderung, trotz Diversity-Bekenntnissen, welche die Hochschulen in ihren Leitbildern aufführen.

Porträt einer lächelnden Person mit braunem Haar und blauem Hemd
Legende: Lucia Kleint Ein grösseres Büro und mehr Platz für die von ihr geleitete Forschungsgruppe gab es nicht von selbst. zVg

Kleint erzählt, sie erlebe in ihrem Alltag belegbare, quantitative Nachteile. Am augenfälligsten seien Ausstattung und Büroplatz: «Die Büros von Frauen sind deutlich kleiner als diejenigen der Männer, nicht nur in meinem Institut», sagt sie.

Als Kleint 2022 an der Uni Bern eingestellt wurde, bekam sie ein Büro von 9.8 Quadratmetern zugeteilt. Derweil hatte der pensionierte Kollege sein 13.4 Quadratmeter grosses Büro behalten, ein hierarchisch tiefer gestellter Kollege hatte 16.4 Quadratmeter. Die anderen Kollegen residieren in noch grösseren Büros.

Ab 30 Prozent Frauenanteil werden Wissenschaftlerinnen in Meetings gehört, auch bei Abstimmungen können sie sich eher durchsetzen, und insgesamt sind Prozesse fairer und transparenter.
Autor: Lucia Kleint Astrophysikerin

Auch die Forschungsgruppe, die sie leitet, hatte zu Beginn nur die Hälfte des Platzes zur Verfügung, den andere Forschungsgruppen am Institut normalerweise haben. «Das Platzproblem wurde zwar später gelöst, aber nicht von allein, ich musste mich dafür einsetzen.» Ähnliches habe sie von sehr vielen Frauen an Unis gehört.

Solche Nachteile lägen auch daran, dass Frauen in ihrem Fach stark in der Minderheit seien, sagt Lucia Kleint. Besser werde die Situation erst, wenn die Minderheit einen Anteil von 30 Prozent erreiche. Studien zeigten, dass sich ab diesem Schwellenwert substanziell etwas verändere. «Dann werden Frauen in Meetings gehört, auch bei Abstimmungen können sie sich eher durchsetzen, und insgesamt sind Prozesse fairer und transparenter.»

Auch beim Lohn benachteiligt

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Auch beim Lohn seien die Frauen benachteiligt, sagt Astrophysikerin Lucia Kleint. Es gebe zwar Lohngleichheit an der Universität – gleicher Lohn für gleiche Funktion. «Das Problem ist aber, dass man als Frau tendenziell tiefer eingestuft wird», so Kleint.

Sie und ihre Kolleginnen haben eine Statistik im Fachbereich Physik und Astronomie erstellt: wie viele Jahre nach dem Doktorat es dauert, bis jemand an der Fakultät eine Professur bekommt. «Unsere Grafik zeigt, dass Frauen zwölf bis 15 Jahre nach dem Doktortitel als ausserordentliche Professorinnen angestellt werden, auch wenn sie nie eine Karrierepause eingelegt haben.»

Zu diesem Zeitpunkt hätten die Männer schon eine ordentliche Professur – und 30’000 Franken mehr Lohn pro Jahr.

Wie können diese 30 Prozent erreicht werden? Für Lucia Kleint ist klar: Es braucht Hilfe «von oben». Heisst: Der Wille zum Beispiel der Fakultäts- oder Unileitung ist entscheidend, die sagt: «Okay, die nächsten Stellen besetzen wir konsequent mit Frauen, bis wir zumindest diese Quote erfüllen.» Bestes Beispiel sei die ETH Zürich: Dort seien Assistenzprofessuren in der Physik bei gleicher Qualifikation vorzugsweise an Frauen vergeben worden – jetzt sei das Geschlechterverhältnis zwar noch immer nicht 50:50, aber viel besser als früher.

Wie Wissenschaftlerinnen aufgeholt haben

Frauen sind in der Wissenschaft einen weiten Weg gegangen. Vorbei sind die Zeiten, als sie offenkundig diskriminiert, unsichtbar gemacht oder um ihre Leistungen gebracht wurden.

