Die nachfolgenden Aussagen und Empfehlungen ersetzen nicht die individuelle Abklärung oder Diagnose bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Chat-Protokoll
Ich bin seit sehr vielen Jahren süchtig nach Pornos. Ich kann nicht ohne. Wie kriege ich diese Sucht in den Griff? Wenn es einfach wäre, hätte ich schon längst damit aufgehört. Vielen Dank für die Berücksichtigung meiner Frage.
Ursina Donatsch: Ohne viel mehr zu erfahren, empfehle ich Ihnen auf jeden Fall, Hilfe in Anspruch zu nehmen bei diesem Projekt (Sexualtherapie nach sexocorporel). Dass Sie allein nicht mehr aufhören können, deutet daraufhin, dass Sie Unterstützung brauchen. Das Ziel in der Therapie wäre dann, (wieder) eine genussvolle, selbstgesteuerte, pornounabhängige (also mal mit mal ohne Porno – oder: Porno als eine Option) Solosexualität zu entwickeln.
Ab wann beginnt Risikoreicher Kosum? Gibt es überhaupt Pornokonsum ohne Risiko? Was sind Warnzeichen, besonders Spezifisch auf Inhalte?
Ursina Donatsch: Risikoreicher Konsum beginnt dann, wenn trotz negativer Konsequenzen weiter konsumiert wird und wenn Sie das Gefühl verloren haben, steuern zu können, wann Sie Pornos schauen, wie lange, was und wann Sie aufhören wollen. Ja, es gibt auf jeden Fall Pornokonsum ohne Risiko oder negative Folgen. Aus sexualtherapeutischer Sicht kann gesagt werden, dass je mehr Sie die Solosexualität auch pornounabhängig geniessen können, desto besser sind Sie vor Risiken geschützt. Auf Inhalte bezogen: Legale Inhalte. Ansonsten gibt es keine Do’s und Don’ts. Sicher hilfreich ist, wenn Sie immer mal wieder Solosexualität ohne Pornos ausprobieren.
Ich habe lang Zeit häufig Porno konsumiert (ca. 1x pro Woche) und habe das Gefühl, dass dieses Verhalten bereits als Sucht bezeichnet werden muss. Anders als etwa bei Alkohol oder anderen Drogen, wurde inzwischen allerdings ein Punkt erreicht, bei dem mir der Konsum von Porno nur noch eine sehr punktuelle Befriedigung gibt. Es gibt keine Steigerung mehr, sondern es ist zu etwas «Normalem», fast Alltäglichem geworden. Mit anderen Worten: der häufige Pornokonsum hat dazu geführt, dass die ganze Sexualität inzwischen für mich den Reiz und das Aufregende verloren hat. Ich bin diesbezüglich gleichsam abgestumpft. Und konsumiere dementsprechend deutlich weniger Porno als noch vor ein paar Jahren (also nicht, wie bei einer Sucht zu erwarten wäre, mehr oder härtere Filme). Das hat einerseits etwas Beruhigendes, andererseits aber auch etwas sehr Trauriges. Was denken Sie dazu? Ist das der übliche Verlauf einer Sucht?
Ursina Donatsch: Dranghafter Pornokonsum muss auf jeden Fall separat betrachtet werden und kann in vielerlei Hinsicht nicht mit anderen Süchten verglichen werden (in gewissen Hinsichten aber auch schon). Das bedeutet eine Abstumpfung bei dem sexuellen Bildmaterial ist einerseits «gut» wie Sie das schreiben, insofern, dass es Sie weniger interessiert und andererseits auch «schlecht», weil es stärkere Reize erfordert. Wichtig in dieser Frage scheint mir als Sexologin aber, wie die Solosexualität genussvoll gelebt werden kann – auch pornounabhängig. Also z.B. indem Sie andere Quellen nutzen als nur die Visuelle (Fantasien, Berührungen, auditiv etc.).
Ich masturbiere seit längerem praktisch täglich zu Pornos und habe in letzter Zeit das Gefühl, dass meine Erektion schwächer ist als früher. Kann dies einen Zusammenhang haben? Ist mein Konsum problematisch und kann er dazu führen, dass die Lust mit meiner Freundin zu schlafen so vermindert wird?
Franz Eidenbenz: Gut, dass du dir Gedanken über deinen Konsum machst. Offenbar verbringst du mehr Zeit mir Pornos als, dass du Sex mit deiner Freundin hast. Das besteht offensichtlich ein Zusammenhang. Häufig belastet exzessiver Pornokonsum reale Intimität mit einem Gegenüber. Wäre wohl eine gute Idee mit dem Konsum etwas herunter zu schrauben. Wenn du merkst, dass das schwierig ist, deutet das auf eine Sucht hin. Eine Pause oder Reduktion ist eine gute Chance die Beziehung und auch den Sex mit der Freundin zu verbessern. Viel Erfolg!
Pornografie bringt in vielen Hinsichten Probleme, sei es illegale Aktivitäten, falsches Bild der Sexualität oder Suchtproblematiken. Was ist der Grund, dass Pornografie nicht verboten wird?
Ursina Donatsch: Es gibt in der Tat gewisse Risiken, wie Sie das richtig schreiben. Jedoch kann Verbot keine Lösung sein. Weil es ein menschliches Grundinteresse gibt an sexuellem Bildmaterial und immer ein Weg gesucht werden wird, an dieses zu gelangen. Deshalb plädiere ich ganz klar für die Auseinandersetzung der Gesellschaft mit einem «gesunden» Umgang mit Pornografie. Das bedeutet, wie und was kann konsumiert werden und dabei die Risiken zu minimieren. Darüber hinaus könnte ein Verbot noch mehr Reiz mit sich bringen und noch zu mehr Tabuisierung und Heimlichkeit führen, was erwiesenermassen (siehe meine wissenschaftlichen Studien) zu negativen Effekten führt.
Pornokonsum wird unter anderem mit einem gekränkten sexuellen Selbstwertgefühl assoziiert. Männer, welchen im Kindesalter die Penisvorhaut abgeschnitten wurde (aus welchen Gründen auch immer), berichten oft von diversen sexuellen Störungen und dementsprechend auch von einem belasteten und gekränkten sexuellen Selbstwertgefühl. In der Schweiz wurde geschätzt bei jedem fünften Mann die Penisvorhaut in der Kindheit oder in der Jugendzeit abgeschnitten. Es wäre daher interessant die Überlegungen der Sexual-Expert:innen zu folgenden Fragen zu hören: Ist es möglich, dass zwischen Pornokonsum und «Beschnitten-Sein» ein Zusammenhang besteht? Könnte es sein, dass beschnittene Männer überdurchschnittlich häufig von Pornosucht betroffen sind? Erscheint es plausibel, dass beschnittene Männer Porno konsumieren, weil sie damit vermeintlich jene Empfindung und Befriedigung zu ersetzen versuchen, welche ihnen durch die fehlende Penisvorhaut nicht möglich ist?
