Mit geübter Geste lässt Michael Jäggi seinen Hund aus dem Auto springen, einen stattlichen, braun melierten Vorstehhund. Noch bevor der Mann dem Tier die lederne Leine anlegt, hebt dieses seine Nase und nimmt Witterung auf. Jäggi, in voller Jägermontur samt Hut, lächelt und nickt. «Die Hirsche sind da», sagt er.
Wir sind unweit der Gemeinde Kestenholz SO am Rand des Längwalds, eines ausgedehnten Waldgebiets, das sich über die Kantone Solothurn und Bern erstreckt. In unmittelbarer Nähe, inmitten der Bäume, befindet sich eine Kiesgrube, die in hohem Takt von Lastwagen angefahren wird. Nördlich, zur Jurakette hin, rauscht der Verkehr der A1.
Das Waldstück hier ist flach und beliebt bei Joggern, Velofahrerinnen, Hundebesitzern – und bei Rothirschen. «Zurzeit sind drei Rudel unterwegs», sagt Jäggi, «ein Zwölfer-, ein Achter- und ein Fünferrudel.» Die Tiere zirkulierten im Revier Kestenholz, aber auch in den angrenzenden Jagdgebieten von Wolfwil und Härkingen.
Der Rückzugsort der Hirsche dient, um sie zu schiessen
Ich gehe mit Michael Jäggi und seinem Hund ein Stück durch den Wald. Es hat zu regnen begonnen. Über einen schmalen, rundum dicht bewachsenen Wildwechsel gelangen wir auf eine freie Fläche, an deren Rand ein Hochsitz steht. Hier sei das Rotwild ungestört, sagt Jäggi, geschützt vor Lärm und menschlichen Blicken.
Für ihn als Jäger sei der Ort optimal, um sich auf die Jagd einzustellen. «Ich kann die Hirsche, die sich hier aufhalten, genau beobachten: Sind sie männlich, sind sie weiblich? Sind es Jungtiere, Alttiere? Ist gar ein Kronenhirsch dabei, der ein Geweih auf der Stirn trägt?» Die solothurnische Jagdverwaltung erlässt für die Rotwildjagd jedes Jahr genaue Vorgaben.
Es sollen vor allem Jungtiere und Weibchen bejagt werden – man will keine Trophäenjagd. Geschossen werden darf nur tagsüber, eine Stunde vor Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang. Vom 1. August bis 30. September und dann noch einmal nach der Brunftzeit bis Ende Dezember. Danach ist Schluss.
Um die strengen Kriterien zu erfüllen, sei eine freie Fläche das Beste, sagt Michael Jäggi. Sonst sei es schwierig, an das Rotwild heranzukommen: «Abends treten die Rothirsche oft erst 15 Minuten nach der erlaubten Schusszeit auf die Felder hinaus, und morgens ziehen sie sich frühzeitig wieder in den Wald zurück.» Als ob die Tiere eine Armbanduhr trügen und den Jägern eins auswischen wollten, klagt Jäggi.
In Michael Jäggis Jagdgebiet – «Wildraum» im Jagdjargon – standen letztes Jahr 22 Hirsche zum Abschuss frei – vierzig Prozent des geschätzten Bestands. Das Ziel war, diesen zu senken, entsprechend dem kantonalen Abschussplan. Denn wie im ganzen Mittelland sind die Hirschbestände im Solothurnischen deutlich angestiegen.
Zwölf Tiere wurden erlegt, zwei starben bei Wildunfällen. «Ja, es hat auch Fehlabschüsse gegeben», steht in Jäggis «Rotwildbericht 2025». Die Hirschjagd bilde eine «komplexe Herausforderung».
Der Hirsch ist ein Grasfresser – in der Not frisst er junge Bäume
Christian Willisch ist Wildtierökologe an der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL. Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt Bafu hat er zusammen mit anderen Forschern untersucht, wie der Hirsch im Mittelland wieder heimisch geworden ist.
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Bild 1 von 2. Das Bild zeigt einen der ersten im Mittelland besenderten Rothirsche im Jahr 2013. Die Aufnahme einer Wildtierkamera wurde in einem Tageseinstand des Rothirsch-Stiers in einem Waldstück bei Fulenbach gemacht. Bildquelle: Christian Willisch BFH-HAFL.