«Frauen leisten, Männer ernten»

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Dieses Prinzip ist vor allem früher oft vorgekommen, es gibt dafür viele Beispiele:

  • Etwa die Geschichte der nordirischen Astronomin Jocelyn Bell Burnell: 1967, als junge Doktorandin, entdeckte sie mit einem Radioteleskop in der Nähe von Cambridge den ersten Pulsar – einen rotierenden Neutronenstern. Den Nobelpreis für Physik, mit dem die Entdeckung ausgezeichnet wurde, erhielt jedoch ihr Doktorvater. Später hat Bell Burnell zwar viele andere Auszeichnungen bekommen, aber nie den Nobelpreis.
  • Die Entdeckung der DNA, unserer Erbsubstanz. 1953 präsentierten James Watson und Francis Crick der Welt ihr DNA-Modell, das aufgebaut ist wie eine verdrehte Strickleiter. Eine sogenannte Doppelhelix. Damit schrieben sie Wissenschaftsgeschichte, 1962 gab es den Nobelpreis. Der Schönheitsfehler: Ihre Erkenntnisse bauten die beiden auf der Arbeit von Rosalind Franklin auf: Sie, eine junge, begabte Biochemikerin, hatte mit einer speziellen Röntgentechnik schon ein Jahr zuvor Bilder der DNA-Doppelhelix gemacht. Diese Daten nutzten Crick und Watson hinter ihrem Rücken. Ein glatter Betrug.

Spätestens seit der Jahrtausendwende wird Chancengleichheit an den Hochschulen grossgeschrieben. Vielfältige Massnahmen und Projekte wurden ins Leben gerufen, um den Weg für Frauen in der Wissenschaft zu ebnen.

So stieg der Frauenanteil bei den Professuren an den universitären Hochschulen von 12 Prozent im Jahr 2004 auf 31 Prozent Ende 2024. Zwischen 2022 und 2024 lag der Anteil neu angestellter Professorinnen gar bei 46 Prozent, zeigt das Gendermonitoring von Swissuniversities.

Warum sind Wissenschaftlerinnen trotzdem noch immer weniger sichtbar als Wissenschaftler?

Grosser Leistungsausweis – aber nie ganz gleichberechtigt

Antworten hat Nicole Probst-Hensch, emeritierte Professorin am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut Swiss TPH in Basel. Probst-Hensch ist eine hoch respektierte, erfolgreiche und preisgekrönte Epidemiologin. Sie hat Bedeutendes geleistet im Bereich der öffentlichen Gesundheit, unter anderem für saubere Luft. «Ich weiss, was ich will, ich stehe ein für das, woran ich glaube, ich bringe die Fakten auf den Tisch», sagt sie.

Dennoch: Wirklich gleichberechtigt gegenüber ihren männlichen Kollegen fühlt sich die 65-Jährige noch heute nicht ganz: «Wenn man als Frau so direkt ist und sich so vehement für ein Thema engagiert, dann wird das immer noch anders wahrgenommen, als wenn ein Mann sich so verhält.»

Eine Frau mit Brille hält eine Rede an einem Podium.
Legende: Nicole Probst-Hensch Menschen, die sich energisch für ein Thema einsetzen, werden je nach Geschlecht anders erlebt. zVg

Probst-Hensch hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich, die stark geprägt ist von Sapaldia, einer der ältesten Langzeitstudien der Schweiz. Sapaldia untersucht seit 1991 die Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung. Zu Beginn lag der Fokus auf der Lungengesundheit. Probst-Hensch arbeitete zunächst als Doktorandin mit, später hat sie die Studie federführend geleitet. Mit konkreten Ergebnissen: Als die ersten Daten vorlagen, wurden in der Schweiz die Grenzwerte für Luftschadstoffe verschärft, insbesondere für Feinstaub. Ein grosser Erfolg.

Das vorläufige Scheitern der «PFAS-Studie»

2010 wurde Probst-Hensch Professorin für Epidemiologie und Public Health an der Medizinischen Fakultät der Uni Basel. Am Swiss TPH leitete sie bis vor Kurzem das gleichnamige Departement. Doch am Ende ihrer institutionellen Laufbahn erlebt sie einen – vorläufigen – Fehlschlag.