Patrick Kollöffel: Wissenschaftlich ist meines Wissens kein kausaler Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Vorhautbeschneidung bekannt. Unterschiedlichste Menschen konsumieren Pornografie: Mit hohem oder niedrigem Selbstwert. Mit oder ohne Vorhaut. Frauen Männer, Menschen. In Beziehung oder Alleinstehend. Mehr Infos zu Vorhautbeschneidung finden Sie unter https://prepuce.ch.
was ist ihrer meinung nach die gesündere umstellung und nachhaltigere zufriedenstellung? kompletter vezicht oder reduzierung.
Franz Eidenbenz: Totaler Verzicht ist für die meisten nicht sofort möglich, deshalb ist eine Reduktion eine gute Idee. Bei meinen Klienten finden dann einige Heraus, dass sie ganz aufhören möchten und damit auch eine deutlich verbesserte Paarsexualtiät finden. Auf jeden Fall gut sich Gedanken für einen befriedigende Sexualität zu machen. Eine gute Idee auch beim Thema dran zu bleiben.
Ich befriedige mich eigentlich immer Abends vor dem Schlafen, mit einem Porno dazu. Genres variieren je nach Lust und Laune. Ausgenommen sind Abende mit meiner Freundin. Ist das zu viel? Wie würde ich merken, dass es zuviel wird? (einhergehend mit der Selbstbefriedigung)
Patrick Kollöffel: Alles in Ordnung. Solange sich die Selbstbefriedigung für Sie gut anfühlt, Sie danach kein schlechtes Gewissen haben und die Paarsexualität mit Ihrer Freundin weiterhin stattfindet, ist alles in Ordnung. In vielen Beziehungen findet neben der gemeinsamen Paarsexualität auch Selbstbefriedigung statt. Beide Arten von Sexualität können nebeneinander gelebt werden.
Seit meiner Jugend (Alter 33) konsumiere ich fast täglich Pornografie (ca. 4-5mal wöchentlich). Es hat sich für mich zu einem Ritual nach der Arbeit entwickelt, um herunterzufahren/zuentspannen. Nach anfänglich grosser sexueller Lust zu meiner Partnerin (3Jahre), habe ich einen klaren Rückgang dieser Lust bemerkt. Pornos schaue ich trotzdem weiterhin oft. Ich mache mir Vorwürfe und habe grosse Sorgen bezüglich unserer Beziehung, welche «ausserhalb des Betts» wunderbar ist. Kann ich durch Verminderung/Stopp des Pornokonsumes, meine Lust wiederfinden?
Ursina Donatsch: Darauf würde ich nicht setzen. Viel wichtiger scheint mir, wie Sie mit ihrem eigenen Konsum umgehen. Das konnte ich in meiner wissenschaftlichen Studie mit über 1000 Menschen bestätigen: Je heimlicher konsumiert wird und mit schlechtem Gewissen, desto negativer wird die gemeinsame Sexualität erlebt. Und genauso wichtig und davon unabhängig ist, ob Sie mit Ihrer Partnerin über die gemeinsame Sexualität reden. Wenn nicht, machen Sie das. Tauschen Sie sich aus, was Sie sich wünschen, was Ihnen gefällt, was Sie ausprobieren möchten, was Ihnen nicht gefällt. Das sind direkte Faktoren, die mit der Lust zusammenhängen.
Grüezi Ist Pornokonsum überhaupt normal bzw. selbstverständlich? Warum machen das (hauptsächlich) Männer? In unserer Ehe kommt der Pornokonsum meines Mannes immer wieder zwischen uns – ich fühle mich zurückgewiesen, abgewiesen, verletzt, nicht schön genug, nicht genügend; diese Gefühle haben sich nach den Schwangerschaften und Geburten, die Spuren an meinem Körper hinterlassen haben, verstärkt. Mein Mann versichert mir immer wieder, dass der Pornokonsum nichts mit mir zu tun hat. Aber trotzdem verstehe ich nicht, warum er sich „bei anderen Frauen“ den Kick holt – was bei mir einen Vibe von „Fremdgehen“ hinterlässt, wogegen er sich vehement wehrt. Mein Mann gibt sich auch Mühe, möglichst wenig Pornos zu konsumieren. Bin ich einfach verkorkst und muss ich den Pornokonsum akzeptieren? Was, wenn ihn unsere Kinder einmal beim Konsum von Pornos erwischen und es eine Erklärung braucht, warum er das macht? Stand jetzt würde ich sein Verhalten verurteilen, was wiederum zu einem Loyalitätskonflikt gegenüber unseren Kindern führen könnte…Was wäre eine gute Reaktion?
Franz Eidenbenz: Es ist nachvollziehbar, dass der Pornokonsum des Mannes ein Kränkung ist und natürlich ist die Frage berechtigt ob das nötig ist. Nun ist es so, dass 90 Prozent der Männer immer wieder mal einen Porno schauen. Es ist dabei meist nicht die Absicht die Frauen zu betrügen. Aus der Praxis mit der Arbeit mit Paar wird die unterschiedliche Wahrnehmung deutlich. Frauen ertragen das unterschiedlich gut und tolerieren das oder eben nicht. Offen über das Thema zu sprechen, wenn nötig mit externer Unterstützung ist meist hilfreich. Viele Männer die reduzieren oder ganz aufhören, bemerken eine höhere Sensitivität und Lust für Sexualität. Wichtig zu wissen, dass Rückfälle in den Konsum normal sind. Trotzdem ein gutes Ziel der Sinnlichkeit zu zweit mehr Chancen zu geben. Genauso wie Sex, sollten Kinder nicht direkt mit dem Konsum von Porno eines Elternteils konfrontiert werden. Wenn es trotzdem einmal passiert, ist das für ältere Kinder oder Jugendliche ein Thema, dass man besprechen kann und meist nicht tragisch ist. Eine gute Reaktion, wäre Raum und Zeit – was mit Kinder nicht immer einfach ist – für gemeinsamen Sex zu schaffen. Auch das Thema nochmals aufnehmen, z.B. indem ihr gemeinsam die Sendung schaut. Dann aber nicht beim Pornothema bleiben, sondern was am gemeinsamen Sex Spass macht und gute Erfahrungen waren. Viel Erfolg und möglichst viel Spass.
