Die gute Nachricht zuerst: Einzelne Tier- und Pflanzenarten kommen in der Schweiz wieder vermehrt vor – Weissstorch oder Turmfalke etwa. Einige sind gar zurückgekehrt, wie der Bär, der Luchs oder der Wolf. Und im Wald erholen sich Pflanzen, Moose und Schnecken.
«Solche Beispiele zeigen, dass Fördermassnahmen wirken», sagt die Biologin Eva Spehn von der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. Sie hat gemeinsam mit über 50 weiteren Fachpersonen einen umfassenden Bericht zum aktuellen Zustand der Biodiversität verfasst
-
Bild 1 von 4. Intensive Landwirtschaft und zu wenig Nahrung hatten dem Turmfalken zugesetzt. Dank Schutzmassnahmen wie Nistkästen, fühlt er sich wieder wohler. Bildquelle: IMAGO / Achille Abboud.
-
Bild 2 von 4. Auch der Biber fühlt sich in der Schweiz wieder heimisch und sorgt mit seinen Bauten für mehr Biodiversität. Bildquelle: IMAGO / Oliver Willikonsky.
-
Bild 3 von 4. Nicht für alle eine Freude, für die Schweizer Biodiversität aber schon: Der Wolf ist ein wichtiger Teil des Ökosystems. Bildquelle: IMAGO / Lobeca.
-
Bild 4 von 4. Die Auswilderung von Luchsen in der Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte, die das Tier zurück in die Alpen und den Jura brachte. Bildquelle: IMAGO / Cavan Images.
Doch neben diesem Hoffnungsschimmer gibt es auch die weniger gute Nachricht: Über ein Drittel der Arten in der Schweiz bleibt gefährdet. «Der Druck ist immens und der Zustand insgesamt immer noch schlecht», so Spehn. Nach wie vor verschwinden Arten, die auf ganz bestimmte Lebensräume spezialisiert sind. Durch die Klimaerwärmung etwa, zu hohe Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft oder gebietsfremde Arten. Neue Strassen und Siedlungen wiederum verkleinern und zerschneiden wertvolle Lebensräume.
Auch von den Flüssen und Bächen im Mittelland sind trotz Aufwertungen noch fast die Hälfte weit vom natürlichen, sauberen und frei fliessenden Zustand entfernt. Und in Landwirtschaftsgebieten leben immer weniger Feldhasen, Braunkehlchen oder Tagfalter wie das Grosse Wiesenvögelchen.
Vor der eigenen Haustüre verschwinden die Arten
Für die Fachpersonen ist das keine Überraschung. Für viele Menschen in der Schweiz scheinbar schon, denn Umfragen zeigen: Die Mehrheit der Menschen schätzt den Zustand der Biodiversität hierzulande fälschlicherweise als gut oder sehr gut ein. Das, obwohl die Sorgen über die Folgen des Biodiversitätsverlustes durchaus gross sind. Damit zu kämpfen hätte aber – so die vorherrschende Meinung – eher das Ausland.
Unscheinbar und gefährdet
-
Bild 1 von 1. Adscita dujardini ist eine sehr unauffällige Widderchenart, die speziell auf ihrer Wirtspflanze, dem Blutroten Storchschnabel, gesucht werden soll (Rote Liste). Bildquelle: Yannick Chittaro.
Für diese Diskrepanz gebe es verschiedene Gründe, sagt die Kulturhistorikerin Claudia Keller von der Universität Freiburg. Zum einen die mediale Berichterstattung: «Globale Umweltprobleme waren sehr lange sehr prominent im Naturschutz, in den Medien und Naturdokus». Es ging um die Abholzung des Amazonas oder die Ausrottung des nördlichen Breitmaulnashorns. Vor der eigenen Haustür hingegen verschwanden Tagfalter und Fledermäuse unbemerkt.
Das Bild der intakten Schweiz hält sich
Andererseits spielt auch unsere Psyche eine Rolle. Denn je weiter weg ein Umweltproblem liegt, desto gravierender nehmen wir es wahr. Hinzu käme das Selbstverständnis der Schweiz, sagt Keller. Die Schweiz als Land mit viel Natur und naturverbundenen Menschen. «Dieses Selbstbild hinkt der Realität hinterher.»
Das Bild der intakten Schweizer Natur scheint also tief verankert. Es zu verändern, brauche viel Zeit, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Filme oder Bücher seien dafür gut geeignet, weil sie das abstrakte Konzept Biodiversität in Geschichten übersetzen.
Aber auch der neue Bericht der Akademien der Wissenschaft will einen Beitrag leisten. Denn für eine gesunde Biodiversität brauche es nicht nur die Politik, sagt Biologin Eva Spehn, sondern alle. Gerade im Siedlungsraum die privaten Hauseigentümer und Baugenossenschaften, die ihre Flächen in Naturjuwelen verwandeln. Und so nicht nur der Natur, sondern auch sich selbst etwas Gutes tun.