Dass sich ein Saal geschlossen erhebt und minutenlang nicht aufhört zu klatschen, ist selten und macht Hühnerhaut. Das Publikum an Joel Basmans erster Theaterpremiere war begeistert und gerührt. Der Filmstar hat bewiesen, dass er auch Theater kann. Und wie!
Von hinten tritt er als drogensüchtige Sonja auf. Wackliger Gang, zu grosse Jeansjacke und der unverkennbare Junkie-Slang. «Hey, häsch mer en Stutz?» hallt's durch die Reihen. Mit Twint brauche man ihr nicht zu kommen.
Sonja hat schiefe Zähne, blonde Haare und einen Hund, der Tyson heisst. Der sitzt fürs Publikum nicht sichtbar hinter einem blauen Billettautomaten und bellt von Zeit zu Zeit. Die Bushaltestelle steht im Zürcher Kreis 4, seit Jahrzehnten das Drogenquartier der Stadt.
Es ist Sonjas 50. Geburtstag. Vom letzten Geld hat sie Leckerli für ihren Hund gekauft. Er ist ihr Gegenspieler, bester Freund und emotionaler Blitzableiter. Tyson kriegt es als erster ab, wenn ihr der Stoff ausgeht und sie unruhig wird. Dumm nur, dass ihr Dealer gerade mit seiner Tochter im Notfall feststeckt. Bis sich Sonja den nächsten Schuss setzen kann, wird es dauern.
Uster, Platzspitz, Thailand
Währenddessen berichtet sie von ihrer Drogenkarriere. Die beginnt im Alter von 14 Jahren hinter der Turnhalle von Uster, wo ihr erster Schatz ihr den ersten Schuss setzt. Zügig geht es weiter auf den Platzspitz, von da auf ein Entzugsschiff für Minderjährige auf der Nordsee und wieder retour in den Zürcher Sumpf. Männer kommen und gehen.
Lange noch unterstützen sie ihre Eltern, bis Sonja schliesslich in die Garage des Elternhauses ziehen muss. Höhepunkt ihres fast 40-jährigen Junkie-Lebens ist ein Aufenthalt in Thailand, wo sie über längere Zeit clean bleibt. Es folgen Schicksalsschläge. Eine Scheinehe, Verhaftungen und Rückfälle.
Brillante Erzählerin
Schauspieler Joel Basman spielt und erzählt das alles umwerfend präzis. Seine Sonja schimpft und schreit, flirtet und schwärmt, ihre Stimmung wechselt so schnell wie das Wetter im April. Das fasziniert, stösst ab – und unterhält.
Denn Sonja ist eine brillante Erzählerin. Rückschau haltend, gewinnt sie Kontrolle über ein Leben, das ihr in Wirklichkeit komplett entglitten ist. Der trockene Humor, die abgefahrenen Erzählungen und krassen Gefühlsumschwünge machen das Unerwartete möglich: Diese gezeichnete Frau wächst ans Herz.
Das liegt auch am grossartigen Text, den Joel Basman und Regisseur Michael Steiner gemeinsam geschrieben haben. Er spielt mit Klischees und unterwandert sie gekonnt. So sieht Sonja etwa in ihrer Verhaftung die Chance, endlich ihr Vorstrafenregister einzusehen. Nicht ohne Stolz zitiert sie 139 Ladendiebstähle und dutzendfache Beamtenbeleidigungen.
Zum Schluss ein Schuss
Das Theaterstück mag fiktiv sein. Es dokumentiert jedoch auch die ewig gleichen Abläufe der Drogensucht: beschaffen, konsumieren, flashen und «auf dem Aff sein». Wenn Videos von Europas grösster offener Drogenszene der 1980er-Jahre, eingeblendet werden, geht das doppelt unter die Haut.
Am Ende bekommt Sonja den Stoff, auf den sie knapp 90 Minuten mit dem Publikum gewartet hat. Sie setzt sich den Schuss und sinkt zu Boden. Ob das ihr Ende ist, bleibt offen. Sicher ist: Das Leben, das sie mit uns geteilt hat, wirft Schatten – und hallt lange nach.