Ich habe eine sexuelle Vorliebe für Atemreduktion entwickelt. Es erregt mich, wenn ich mir die Kapuze einer Regenjacke luftdicht um den Kopf binde. Das mache ich heimlich, und inzwischen hat es starke Auswirkungen auf mein Sexualleben. Ohne diese Praktik komme ich kaum noch zum Höhepunkt. Mit meiner Freundin hatte ich deshalb seit langer Zeit keinen Sex mehr. Das belastet mich sehr. Ein weiteres Hauptproblem ist mein stark erhöhter Pornokonsum. Ich merke, dass ich immer extremere Reize brauche, um überhaupt noch sexuelle Erregung zu empfinden. Dadurch ziehe ich mich zunehmend zurück, vermeide Nähe und verliere das Interesse an normaler Intimität. Das belastet mich psychisch und wirkt sich negativ auf meine Beziehung aus. Ich habe das Gefühl, die Kontrolle darüber zu verlieren, und möchte etwas verändern. Was kann ich dagegen tun?
Ursina Donatsch: Wichtig ist einzuordnen, dass es völlig okay ist, sexuelle Vorlieben zu haben oder auch zu entwickeln. Was bei Ihnen passiert ist, ist eigentlich nur, dass Ihre Erregungssteigerung sich zunehmend auf diese spezifische Vorliebe fokussiert hat, bzw. reduziert hat. Das an sich muss auch kein Problem darstellen, tut es aber, weil es die gemeinsame Sexualität mit Ihrer Freundin einschränkt. Also wäre das eine Motivation für Sie, die Erregungssteigerung wieder auszuweiten auf unterschiedliche Szenarien. Dafür braucht es Übung. Ich empfehle Ihnen eine Sexualtherapie nach sexocorporel. Da wird genau das gelernt. Das geht eigentlich einher mit dem Kontrollverlust beim Pornokonsum. Auch da kann gelernt werden, die Erregungsquellen wieder auszuweiten (z.B. auf Fantasien, auditives Material, Berührungen etc.). Sie können also eine neue Art und Weise Ihrer gelebten Solosexualität erlernen, um so dann auch die gemeinsame Sexualität wieder anders zu erleben.
Grüezi Ich leide unter einer massiven Sucht (mehrere Stunden Konsum pro Tag mit mehreren Orgasmen, über 15 Jahre hinweg) und habe mittlerweile schon grosse Fortschritte gemacht durch diverse Therapien (90-100Tage abstinent jeweils). Nun gibt es ein grosses Problem und bis jetzt konnte mir noch niemand weiterhelfen. Nach dem Konsum von Porno habe ich massive Entzugserscheinungen, werde hochaggressiv und praktisch unerträglich für meine Familie für ca. 15 Tage. Das spornt mich an, um danach wieder gut 3 Monate abstinent zu bleiben. Das Ziel ist natürlich noch länger. Jedoch habe ich die genau gleichen Entzugserscheinungen, wenn ich Sex habe mit meiner Frau in dieser Zeit. 1-1 als hätte ich Porno geschaut. Auch wenn ich mal 50 Tage gar keinen Sex habe, danach sofort wieder diese Entzugserscheinungen. ChatGPT empfiehlt mir mind. 3-6 Monate ganz auf alles zu verzichten und danach mit ganz langweiligem langsamen Sex wieder zu starten, um das Hirn umzulernen, aber das ist praktisch unmöglich, 1. mich so lange von meiner Frau fernzuhalten und 2. dann oberlangweiligen Sex zu haben, weil sie auch eher wilden Sex bevorzugt und wir uns dann reinsteigern. Haben sie mir noch ein paar gute Tipps oder Ratschläge oder andere Ideen wie ich das Problem loswerde? So macht ein Weiterleben praktisch keinen Sinn mehr, wenn man nicht mal mehr Sex haben kann ohne unerträglich zu werden und hochaggressiv den Familienmitgliedern gegenüber. Oder muss ich jetzt einfach ohne wenn und aber die 6 Monate komplett durchziehen und langweilig starten danach?
Ursina Donatsch: Sie haben schon viele Sexualtherapien gemacht, weshalb ich mir nicht anmasse, DIE Lösung zu haben. Aber vielleicht ein paar Inputs aus meiner sexualtherapeutischen Erfahrung mit dranghaftem Pornokonsum: Es scheint mir, als dass es zwei Themenbereiche gibt bei Ihnen, die Beide angegangen werden sollten: Hypersexuelles Verhalten und dranghafter Pornokonsum. Beide sind etwas unterschiedlich zu therapieren. Weiter kann und soll Abstinenz (weder von Porno noch von Sex) kein Ziel sein. Für beide obengenannten Themen würde ich auf die Solosexualität fokussieren, was bedeutet: Fokus auf das Körpererleben legen: Spüren Sie Berührungen? Wo genau? Wie? Was macht Ihr Atem dabei? Wo im Körper ist Spannung, Entspannung? Wie nutzen Sie Ihren eigenen Körper, eigene Berührungen für die Erregungssteigerung? Und so weiter und so fort... So können Sie Ihrem Körper neue Impulse geben und er kann etwas Neues lernen.
Ich goone manchmal den ganzen Tag oder auch über Tage hinweg, ohne Samenerguss. Mal abgesehen von diversen Folgeproblemen, kann das Folgeschäden geben bei einem extremen Samenstau? Abgesehen von Kavaliersschmerzen.
Patrick Kollöffel: Schädlicher Samenstau sehe ich nicht als Risiko. In der Regel reguliert der Körper die Anzahl Spermien in den Nebenhoden automatisch. Überzählige Spremien werden oft über einen nächtlichen Samenergeuss abgegeben. Sich selber zu Stimulieren und dabei bewusst die Phase des Orgasmus/des Samenerguss nicht zu erreichen, zeugt von einer hohen Kontrolle über den eigenen Körper. Spannend wäre die Motivation zu diesem Verhalten zu erfahren. Diese kann sehr unterschiedlich sein. Wichtig ist, dass Sie sich dabei und danach wohl fühlen.
