Es macht immer Spass, wenn die Bösen drankommen. Wenn ein liebes Monster namens Gorgonzilla das böse Monster namens Trump mit Haut und Haaren auffrisst, sitzt frau da und freut sich. Allein deswegen lohnt sich der Besuch von «Monster’s Paradise», einem der meistdiskutierten Musiktheaterwerke unserer Zeit. Selten war Oper so am Puls der Zeit.
Das Gemeinschaftswerk der Komponistin und Siemens-Musikpreisträgerin Olga Neuwirth und der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wurde Anfang des Jahres an der Staatsoper Hamburg uraufgeführt. Jetzt ist es auch am Opernhaus Zürich zu sehen.
Grössenwahnsinniger Präsidenten-König
Aber aufgepasst: Die Hochgefühle muss man sich verdienen. Die absurde Komödie beginnt zäh und langatmig: Neuwirth und Jelinek bringen sich selbst als «Vampiretten» Vampi und Bambi auf die Bühne. Und zwar gleich doppelt, dargestellt von zwei Sängerinnen und zwei Schauspielerinnen.
Ihre Aufgabe: Die Welt vor dem Wärme-Tod retten und den grössenwahnsinnigen Präsidenten-König – unschwer als Trump zu erkennen – zu vernichten. Bis das aber losgeht, überwiegen langweilige Dialoge und undefinierbarer Sound.
Gorgonzilla aber bringt Leben in die Bude. Das Wesen, ein Mix zwischen Richard-Wagner-Drachen und japanischem B-Movie-Monster, bewegt, berührt. Diese Figur, mit prächtig verfremdeter Stimme der Sängerin Anna Clementi, ist ein toller Griff in die Operntrickkiste.
Wir sitzen da und fragen uns, wer diese «dritte Macht» ist. Mögen wir die Riesenechse? Kann sie die Welt retten? Auch wenn wir enttäuscht sind. Denn Gorgonzilla ist leider ebenfalls unfähig, die Katastrophe zu verhindern: Das nimmt uns immerhin emotional mit.
Virtuoser Musikstil-Strudel
Dazu trägt auch die Musik bei: Es gelingen wunderbare Übergänge vom akustischen Chaos zu einer poetischen Klangwelt und von dort zu einer fröhlichen Brassband. Für ihren virtuosen Umgang mit unterschiedlichsten Musikgenres ist Komponistin Olga Neuwirth bekannt.
Wenn das Geschehen nach der Pause Fahrt aufnimmt und Regisseur Tobias Kratzer das liebe Monster übergross zeigt, wird das böse Trump-Monster klein wie ein Baby. Der Spass beginnt so richtig, wenn Karton-Wolkenkratzer von Gorgonzillas Krallen zerstört werden wie einst bei King Kong im Schwarzweiss-Horrorstreifen aus den 1930er-Jahren.
Ein Kinderchor und Blockflöten wechseln sich hier mit schönsten Streicherkantilenen, Jazzfetzen verschwinden in wummernden Schlagzeugkaskaden.
Zum Schluss: spektakuläre Videokunst. Die Welt ist nur noch Wasser, die unsterblichen Vampiretten aber sitzen vierhändig klavierspielend am Flügel auf einem Floss, spielen Schuberts Fantasie in f-Moll und treiben dem Sonnenuntergang entgegen.
Doch der Kitsch ist nicht perfekt – zum Glück: Der Klang entgleitet den Händen mehr und mehr. Die Klaviertasten machen sich selbstständig wie beim Welte-Mignon-Klavier. Auch das ein Griff in die Musikgeschichte-Kiste.
Schön ist das. Und will uns vielleicht sagen: «Nur die Kunst überlebt!» Aber genügt das? «Oper kann alles, darf alles, soll alles», sagte Regisseur Tobias Kratzer vor der Premiere. So gesehen: Passt schon!