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Bild 2 von 2. Bild einer Wildtierkamera, das ein Kahlwildrudel bei Kestenholz zeigt. Im Schutz der Nacht wagen sich die Rothirsche aus der Deckung, um auf den Weiden und den Grasflächen auf Nahrungssuche zu gehen. Zu sehen ist eine Gruppe von weiblichen Rothirschen (Kühen) mit ihren Jungtieren (Kälbern). Bildquelle: Christian Willisch BFH-HAFL.
«Noch in den 1990er-Jahren konnte man sich für die Schweiz nicht vorstellen, dass sich die Rothirsche im Mittelland wirklich ausbreiten und dort auch halten würden», sagt Willisch. Doch 2005 tauchten aus den Alpen im Raum Bern-Solothurn vereinzelte Tiere auf. Fünf Jahre später, als Christian Willisch an der HAFL seine Studie startete, hatte sich bereits eine Gruppe etabliert.
«Wie alle Wildtiere benötigt der Rothirsch im Wesentlichen zwei Dinge», erklärt Willisch: «Das eine ist Schutz vor Feinden oder auch Störungen, das zweite ist eine gute Nahrungsgrundlage – und der Lebensraum Wald muss das natürlich bieten.» Der Rothirsch, so der Biologe, ist eigentlich ein Steppenbewohner und als solcher ein Grasfresser. In der Schweiz flüchtet er vor den Menschen in den Wald und weicht dort auf andere Nahrung aus. Zum Beispiel Triebe von jungen Bäumen oder deren Rinde.
Im Kestenholzer Wald zeigt mir Michael Jäggi eine ziemlich übel zugerichtete Jungkiefer. Hirschverbiss. Daneben: eine ebenso leid aussehende Weide. Die Rinde ist zu mehr als der Hälfte abgeschält, «die wird sich nie mehr ganz erholen», urteilt Jäggi, der von Beruf Landschaftsgärtner ist.
Über einen schmalen Pfad verlassen wir die Lichtung. Auf dem Boden entdecken wir frische Losung: dunkelbraune, mandelgrosse Kotbällchen. Die Hirsche sind um uns herum. Wir sehen sie nur nicht. Es sei schade, sagt Jäggi, dass die Jagd jeweils Ende Dezember zu Ende sei. Denn jetzt richteten die Tiere die meisten Schäden an.
Die Auswirkungen des Wildverbisses haben zugenommen
Schweizweit gibt es gemäss Bafu mittlerweile rund 40'000 Hirsche, tendenziell werden es von Jahr zu Jahr mehr. Was heisst das für die Wälder hierzulande?
Das weiss Andrea Kupferschmid, die am Eidgenössischen Institut für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf forscht: «Man kann nicht einfach sagen, der Verbiss hat überall in den letzten Jahren zugenommen», sagt die Biologin. «Aber die Auswirkungen, die der Verbiss auf die Wälder hat, die haben eindeutig zugenommen.»
Der Hirsch ist dabei nur ein Faktor. Auch Gämsen und vor allem die Rehe setzen den Wäldern zu. Fatalerweise würden diejenigen Bäume, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen, am meisten verbissen, sagt Kupferschmid: Arten wie Eichen, Ahorn, Eschen oder Mehlbeeren.
Das hat Folgen: «Dort, wo zum Beispiel Schutzwälder bestehen oder der Wald bewirtschaftet wird, hat der Verbiss ganz klar einen negativen Einfluss.» Auch die Biodiversität werde durch Verbissschäden stark beschnitten.
Welchen Anteil der Hirsch an dieser Entwicklung hat, ist nicht eindeutig. Kupferschmids Feldstudien im Raum Bern-Solothurn haben ergeben, dass die meisten Verbissschäden von den Rehen stammten.
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Bild 1 von 6. Eine Hirschkuh in ihrem natürlichen Habitat, einer offenen Landschaft. Hirsche sind eigentlich Grasfresser. Bildquelle: IMAGO / imagebroker.
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Bild 2 von 6. Ein männlicher Rothirsch, in der Jägersprache «Stier» genannt. Nur männliche Hirsche bilden jedes Jahr ein Geweih aus. Hirsche zählen zu den grössten freilebenden Wildtieren. Weibchen wiegen zwischen 90 und 150 Kilogramm. Männchen bringen bis 200 Kilo oder noch mehr auf die Waage. Bildquelle: Imago Images / Imagebroker.
