Es ist noch dunkel, als das Abenteuer frühmorgens beginnt. Ich stehe in der grossen Halle, der Boden ist kalt unter meinen Füssen. Um mich herum höre ich Rascheln, Ausrüstung, gedämpfte Stimmen. Manche lachen, andere sind still. Ich spüre die Nervosität. Und diese besondere Ruhe vor etwas Grossem. Ich weiss, was kommt: 101 Kilometer.
Das hier ist nicht nur körperlich – es ist vor allem mental
Ich habe mich vorbereitet. Und trotzdem ist klar: Es wird Momente geben, auf die ich mich nicht vorbereiten konnte. Krisen, gegen die ich nicht gewappnet bin. 101 Kilometer läuft man nicht einfach am Stück. Man weiss nicht, was bei Kilometer 30, 50 oder 80 passiert. Das hier ist nicht nur körperlich. Das ist vor allem mental. Schmerzen akzeptieren. Weitergehen. Schritt für Schritt.
Als Arzt würde ich solch einen Extremmarsch nicht empfehlen. Aber es ist Teil der militärischen Ausbildung. Also Realität für viele angehende Offiziere in der Schweiz. Für das SRF Format «Puls Check» arbeiten wir immer wieder als Ärzte in verschiedenen medizinischen Welten. So auch dieses Mal beim Militär. Mein Co-Host Willi Balandies begleitet als Arzt den Marsch mit der Sanitätspatrouille. Ich hingegen laufe mit. Dieses Mal will ich selber spüren, wie es ist, meinen Körper so einem Extremtest auszusetzen.
Als die Idee aufkam, dass ich den Marsch laufe, dachte ich zuerst: Wow! Ich war aber auch zwiegespalten. Einerseits mag ich Herausforderungen sehr. Sie reizen mich, sie holen etwas aus mir heraus. Andererseits wusste ich, dass 101 Kilometer eine brutal lange Distanz sind. Das ist kein Wettkampf. Das ist eine Dauerbelastung für Körper und Geist über viele Stunden.
Erste Nacht in der Kaserne
Als Einstimmung auf den Monstermarsch schlafe ich zusammen mit meinem Zug «Charlie» in der Halle der Infanterie-Offiziersschule 10 in Liestal. Ich schlafe kaum. Die Umgebung ist neu, die Gedanken kreisen. Gegen fünf Uhr heisst es aufstehen. Ich ziehe meine Stiefel an, tape die Füsse, streue Babypuder gegen Blasen. Um mich herum laufen routinierte Handgriffe. Alle wirken ruhig und fokussiert. Für mich ist alles neu. Ich war nicht im Militär, ich war im Zivilschutz. Ich atme tief durch. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Wir werden in einen Wald gebracht. Dort holen uns zwei Super-Pumas ab. Rotoren wirbeln Staub auf. Köpfe runter, Rucksäcke sichern, rein in den Helikopter. Unter uns zieht die Schweiz vorbei. Und irgendwo zwischen Lärm und Aussicht denke ich: Worauf habe ich mich hier eingelassen?
Der Start beim Schloss Hallwyl im Kanton Aargau erfolgt gegen Mittag. Letzte Worte vom Kommandanten, dann setzen wir uns in Bewegung. Neben mir Aspirantinnen und Aspiranten, die bereits sechs Tage Durchhaltewoche hinter sich haben. Sie hatten wenig Schlaf, kaum Erholung. Ich bin ausgeruht. Und trotzdem voller Zweifel.
Vorbereitung mit Hindernissen
Meine Vorbereitung war nicht ideal. Neben meiner Arbeit auf der Notfallstation blieb wenig Zeit. Ich recherchierte, schaute Videos, las Erfahrungsberichte. Ich dachte an Energiebedarf, Flüssigkeit, Fuelling. Abends trainierte ich auf dem Laufband oder lief im Dunkeln Runden im Quartier. Ich ging wandern. Jede Einheit zählte, doch leider entwickelte ich eine Sehnenentzündung und musste pausieren. Aber ich blieb dran.
Ich entschied mich bewusst für die Militärstiefel «KS90». Ich wollte unter ähnlichen Bedingungen laufen wie die anderen. Die Stiefel waren kaum eingelaufen, mehrere Jahre alt. Schon das Einlaufen wurde zur Belastungsprobe. Je näher der Marsch kam, desto klarer wurde mir: Auf 101 Kilometer kann man sich nicht wirklich vorbereiten. Man kann trainieren. Optimieren. Aber Schmerzen werden kommen. Genau das ist der Punkt. Sonst würde es jeder schaffen.