Ist es normal in einer Beziehung Pornos zu schauen?
Franz Eidenbenz: Statistisch gesehen ist es nicht sehr häufig aber wenn es für beide passt, kann das anregend sein oder zu einem spannenden Gespräch über eigene Vorlieben und Abneigungen führen.
Ich masturbiere mehrmals täglich. Da ich täglich im Homeoffice arbeite kann ich jederzeit masturbieren. Habe ich ein Problem und muss ich einen Arzt aufsuchen?
Franz Eidenbenz: Kommt darauf an, was sonst noch in Sachen Sexualität läuft. Also es stellt sich die Frage ob das die einzige Form von Sex ist und ob der Konsum kontrolliert, reduziert werden kann. Wenn die Kontrolle selber nicht gelingt und Sex sonst leidet, ist es eine gute Idee Hilfe auf zu suchen. Das kann beim Arzt sein oder bei einer Beratung zum Thema. Gut sich Gedanken zu machen und bessere Sexualität zu erleben.
Meine Kinder kommen demnächst ins Teenageralter. Welche Strategien würden Sie empfehlen um ihnen Pornographie zu erklären und Grenzen zum Konsum zu setzen? Ich glaube nicht, dass ich sie vor dem Kontakt mit Pornographie schützen kann oder dies effektiv verbieten kann, deshalb suche ich nach Methoden um sie entsprechend zu sensibilisieren.
Tina Reigel: Tolle Frage, vielen Dank! Aufgeklärte Kinder sind sicherere Kinder, weil Wissen einerseits schützen kann und Kinder durch alters- und entwicklungsgerechte Gespräche früh lernen, wo sie sich bei Fragen und Unsicherheiten Hilfe holen können. Da Pornografie durch das Internet leicht zugänglich ist, kommen Kinder durch das Nutzen von unterschiedlichen Geräten rasch in Kontakt mit sexualisierten Inhalten und Pornografie. Meist geschieht dies bei jüngeren Kindern ungewollt, später als Neugier oder auch «Mutprobe». Als allererstes ist eine zugewandte Beziehungs- und Gesprächsebene hilfreich. Und ideal ist es, wenn die vor dem Thema Pornografie generell über Sexualität gesprochen haben. Kinder sollten wissen, dass es im Internet Bilder oder Videos gibt, die sich beim Betrachten komisch, aufregend oder eklig anfühlen können. Es ist gut, wenn sie diese Gefühle wahrnehmen und benennen können und sich dann an eine Vertrauensperson wenden, damit sie das Gesehene einordnen können. Elternteile sollten darauf hinweisen, dass diese Inhalte für Erwachsene erstellt werden und nicht viel mit der Realität zu tun haben – ähnlich wie ein Actionfilm. Versuchen sie nicht Angst zu machen sondern möglichst sachlich aufzuklären. Es ist auch immer Hilfreich, die eigene Einstellung zu pornografischen Inhalten zu reflektieren und sich unter Umständen ein passendes Aufklärungsbuch anzuschaffen um sich eine Haltung anzueignen. Auch die rechtliche Lage sollte mit Kindern besprochen werden. Hier eignet sich oftmals der Vergleich mit dem Strassenverkehr – dort gibt es auch Regeln die zu beachten sind und Altersgrenzen die zu berücksichtigen sind. So ist das auch, wenn man sich im Internet bewegt. Ich wünsche ihnen viele gute Gesprächsmomente.
Guten Tag liebes Expertinnenteam Ich (m, 25) versuche schon längere Zeit vom Pornografiekonsum wegzukommen. Ich merke, wie ich immer wieder darauf zurückgreife, obwohl ich es gar nicht so toll finde, sobald der Konsum beendet ist... Teilweise schaffe ich es Monate und schaue mir dann doch wieder solche Inhalte an, vor allem wenn es mir gerade nicht so gut geht und ich einen Hormonkick vertragen könnte. Besonders in schwierigen Gefühlslagen meldet sich dieses Verlangen nach Konsum immer wieder. Nun meine Frage: Ich habe das Gefühl, dass dieses Verhalten schon eine Art Suchtverhalten ist und ich bin selbst sehr unzufrieden mit der Situation. Sollte ich mir therapeutische Hilfe herbeiziehen oder ist das alles nicht so tragisch? Was gäbe es für Ansätze um gescheit im Alleingang davon Abstand nehmen zu können? Vielen Dank für Ihre Antwort!
Ursina Donatsch: Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie mal im Alleingang versuchen können: Pornokonsum hat bei Ihnen eine klare Funktion bekommen und zwar die Regulation von negativen Gefühlen. Das ist an sich nicht schlimm, nur wäre es hilfreich, wenn Sie noch Alterantiven dafür haben. Überlegen und testen Sie aus, was alternativ Ihnen gut tun würden, um negative Gefühle zu reduzieren oder auch das Verlangen eines Hormonkicks zu erlangen (Sport, Bewegung, Solosexualität ohne Porno, Treffen mit Freunden, Boxsack, Thriller schauen... oder oder oder). Wenn Sie merken, dass das allein noch nicht hilft, ein Gefühl wiederzuerlangen, dass Sie selbst wählen können, ob Sie jetzt Pornos schauen oder nicht, dann würde ich Ihnen eine Sexualtherapie empfehlen. Wo Sie dann eine eigene genussvolle, pornounabhängige Solosexualität wiedererlangen können.
Ich schaue zwar oft Pornos aber nicht täglich. Dennoch masturbiere ich täglich, teilweise mehrmals. Ich behaupte dies zu machen aus Langweile und Ablenkung und nicht Sucht.
Ursina Donatsch: Absolut denkbar. «Aus Langeweile» ist ein sehr häufiger und völlig gesunder Grund für Solosexualität (mit oder ohne Porno). Solange Sie das Gefühl haben steuern zu können, wann und ob Sie schauen, was Sie schauen und wann Sie wieder aufhören, ist das überhaupt kein Grund zur Sorge. Weiter ist es sorglos, wenn Sie keine negativen Konsequenzen davon haben.
