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Abendrobe oder Sneaker? Die Oper: zwischen Glamourpflicht und Freizeitlook

Die Scala mags elegant, in der Tonhalle Zürich sind alle willkommen: Die Kleideretikette im klassischen Konzert- und Opernbetrieb unterscheidet sich von Ort zu Ort. Unsere Autorin ist sich sicher: «Im Jahr 2026 komme ich mit Turnschuhen in fast jedes Opernhaus.»

«Die Direktion bittet das Publikum, eine Kleidung zu wählen, die dem Anstand des Theaters entspricht. Das Personal darf von seinem Recht Gebrauch machen, Gäste in unangemessener Kleidung abzuweisen.» Echt jetzt? Die neue Kleider-Policy der Mailänder Scala sorgt für Kopfschütteln. Während der Trend vielerorts in Richtung lockere Freizeitkleidung, sogenannte Casual Wear, geht, setzt Intendant Dominique Meyer demonstrativ auf Tradition.

Mann in formellem Anzug lächelt bei einem eleganten Event.
Legende: Er mag es – ganz im Dienste seiner Gästeschaft – adrett: der Intendant der Mailänder Scala, Dominique Meyer. Keystone/EPA/MATTEO BAZZI

Ausgerechnet er, der einst mit dem Anspruch antrat, dieses Opernhaus für alle zu öffnen. Doch dem Druck der «Loggionisti» – den leidenschaftlichen Stammgästen auf den oberen Rängen, berühmt für ihr profundes Belcanto-Wissen und ihre gnadenlosen Buh-Rufe – musste er nachgeben. Die alteingesessenen Opernfans goutieren es nicht, wenn Touristinnen und Touristen in Flip-Flops und Shorts ihre «heilige Stätte» betreten.

Jeans und Wanderschuhe

Ganz anders das Opernhaus Zürich: Hier begegnet mir alles – vom langen Abendkleid über den Smoking bis hin zu Jeans und Wanderschuhen. Auch am glamourösen Lucerne Festival existiert längst keine offizielle Kleideretikette mehr. Früher stand auf den Tickets noch: «Abendgarderobe erwünscht» – diese Zeiten sind vorbei.

Menschenmenge bei Open-Air-Veranstaltung im Park.
Legende: Oper für alle: Bei der gleichnamigen Opern-Übertragung aus dem Opernhaus Zürich werden Konventionen (wie Dresscodes) über den Haufen geworfen. (2022) KEYSTONE/Ennio Leanza

«Wenn wir junge Leute anziehen wollen, müssen wir uns vom Dresscode verabschieden», sagte mir die Pressesprecherin eines Schweizer Opernhauses. Doch stimmt das wirklich? Wollen «junge Leute» tatsächlich im Alltagslook in die Oper? Ich beobachte seit Jahren einen Gegentrend: elegant herausgeputzte junge Paare, Selfies en masse vor nostalgisch-glitzernder Opernkulisse.

Champagner aus Plastikbechern

Wer es exzentrisch mag, dem seien die Bayreuther Festspiele empfohlen: Auf dem Grünen Hügel finden sich nicht nur kostspielige Abendroben, sondern auch fantasievolle Kostüme wie aus einem Fantasyfilm. Oder wallende Gewänder, die mich bisweilen an meine Zeit an der Rudolf-Steiner-Schule erinnern. Ein Kontrastprogramm zur Scala, wo Eleganz Pflicht ist.

Und im modebewussten Paris? Auch hier ist verordnete Eleganz eher Fehlanzeige. Ob in der Bastille oder im Palais Garnier: Den Champagner gibt es aus Plastikbechern, und das Publikum wirkt oft, als wäre es nur kurz vorbeigekommen – als wohne man gleich um die Ecke. Auch das hat seinen Reiz.

Und ich selbst? Für Opernabende wähle ich meist eine elegante Garderobe: Cocktailkleid, Pumps, Clutch – gern gebrochen durch ein extravagantes Accessoire. Dabei dürfte ich als Musikjournalistin ebenso gut in schwarzer Hose und weissem T-Shirt erscheinen. Ich mag Mode. Aber Dresscodes im klassischen Konzert halte ich für überholt.

Radio SRF 1, Treffpunkt, 8.4.2026, 10:03 Uhr

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