Die Pace ist hoch
Ich laufe beim Zug «Charlie» mit und fühle mich von Anfang an aufgenommen. Mein Betreuer Adrian Trupina erklärt mir Abläufe, gibt mir Sicherheit. Mein Ziel beim Loslaufen ist klar: 101 Kilometer in 24 Stunden. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass es um weit mehr geht als um ein gleichmässiges Tempo. Schnell merke ich, dass mein Zug ein anderes Ziel hat: Sie wollen vorne mitgehen, schnell sein und keine Zeit verlieren. Die ersten Stunden vergehen wie im Flug. Gespräche, Lachen, gute Stimmung. Der Weg am See ist wunderschön.
Nach etwa drei Stunden schaue ich auf die Uhr. Das Tempo ist und bleibt weiterhin hoch. Nach der vierten Stunde beginnen meine Knie zu schmerzen. Die harten Stiefel dämpfen kaum. Jeder Schritt ist wie ein Schlag, der direkt in meine Kniegelenke fährt. Bergauf, bergab, teilweise joggend. Immer mehr spüre ich, wie mein Körper protestiert, und ich falle langsam zurück.
Gleichzeitig erlebe ich aber auch enorme Unterstützung. Adrian Trupina und andere ziehen, schieben und motivieren mich. Gespräche und Ablenkung helfen, gegen den immer stärker werdenden Schmerz anzukämpfen. Doch das Tempo halten sie unerbittlich hoch. Auch nach fünf Stunden.
An den Verpflegungsposten greife ich kurz zu und gehe weiter. Keine echten Pausen. Selbst ein Toilettengang bedeutet Rennen, um wieder aufzuschliessen. Ich merke, dass mein Körper schneller abbaut als der der anderen. Trotzdem lässt mich niemand fallen.
Wenn der Körper «Stopp» sagt
Willi Balandies begleitet den Marsch medizinisch mit der Sanitätspatrouille. Er sagt, viele hier wären im zivilen Alltag längst krankgeschrieben. Der Körper läuft fast nur noch auf Kohlenhydraten, während die Stresshormone die zunehmenden Schmerzen dämpfen. Doch leider funktioniert das nicht endlos. Irgendwann zeigt jeder Körper seine Grenze. Wie gefährlich das ist, haben wir uns schon vor dem Marsch gefragt?
Ich frage mich nach dem Sinn eines solchen Marsches. Wozu das Ganze? Marcel Winiger, der verantwortliche Oberst im Generalstab, sagt, es gehe vor allem darum, den Durchhaltewillen herauszukitzeln. Und das Vertrauen der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit zu stärken.
Diese Grenze ist bei mir inzwischen erreicht. Nach über 30 Kilometern Dauerbelastung merke ich, dass ich die Gruppe immer mehr bremse. Und das will ich nicht. Vor dem Sanitätsfahrzeug, mit Willi und dem Kommandanten, weiss ich innerlich: Der Entscheid ist gefallen. Abbruch nach 36 Kilometern. Weit weg von 101.
Der aufsteigende Frust ist gross. Mental wäre ich weitergegangen. In meinem eigenen Tempo. Aber das hätte meinen Zug zusätzlich belastet. Das wollte ich nicht. Also höre ich auf.
Im Sanitätsfahrzeug zittere ich. Mir ist kalt. Ich bin total erschöpft. Co-Host Willi versorgt mich und nimmt mich mit zum nächsten Checkpoint. Energiemangel. Flüssigkeitsverlust. Überlastung. Eine normale Reaktion auf eine extreme Belastung. Später besuche ich meine Truppe «Charlie» bei der ersten Essensausgabe. Auch bei ihnen haben die Schmerzen begonnen. Ich verspreche, am nächsten Tag im Ziel zu stehen.
Und das tat ich dann auch.
Ein Ziel voller Emotionen
Als ich so im Zielraum stehe und sehe, wie der Zug «Charlie» gemeinsam ins Ziel rennt, wird mir erst wirklich bewusst, was dieser Marsch für diese Menschen bedeutet. Erschöpft, gezeichnet und müde laufen sie ein und sind gleichzeitig so voller Stolz, dass sie vor Freude sprühen. Ich freue mich für sie von ganzem Herzen.
Bei 101 Kilometern kommt fast niemand ohne Schmerzen an. Für sie ist es ein Marsch, bei dem Durchhaltevermögen und Willenskraft geprüft wird. Wenn der Körper nicht mehr will und man trotzdem den nächsten Schritt machen muss. Chapeau.
Ein Foto als Erinnerung
Das Gruppenfoto mit Zug «Charlie» nehme ich als Erinnerung mit, und sicherlich auch die Gespräche danach. Ich habe die 101 Kilometer nicht geschafft. Aber ich habe gesehen, was es mit Menschen macht, wenn Körper, Kopf und Gemeinschaft zusammenkommen.