Ich stelle fest, dass ich Pornos konsumiere, um der Realität zu entfliehen. Ich hatte noch nie Sex oder eine Freundin und habe das Verlangen nach körperlichen Nähe sowie Intimität. Da ich das aber im «echten» Leben nicht habe, fühle ich mich dadurch oft einsam und traurig, teils auch wütend über die Situation selbst. Ich greife dann immer auf Pornos zurück, was mich aber in einem Teufelskreis hinabzieht. Durch Pornos fühle ich mich distanzierter zu Frauen, sehe sie als Sexobjekt und ärgere mich selbst darüber, da ich zu jemandem werde, den ich nicht sein will. Durch Pornos fühle ich mich dann noch einsamer, was zu depressiven Phasen resultiert. Ich habe mehrfach versucht aufzuhören, bin aber immer gescheitert. Ich habe für mich auch feststellen müssen, dass die sexuelle Lust zum Mensch dazugehört und man diese nicht verabscheuen muss. Dies jedoch mit Pornos auszuleben, stellt für mich einen falschen Weg dar. Meine Frage nun, was kann ich in meiner Situation unternehmen, dass Pornos nicht mehr einen solchen grossen «Impact» auf mein Leben hat? Gibt es andere Möglichkeiten, anstatt auf Pornos zurückzugreifen? Was sind gängige Methoden, um den Pornokonsum zu verringern resp. damit aufzuhören? Würden Sie mir empfehlen, dass ganze mit einer/einem Psychologin resp. Psychologe zu besprechen?
Ursina Donatsch: Es ist gut, dass Sie bereits erkannt haben, dass Sie sich nicht schämen brauchen, dass sexuelle Lust zu verspüren gesund ist. Ich denke, Sie haben den Teufelskreis erkannt. Entsprechend sehe ich den Weg nicht «weg vom Pornokonsum», sondern Aufbau einer Möglichkeit, die sexuelle Lust in einem Miteinander zu leben. Das ist ja das, wonach Sie sich sehnen. Richtig? Es ist aus psychologischer Sicht unmöglich (oder nicht nachhaltig möglich), etwas wegzunehmen, ohne etwas zurückzubekommen. Sprich, Ihnen den Pornokonsum wegzunehmen, bevor Sie nicht eine Alternative haben, wird nicht funktionieren. Es wäre sicher hilfreich für die Suche nach dieser Alternative (wie kommen Sie dazu Sexualität und Intimität mit Jemandem zu erleben) psychologische Unterstützung zu haben. Ich sehe vorerst kein sexologisches Problem und entsprechend keine Notwendigkeit für eine Sexualtherapie.
welche Tricks zur Ablenkung empfehlen Sie, um dem letzten Kick, jetzt den PC einzuschalten um Pornos zu konsumieren, zu entfliehen?
Ursina Donatsch: Ich würde nicht versuchen, abzulenken von etwas sehr Reizvollem, sondern viel mehr zu überlegen, was gäbe es für Alternativen für andere Erregungsquellen. Könnten Sie zum Beispiel Ihre Fantasie nutzen? Oder Ihren eigenen Körper? Oder Audioporn, die dann Fantasien ermöglichen? Usw. Denn Porno ist reiner Konsum, was halt sehr niederschwellig ist. Sie müssen nichts selbst beitragen (wie beim Fernseh schauen oder doomscrollen). Und wenn Sie Solosexualität erlernen, bei der Sie selbst etwas beitragen, wird das Erleben dabei viel interessanter und genussvoller.
Ich habe grundsätzlich mehr Lust auf Sex mit meiner Partnerin wenn ich Pornos konsumiere. Ich habe eine Zeit lang keine Pornos mehr konsumiert und bemerkt, dass ich auch weniger Lust auf 'echten' Sex hatte. Was sagt das über meinen Pornokonsum aus?
Ursina Donatsch: Sehr gesund. Das bedeutet, dass Sie gut spüren, was Sie interessiert, sprich erregt, sich das holen können via Porno, also eine gesunde Solosexualität haben und gleichzeitig aber auch im gemeinsamen echten Sex mit Ihrer Partnerin gut dafür sorgen können, dass Sie es geniessen. Weiter so.
In der Dokumentation wurde gezeigt, dass Jugendliche spätestens ab dem Zeitpunkt des eigenen Natels in Berührung mit Pornographie kommen. Ab welchem Alter soll man mit Kindern über das Thema reden, da viele Kinder schon viel früher damit in Kontakt kommen?
Patrick Kollöffel: Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich. Deshalb gibt es kein fixes Alter, um das Kind auf das Thema Pornografie vorzubereiten. Wichtig ist, dass Sie zu Ihrem Kind eine vertrauensvolle Beziehung haben und dem Kind signalisieren, dass es mit Ihnen über alles sprechen kann. Viele Jugendliche kommen ab ca. 10-jährig zum ersten Mal in Kontakt mit pornografischen Inhalten. Oft per Zufall oder durch das Herantragen der Inhalte von älteren Schulkolleg:innen, Geschwister, Cousins/Cousinen usw.Mit dem eigenen Kind entwickluns- und altersentsprechend über Pornografie zu sprechen, braucht Übung. Hier finden Sie einige Tipps und Tricks: https://jugendundmedien.ch/blog-und-aktuelles/talk-about-pornography
Was ist Pornographie? Es gibt Ansichten, die schon eine antike Venusstatue als Pornographie auffassen, geschweige denn eine nackte weibliche Brust auf dem Titelblatt eines Magazins. Könnten wir das, was Pornographie ist, nicht ein bisschen weiter fassen, soweit nämlich, dass die sinnenfreudige Sichtbarkeit keine Schuld- und Schamgefühle mehr erzeugt, sich aber von eindeutig krankhaften Formen der visuellen Sexualität unterscheiden würde. Wo sähen Sie die Grenzen?
Franz Eidenbenz: Lust, Nacktheit, Körperbilder habe die Menschen schon immer fasziniert. Grundsätzlich also eine gute Idee den Begriff Pornographie etwas weiter zu fassen. Dabei sind Schuldgefühle nicht sehr hilfreich. Allerdings bringt die Digitalisierung häufig ungefragt und verzerrte Bilder von Sexualität mit sich. Menschen die das häufig konsumieren finden entweder spezifische Vorlieben oder konsumieren extremere Bilder, die in einigen Fällen nicht freiwillig entstanden sind. Bei einem verantwortungsvollen Konsum sollte das mitbedacht und dementsprechend gewählt werden. Die Grenze ist da wo die Kontrolle über den Konsum verloren geht und er weitergeführt wird obwohl er andere und sich selber schädigt. Dann ist es nötig und hilfreich ein therapeutisches Angebot aufzusuchen.
