Zum Inhalt springen

Header

Audio
«Dr Herr Cedes isch e Pächpilz»
Aus Dini Mundart vom 25.02.2022.
abspielen. Laufzeit 28 Minuten 53 Sekunden.
Inhalt

Kreative Kindersprache «Schaut, ein Luftmond!»

Sind Sie schon mal mit einem Helioktober geflogen? Oder kennen Sie Frau Rümli? Eine Sprachexpertin erklärt, wie Kinder auf solche Wörter kommen.

Regula Schmidlin

Regula Schmidlin

Professorin an der Universität Freiburg (CH)

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Die Professorin für Germanistische Linguistik hat zur Schriftsprache von Kindern doktoriert. Spracherwerb ist einer ihrer Schwerpunkte in der Lehre.

SRF: Wir haben unsere Community aufgerufen, Beispiele für lustige Kinderwörter zu schicken. Besonders oft wurde Helioktober für Helikopter genannt. Wie ist dieser «Fehler» zu erklären?

Regula Schmidlin: Besonders Wörter, die fremde Wortbestandteile enthalten oder schon eine gewisse Bildung voraussetzen, wie eben -kopter, sind für Kinder noch nicht transparent. Sie können diese Wörter dann so umbauen, dass die Einzelteile für sie verständlicher sind, eben als Heli + Oktober.

Ein weiteres Beispiel aus der Community: Ein Kind sprach seine neue Lehrerin mit Frau Rümli statt Frau Zimmerli an. Was verrät das über sprachliche Denkmuster von Kindern?

Dieses Beispiel zeigt, wie Kinder ihren Wortschatz aufbauen und wie sich dieser kognitiv zu organisieren beginnt. Die Wörter sind nicht wild durcheinander in unserem Kopf abgespeichert, sondern wir speichern die Beziehungen zwischen den Wörtern mit ab.

Die Wörter sind nicht wild durcheinander in unserem Kopf abgespeichert, sondern wir speichern die Beziehungen zwischen den Wörtern mit ab.

Diese stehen in semantischen Beziehungen zueinander, zum Beispiel als Gegenteil wie warm-kalt, als Teil-Ganzes-Beziehung wie Tag-Woche oder als Synonyme wie Raum-Zimmer. Raum und Zimmer sind also in unserem mentalen Lexikon näher beieinander als z. B. Raum und Nilpferd. Diese semantische Nähe begünstigt Verwechslungen oder Vertauschungen.

Wie erlernen Kinder überhaupt ihre Muttersprache?

Dazu gibt es verschiedene Theorien. Die einen betonen, dass jedes Kind von Geburt an ein Wissen um Grammatik hat. Dafür spräche das hohe Tempo, in dem Kinder sprechen lernen.

Andere Theorien betonen stärker den Aspekt der Imitation. Empirische Untersuchungen mit grossen Datenmengen zeigen, dass Kinder oft Sätze ihrer Eltern wiederholen und allmählich ausbauen. Kinder können nicht täglich Dutzende neue Satzkonstruktionen äussern, die sie noch nie gehört haben. Einig ist man sich darin, dass Kinder auf Input angewiesen sind, dass man also oft und auf vielfältige Weise mit ihnen spricht.

Wie können Eltern den Spracherwerb ihrer Kinder unterstützen?

Indem sie möglichst oft mit ihnen sprechen und sie als vollwertigen Gesprächspartner behandeln, auch wenn das am Anfang eine sehr asymmetrische Angelegenheit ist.

Helfen Korrekturen von Fehlern oder ist das kontraproduktiv?

Untersuchungen zur Inputsprache, – also zur Art und Weise, wie wir eigentlich sprechen, wenn wir mit Kindern sprechen, – zeigen, dass wir das Gesagte so strukturieren, dass es von Kindern leichter wahrgenommen werden kann. Wir reagieren auf fehlerhafte Strukturen in der Kindersprache meist, indem wir sie einfach in der korrekten Form wiederholen. Das ist nicht lehrerhaft, sondern ganz natürlich.

Zum Schluss noch ein Beispiel, wie kreativ Kindersprache sein kann: Der Sohn einer Kommentatorin sah einen Gleitschirmflieger und rief «Schaut, ein Luftmond!». Ein anderes Kind sagte Lochauto statt Cabriolet. Ist das typisch für den Spracherwerb?

Das sind sehr schöne Beispiele dafür, wie Kinder für Dinge oder Sachverhalte, die für sie neu sind, aus bereits bekanntem Sprachmaterial neue Wörter schöpfen.

Das Gespräch führte André Perler.

Ist ihr Interesse geweckt?

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: SRF

Alle Folgen von «SRF Dini Mundart» finden Sie auf Play SRF.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von Markus Glauser  (mgl)
    Für unsere Tochter war ein Cervelat ein Zabela.
  • Kommentar von Beatrice Fiechter  (thea)
    Unser Sohn wollte einige Zeit "bandeleger". Ich war schon ganz am Verzweifeln bis es Klick machte! Klar: Er wollte eine "Kassette" für das Tonbandgerät. Oder eine "Katirre" wurde gesucht anstatt die "Gitarre" oder er hatte den "Putzlaschtwager" gesehen anstatt den "Strosseputzwaage"....Er war ca 3-3.5 Jahre alt und schwierige oder spezielle Wörter/ faszinierten ihn!
  • Kommentar von Marie Baumler  (Malin)
    Täusch ich mich, oder wurde dieser Artikel vor ein paar Wochen schon mal publiziert?
    1. Antwort von Antwort SRF (SRF)
      Hallo Frau Baumler
      Das Interview mit der Professorin ist neu. Vielleicht erinnern Sie sich an den folgenden Artikel: https://www.srf.ch/radio-srf-1/mundart/kreative-kindersprache-der-paechpilz-het-gsingt-fehler-gehoeren-zum-spracherwerb
      Falls nicht, gerne auch da mal reinlesen. Viel Spass!
      Liebe Grüsse
      SRF Wissen