Vielleicht wäre es anders gelaufen, wenn statt mir ein Mann die Verhandlungen geführt hätte.
Autor: Nicole Probst-Hensch Emeritierte Professorin am Swiss TPH

Nicole Probst-Hensch wollte ihr Projekt Sapaldia auf 100'000 Teilnehmende verzehnfachen und eine Biobank aufbauen, um beispielsweise die gesundheitlichen Folgen von PFAS und anderen Umwelteinflüssen zu untersuchen. Ende 2025 fiel das ehrgeizige Vorhaben dem Sparhammer des Bundes zum Opfer.

«Vielleicht», sinniert Nicole Probst-Hensch, «wäre es anders gelaufen, wenn statt mir ein Mann die Verhandlungen geführt hätte». Denn komme es hart auf hart, gerade bei so grossen Beträgen, sei männliches Taktieren oft erfolgreicher als weibliche Überzeugungsarbeit. Aufgeben will sie trotzdem nicht, sie will weiterhin für die Studie kämpfen.

Der Backlash

Sehr wahrscheinlich liegt die Streichung des medial als «Gesundheitsstudie» bezeichneten Mammutprojekts aber gar nicht an Nicole Probst-Hensch persönlich. Aktuelle Entwicklungen legen nahe, sie als Teil eines generellen Backlashs gegen Frauen und ihre (wissenschaftlichen) Anliegen zu sehen.

Isabelle Zinn kann davon ein Lied singen. Die 42-Jährige ist Professorin für Diversity, Equity & Inclusion und neue Arbeitsformen am Institut New Work der Berner Fachhochschule. Sie forscht unter anderem zu Genderthemen wie Menopause am Arbeitsplatz oder wie Frauen und Männer im Beruf altern.

Eine Person sitzt auf einem lila Sofa vor einer Glaswand.
Legende: Isabelle Zinn Forschung zu genderspezifischen Themen gerät zusehends unter Druck. Fabrice Ducrest

In der Wissenschaft sind Gender Studies längst etabliert. Heute ist unbestritten, dass man viele Themen geschlechtsspezifisch anschauen muss, sei es in der Medizin, der Geschichtsschreibung oder der Soziologie. In manchen politischen Kreisen jedoch werden Genderthemen als «ideologisch», «woke» und «dogmatisch» wahrgenommen. «Dabei forschen wir genauso empirisch, also daten- und evidenzbasiert, wie andere Disziplinen auch», betont Soziologin Isabelle Zinn. Doch der negativ kolportierte Beigeschmack von Genderthemen kann fatal sein, gerade wenn es um Fördergelder geht. Das hat auch Isabelle Zinn erlebt:

Sie war Mit-Antragstellerin eines Nationalen Forschungsschwerpunkts mit dem Titel «Gender+Justice: Social Change Towards Sustainable Democracies». Nationale Forschungsschwerpunkte sind das wichtigste Förderinstrument des Bundes in der Forschung, es geht um sehr viel Geld.

Wir haben diverse Hinweise, dass die Absage am Begriff ‹Gender› gelegen haben könnte.
Autor: Isabelle Zinn Professorin für Diversity, Equity & Inclusion, neue Arbeitsformen

Gender+Justice schaffte es Ende 2025 auf die Shortlist – wurde dann aber abgewählt. Und dies, obwohl es das einzige Projekt aus den Sozialwissenschaften war. Stattdessen lancierte das zuständige Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI einen neuen Aufruf für ein geistes- und sozialwissenschaftliches Projekt.

Isabelle Zinn und ihre Mitstreiterinnen vermuten einen politischen Entscheid: «Wir haben diverse Hinweise, dass die Absage am Begriff ‹Gender› gelegen haben könnte.» Das SBFI allerdings beruft sich in seiner Begründung auf Punkte wie «mangelhaften Programmcharakter» oder «zu wenig begründete theoretische Grundlagen».

Das Fazit

Lucia Kleint, Nicole Probst-Hensch, Isabelle Zinn. Was lässt sich aus ihren Geschichten lernen? Alle drei betonen: Die Zeit arbeite für die Frauen, auch in der Wissenschaft.

Aber solange noch keine Gleichheit da sei, sei es wichtig, strukturelle Benachteiligung zu benennen und solidarische Netzwerke zu bilden. Nicht aufzugeben bei Rückschlägen. Fortschritt entstehe dort, wo Menschen gemeinsam für die Sache einstehen.

Radio SRF 1, SRF Wissen, 5.3.2026, 14:13 Uhr

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