Bei mir wurde eine porno-indizierte erektile Dysfunktion diagnostiziert. Wie verbreitet sind PIED? und wie kommt man am besten von einer Pornografiesucht/Pornografienutzungsstörung wieder weg/los?
Ursina Donatsch: Einfach gesagt, hat Ihr Penis gelernt, nur noch auf Pornos mit Erektion zu reagieren. Entsprechend braucht er nun wieder Alternativen. Dies kann in einer Sexualtherapie gelernt werden. Das würde ich Ihnen empfehlen, da Erektionsprobleme und dranghafter Pornokonsum in Kombination nicht ganz einfach ist, allein anzugehen.
Jedes Mal wen ich videogames spiele regtes meine Lust an.Meistens passiert nichts aber es belastet mich psychisch sehr Was kann ich tun???
Franz Eidenbenz: Die Frage ist, welche Kontakte zu Freunden und andere Freizeit auch da sind. Wenn gamen und Pornos viel Raum einnehmen, und reale Kontakte vernachlässigt werden, wird das häufig zu einer psychischen Belastung und Vereinsamung. Also vielleicht mal beides reduzieren und andere Freizeitaktivitäten suchen. Mit anderen darüber sprechen wäre auch eine gute Idee. Viel Erfolg auf dem Weg zu einem sinnlicheren Leben.
Macht es Sinn, mehrere Tage auf Masturbation / Pornos zu verzichten, um die Qualität des Sex mit einer anderen Person zu erhöhen?
Patrick Kollöffel: Ja und Nein. Das kommt darauf an, wie Sie die Qualität von Sex definieren. Probieren Sie es aus und lassen Sie sich vom Ergebnis überraschen.
Ich bringe meine Pornosucht nicht länger als 30 Tage weg. Ich falle immer wieder ins alte Muster. was kann ich tun um ganz wegzukommen?
Ursina Donatsch: Wichtig als Erstes ist es, zu wissen, dass Abstinenz Sie nicht ans Ziel führen wird. Denn dann steigt der Druck, die Angst vor dem sogenannten Rückfall und das wiederum erhöht die Spannung, was nicht förderlich ist für eine genussvoll erlebte, entspannte Solosexualität. Es geht vielmehr darum zu lernen, verschiedene Quellen für die Erregungssteigerung zu nutzen. Porno (visuelle Quelle) kann eine sein. Es gibt aber noch viele andere, wie eigene Fantasien, Audioquelle, Berührungen und vor allem den eigenen Körper zu spüren. Sicher wäre eine Sexualtherapie dabei hilfreich oder Sie können mein Buch «Pornos und Partnerschaft» lesen.
Ich konsumiere praktisch täglich Pornos, vor allem zum Stress regulieren vor dem Schlafen. Gibt es diesbezüglich negative Nebenwirkungen (Spermienqualität? Dopamin-Überschuss? etc.)
Patrick Kollöffel: Solange sich der Pornokonsum für Sie gut anfühlt, spricht nichts dagegen. Wie können Sie sich sonst noch entspannen? Es kann hilfreich sein, andere Strategien und Möglichkeiten zur Entspannung zu finden. Gelingt die Selbstbefriedigung auch ohne Pornokonsum? Probieren Sie es aus.
Was ist denn eigentlich normaler Pornokonsum?
Ursina Donatsch: Gesunder Pornokonsum ist, wenn es keine negativen Konsequenzen auf Ihr Leben hat und wenn Sie selbst steuern und entscheiden können, ob, wann, was Sie schauen und wann Sie wieder aufhören.
Ich bin seit über einem Jahr mit meinem Freund in einer Beziehung. Er schaut öfters Pornos ca. 1-2 mal in der Woche. Ich fühle mich damit nicht wohl, da ich dann das Gefühl habe, andere Frauen interessieren ihn mehr und ich bin ihm nicht genug. Wir haben schon öfters darüber diskutiert und er will nichts daran ändern und ich will es nicht akzeptieren. Was empfehlen Sie uns? Ist das ein Trennungsgrund oder wie kann ich als Freundin besser damit umgehen?
Ursina Donatsch: Nein, das ist kein Trennungsgrund. Kurz gesagt empfehle ich Ihnen, mein Buch «Pornos und Partnerschaft» zu lesen. Denn es ist wichtig zu verstehen: Es ist völlig verständlich und normal, dass es Sie verunsichert. Trotzdem ist es keine Lösung, dass er mit Pornoschauen aufhört, oder gar mit Solosexualität. Reden Sie miteinander über die Unsicherheiten. Was macht Ihnen Angst? Was befürchte Sie? Und kennt er vielleicht ähnliche Unsicherheiten, wo er sich vergleicht oder unzulänglich fühlt. Das hilft einander zu verstehen. Darüber hinaus würde es Ihnen helfen, zu hören, warum er Pornos schaut. Was es ihm gibt. Weil dann werden Sie schnell merken, dass das nicht dasselbe ist, was er mit Ihnen im gemeinsamen Sex sucht.
Mein Vater leidet an einer Pornosucht und ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll. Haben Sie Tipps? Es verstört mich zu wissen, dass er wahrscheinlich frauenverachtende und sexualisierte Inhalte konsumiert.
Tina Reigel: Wenden sie sich mit ihren Sorgen und Gedanken an eine Fachstelle in ihrer Umgebung. Sie werden dort vertraulich beraten: https://www.sexuelle-gesundheit.ch/beratungsstellen
Ich schaue mir alle zwei Tage Pornos an und befriedige mich selbst, aber meine Frau macht mich nicht mehr an, weil es nicht jedes Mal etwas Neues ist und es einfacher ist, zu masturbieren, als Sex zu haben. Ausserdem initiiere ich wegen meiner Leistungsangst nicht mehr so oft Sex. Ist das Masturbieren zu Pornos der Grund für all das, obwohl ich es nur ein- oder zweimal pro Woche mache? Wie komme ich da wieder raus und mache normalen Sex wieder toll?
Ursina Donatsch: Nein, weder der Porno noch Ihre Solosexualität ist der Grund dafür. Da müssen Sie nichts ändern. Es geht darum, die gemeinsame Sexualität näher zu betrachten. Vielleicht zuerst für sich selbst, und danach zusammen mit Ihrer Frau. Für sich selbst: Was hat sich verändert? Was ist langweilig geworden? Auf was haben Sie keine Lust mehr? Auf was haben Sie Lust? Auf was hätten Sie Lust? Was wäre für Sie spannend? Es ist völlig normal, dass über die Jahre der gemeinsame Sex ohne Investition langweilig wird. Dem entgegenzuwirken braucht Pflege, Investition. Mit diesen Fragen können Sie anfangen und dann das gemeinsam mit Ihrer Frau anschauen.