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Bild 3 von 6. Rothirsche sind hochsoziale Tiere und leben die meiste Zeit des Jahres in Rudeln. Diese sind weiblich dominiert. Männliche Stiere verbringen die Sommermonate im Rudel. Bildquelle: Imago Images / imagebroker.
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Bild 4 von 6. Im September und Oktober folgen die geweihten Männchen den Weibchen zu den Brunftplätzen. Dort kämpfen sie um die brunftigen Kühe. Der Gewinner ist der Platzhirsch. Nach der Deckung verzieht er sich in die Einsamkeit und wirft Ende Winter sein Geweih ab. Bildquelle: Keystone / Alessandro Della Bella.
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Bild 5 von 6. Szene aus «Bambi», dem berühmten Disney-Film aus dem Jahr 1942. Bambi ist im Film kein Reh, sondern ein kleiner Weisswedelhirsch. Und entgegen einem weitverbreiteten Irrtum sind Rehe keine jungen Hirsche, sondern eine eigene, wesentlich kleinere Spezies. Bildquelle: IMAGO / ZUMA Press Wire.
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Bild 6 von 6. Spuren auf dem Acker: das «Trittsiegel» eines Rothirschs. Bildquelle: Irène Dietschi SRF.
Eine indirekte Folge der Hirscheinwanderung, vermutet die Forscherin: «Die Rehe weichen an Orte aus, wo ihr Fressverhalten den Wald mehr beeinträchtigt als im ursprünglichen Habitat.» Anders gesagt: Die Ankunft des Hirsches hat das Verhalten des Rehs verändert.
Deutlich zu viele Hirsche, aber auch Rehe und Gämsen
Andrea Kupferschmid stellt unmissverständlich fest: «Gerade jetzt, da die Wälder an die neue Situation des Klimawandels angepasst und mit resilienten Baumarten bepflanzt werden müssen, sollten die Bestände aller Wildhuftiere tiefer sein.» Insofern komme die Ausbreitung des Hirsches zu einem etwas ungünstigen Zeitpunkt.
In Kestenholz, am Schluss unseres Waldgangs, erzählt mir Michael Jäggi von seinem Jagdglück vor zwei Jahren. An einem Spätsommerabend habe er selbst einen jungen Hirsch erlegt, auf offenem Feld, von einer Jagdkanzel aus.
Jedes Mal, wenn er an diesem Ort vorbeifahre, denke er an diesen schönen Moment – der aber gleichzeitig nicht so schön gewesen sei, denn er habe ja ein Tier getötet. «Mir ist aber durchaus bewusst, dass man das tun muss, dass es unsere Arbeit braucht, dass diese sehr wichtig ist.» Sie hätten die Rotwildjagd besser im Griff als in früheren Jahren, sagt Jäggi – auch wenn sie das Soll des Kantons nicht erfüllt hätten. Die meisten Jäger hierzulande machen diese Erfahrung: Die Hirschjagd ist anspruchsvoll – und nicht immer erfolgreich.
Der natürliche Gegenspieler des Hirsches ist der Wolf
Was also tun, damit die Bestände nicht unkontrolliert anwachsen? Wildtierspezialist Christian Willisch findet: Man müsste den Wolf einbinden. «Der Rothirsch hat sich evolutiv gesehen zusammen mit dem Wolf entwickelt, das heisst, der Wolf ist der erste Gegenspieler des Hirsches.» Willisch ist überzeugt, dass der Wolf helfen könnte, den Wald/Wild-Konflikt zu entschärfen.
Auch Andrea Kupferschmid möchte mehr Grossraubtiere zulassen – um den Wald fit für den Klimawandel zu machen. «Wenn wir akzeptieren, dass sich Luchs und Wolf ausbreiten dürfen in dieser Mittellandregion, dann ist ihr Einfluss auf die Wälder sicher ein anderer, als wenn man sie nicht zulässt.»
Sie sei sich bewusst, dass diese Frage hochpolitisch sei, sagt Kupferschmid. Aus ökologischer Sicht jedoch ergebe die Dezimierung des Wolfs keinen Sinn.