Ich nutze porno Inhalte zur selbstbefriedigung als Ausgleich zum unausreichenden (aus meiner subjektiven Sicht ) Sex Leben in der Partnerschaft. Ist das etwas was ich lieber aufhören soll aus irgendeinem Grund?
Ursina Donatsch: Nicht grundsätzlich. Es ist wichtig zu anerkennen, dass der gemeinsame Sex nicht alle Bedürfnisse/Vorlieben abdecken muss. Entsprechend ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie mit dem Porno etwas kompensieren, und sicher nicht wenn Sie etwas ergänzen. Die Solosexualität (mit oder ohne Porno) ist gar eine wichtige Grundlage für eine genussvolle gemeinsame Sexualität. Ausschlaggebend scheint mir vielmehr, dass Sie weiterhin (oder neu) das Gespräch mit Ihrer Partnerin suchen. Im Sinne von Austausch über sexuelle Bedürfnisse, was Ihnen gefällt, was ihr gefällt, was Ihnen Beiden gefällt. Und auch darüber zu reden, dass es okay ist, dass die gemeinsame Sexualität nicht alles abdecken muss. Denn Solosexualität ist keine Bedrohung für die gemeinsame Sexualität und die gemeinsame Sexualität ersetzt nicht die Solosexualität. Mit diesen Gesprächen können Sie Unsicherheiten und Ängste voneinander erfahren.
Wenn ich mich traurig oder einsam fühle, dann habe ich das Bedürfnis nach Pornos. Oft auch abends, wenn ich müde bin. Aber auch plötzlich am Vormittag. Ich bin dann über meine Lust überrascht. Denn manchmal habe ich sie wochenlang nicht. Das würde ich gerne besser verstehen.
Patrick Kollöffel: Die sexuelle Lust zeigt sich je nach Situation und Lebensphase unterschiedlich. Sexuelle Lust kann spontan entstehen. Unter hohem Druck und Stress schwindet Sie eher. Selbstbefriedigung kann Entspannung und Geborgenheit geben.
Ich konsumiere durchschnittlich einmal pro Woche kurze Pornos (15min) zur Selbstbefriedigung. Ich empfinde das nicht als «zu viel» oder schädlich für mich oder einschränkend für meine Beziehung zu meiner Partnerin. Sie hätte allerdings wahrscheinlich nicht allzu sehr Freude daran. Sie weiss es auch nicht. Wie schätzen Sie meinen «Konsum» ein?
Ursina Donatsch: Also völlig gesund. Jedoch ist es für Ihre Partnerschaft ausschlaggebend, dass Sie miteinander darüber reden. Nicht was und wann Sie schauen. Sondern dass Ihre Partnerin erfährt, weshalb Sie schauen und dass Sie hört, was der Unterschied vom Solosex mit Porno ist zu der gemeinsamen Sexualität. Dann ist es keine Bedrohung mehr. Und wichtig ist es, dass Sie einfühlsam fragen, weshalb Sie das allenfalls stresst. Denn dahinter ist meistens eine Unsicherheit oder gar eine Angst (nicht zu genügen etc.). Und das ist wichtig, dass Sie das hören und verstehen können. So landen Sie dann wohl auch bei dem Thema Ihrer gemeinsamen Sexualität. Das ist sehr entlastend, da auszutauschen, wie zufrieden Sie Beide damit sind, auf was Sie Lust haben, ob es etwas zu verändern gibt usw.
Beispiel: Der Mann konsumiert, wenn die Frau auf Reisen/Abwesend ist, pornografische Inhalte. Sonst jedoch nicht. Die Frau findet dies jedoch nicht gut, da sie den Eindruck hat, der Mann finde sie zu wenig attraktiv, wenn er dies tue. Denken Sie, dass in einer Beziehung/Ehe ein unproblematischer Konsum pornografischer Inhalte möglich ist?
Ursina Donatsch: Auf jeden Fall. Es hat sich in meiner Paartherapiepraxis, sowohl als auch in meiner wissenschaftlichen Studie gezeigt, dass es ausschlaggebend ist, WIE konsumiert wird. Das bedeutet, dass darüber geredet wird in der Partnerschaft und dass nicht heimlich und mit schlechtem Gewissen konsumiert wird, sondern offengelegt, im Austausch über Unsicherheiten und Ängste, um dann auch zu verstehen, dass Solosexualität (mit oder ohne Porno) nicht das gleiche Bedürfnis abdeckt wie die gemeinsame Sexualität und somit auch keine echte Bedrohung ist für die gemeinsame Sexualität.
Was sind die Auswirkungen des Konsums pornographischer Inhalte auf das Hirn? Deutet die Studienlage auf kognitive Einschränkungen hin? (z.B. Konzentrationsschwierigkeiten) Falls ja, was ist ein risikoarmer Konsum?
Franz Eidenbenz: Im Beitrag wurde gezeigt, dass regelmässiger, exzessiver Konsum durch Dopaminausschüttungen im Hirn zu einer Abhängigkeit führen kann. Nur schon die Aussicht konsumieren zu können, kann eine messbare Reaktion im Hirn auslösen. Risikoarmer Konsum heisst selbst gesteuert mir Pausen und Grenzen, was illegaler Konsum anbelangt. Zudem ist auch entscheidend ob reale befriedigende Sexualität dabei nicht zu kurz kommt. Für einen Konsum ohne negative Auswirkungen braucht es: Selbstkompetenzen, Fähigkeit eigenes Verhalten zu reflektieren und zu steuern. Dies in sexueller, emotionaler und sozialer Hinsicht, also unter Berücksichtigung möglicher Auswirkungen auf das Umfeld. Viel Erfolg dabei.
Ich habe keine Lust mehr auf Sex, mein Mann schon, allerdings empfindet er es als störend. Kann man die Lust mit GnRH reduzieren? Wie müsste man das angehen?
Ursina Donatsch: Ich denke nicht, dass das zielführend ist. Denn die viel wichtigere Frage lautet: Weshalb haben Sie keine Lust mehr? Auf was haben Sie keine Lust mehr und auf was hätten Sie Lust? Und für Ihren Mann die Fragen: Was stört ihn an seiner Lust? Ist es, weil es ungleich ist in der Partnerschaft? Oder grundsätzlich? Für Sie zusammen: Was wäre ein gemeinsamer Nenner von gemeinsamer Sexualität? Sie sehen: «Lust» ist ein komplexes Phänomen, das nicht eingleisig funktioniert.
Meiner Meinung nach steckt hinter Pornografie oder besser gesagt hinter der Pornoindustrie nichts anderes als Menschenhandel. Was ist ihre Meinung dazu?
Patrick Kollöffel: Die Pornoindustrie ist weltweit tätig. Viele Standards, Regeln und Gesetzte minimieren die Ausbeutung von Menschen. Ein Restrisiko bleibt jedoch bestehen. Auch wenn er in der Pornoindustrie nicht häufig vorkommt, ist Menschenhandel nie in Ordnung.
Ich brauche Pornos um mich selbst zu befriedigen. Beim Sex allerdings brauche ich es nicht. Ist das Krank?
Ursina Donatsch: Nein überhaupt nicht. Porno ist ganz einfach eine mögliche Quelle der Erregungssteigerung. Und beim gemeinsamen Sex haben Sie offensichtlich unterschiedliche Quellen (vielleicht auch visuelle), die Sie nutzen. So lange Sie keine negativen Konsequenzen haben und das Gefühl haben, dass Sie Ihren Konsum steuern können, ist alles in Ordnung.
Guten Abend Was passiert mit dem Gehirn und der Sexualität, wen mann vom regelmässigen Konsum von heute auf morgen ganz Aufgört?
Patrick Kollöffel: Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sie sprechen von Pornoabstinent werden von heute auf Morgen. Sollte zuvor eine Pornosucht bestanden haben, können körperliche und/oder psychische Entzugserscheinungen auftreten. Auch diese zeigen sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Ergänzung zu vor 5 Minuten: Ich habe den Eindruck, dass mir dann innerlich etwas fehlt. Und ich würde gerne mir das, was mir fehlt auf andere Weise geben. Ich glaube es geht um meine seelische Stabilität. Können Sie mir da Empfehlungen geben? Irgendwie bin ich dann unbefriedigt... Und ich wüsste gerne, wie ich andere Wege finde, die mit gut tun.
Patrick Kollöffel: Leider kenne ich den Bezug zu vor 5 Minuten nicht. Weitere Online-Beratung erhalten Sie hier: https://www.safezone.ch/de
Ich komsumiere häufig Pornografie und fliehe irgendwie in eine andere Welt hinein. Ich nehme es als negativ wahr, da es mir nicht gut tut im Nachhinein. Wie kann ich dies ändern?
Ursina Donatsch: Indem Sie hinschauen: Wovor fliegen Sie? Was in Ihrer jetzigen Welt lässt Sie fliehen? Und dann zu schauen, ob es noch alternative Strategien gäbe als «nur» Porno, mit denen Sie dieses ungute Gefühl (Stress, Angst, Ärger...?) bearbeiten können.
Wenn ich Stress, Einsamkeit, Angst, Sorgen, Wut, Langeweile habe oder nicht einschlafen kann, dann greife ich immer wieder auf Pornos zurück, anstatt andere Lösungen in Betracht zu ziehen, weil es über die Jahre hinweg wie eine Art „Lösungsmittel“ in meinem Hirn geworden ist. Auch Triggers können dies auslösen. Es wurde wie eine Art „Suchgedächnis“ entwickelt. Ich schäme und hasse mich häufig selbst für den Pornokonsum, weil es nicht meinen Werten entspricht und fern von jeglicher Realität ist. Meine Vorstellungen von echtem Sex sowie einer Beziehung zerbrechen auf eine Art und Weise durch den Konsum. Was kann ich dagegen tun?
Patrick Kollöffel: Sie beschreiben einen hohen Leidensdruck. Sprechen Sie mit einer Fachperson darüber. Online besteht diese Möglichkeit: https://www.safezone.ch/de
Der grösste Teil meiner Partnerinnen konsumierten ebenfalls Pornographie. Teilweise bin ich über die Vorlieben und Härte erschrocken. Gewisse Kategorien kannte ich nicht. Insbesondere da ich nicht mehrere männliche Geschlechtsteile und eine weibliche Darstellerin sehen möchte. Können Sie den Zusammenhang dieser weiblicher Lust in sicheren und kontrollierten Situationen erklären? Es scheint für mich mehr über Macht als über Sexualität zu funktionieren.
Ursina Donatsch: Einerseits ist es wichtig zu verstehen (geschlechtsunabhängig), dass die Vorlieben im Porno oftmals nicht die gleichen sind wie was Mensch in der gemeinsamen Sexualität bevorzugt und gerne mag. Im Sinne von: Nicht jede Fantasie nicht jeder Porno möchte auch in die Realität umgesetzt werden. Das erklärt schon Vieles von diesem Phänomen. Andererseits gibt es alle möglichen Vorlieben (Unterwerfung, Dominanz, Fetische, Gruppensex... um nur ein paar von Hunderten zu nennen), die im ersten Moment nicht viel mit Sexualität zu tun haben. Da gilt es zu verstehen, dass was sexuell erregend empfunden wird, sehr individuell ist und keiner Logik entspricht/bedarf.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Pornografie und dem Bild der Frau? In vielen Pornos werden Frauen sehr einseitig dargestellt und oft nur auf ihren Körper reduziert. Dadurch könnte sich das Bild von Frauen in der Gesellschaft negativ verändern. Manche Männer könnten Frauen dann eher als Sexualobjekte statt als gleichwertige Menschen sehen. Dies kann respektlose Einstellungen ggenüber Frauen fördern. Könnte im schlimmsten Fall daraus sogar Frauenhass entstehen?
Patrick Kollöffel: Die Sorge nach Frauenhass kann ich nicht teilen. Die meisten Menschen, die Pornografie konsumieren, können gut zwischen Realität und Fiktion/Pornografie unterscheiden. Aber ja, einem geringen Anteil von Pornokonsumierenden gelingt dies unzureichend.
Guten Abend, ist es auch eine Art Pornosucht, wenn mein Mann Fotografieren/Filme von und mit anderen Männern sich anschaut oder liegt es einfach daran, dass er eine Vorliebe für Männer hat? Besten Dank.
Patrick Kollöffel: Das klingt mehr nach sexueller Vorliebe auch für Männer, als nach Pornosucht.