Gleichberechtigung ist ein steiniger Weg: Da wäre etwa der klassische Theaterkanon, in dem es so viel mehr tolle Männer- als Frauenrollen gibt. Im bürgerlichen Theater des 19. Jahrhunderts brauchte es zwar jüngere weibliche Darstellerinnen, aber für Schauspielerinnen jenseits der 50 war die Rollenauswahl begrenzt.
In der zeitgenössischen Dramatik ändert sich das zwar, aber das Muster in der Besetzung der Ensembles hält sich teilweise bis heute. Der Kanon ist nach wie vor mächtig im deutschsprachigen Theater.
Kaum weibliche Hauptrollen
Komplexe weibliche Rollen für ältere Darstellerinnen sind also rar in der Theatergeschichte. Da ist «Mutter Courage» von Bertolt Brecht. Oder Winnie in «Glückliche Tage» von Samuel Beckett. Oder da ist die Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame». Das Stück wird derzeit am Theater St. Gallen mit Heidi Maria Glössner in der Titelrolle aufgeführt. Die 82-jährige Schauspielerin hat diese Rolle schon öfter gespielt.
Natürlich gibt es viele hervorragende Schauspielerinnen im mittleren und höheren Alter. Auffällig aber ist, dass wenn eine ältere Frau auf der Bühne eine prominente Rolle spielt, das oft explizit erwähnt wird, was zeigt, dass dies keine Normalität ist.
Auftritt Forschung
Es gebe leider keine belastbaren Zahlen zu den Geschlechter- und Altersstrukturen im Theater, sagt die Geschlechterforscherin Andrea Zimmermann.
Aus einer Vorstudie zur Geschlechterverhältnissen im Schweizer Kulturbetrieb und qualitativen Interviews weiss sie, dass es auf den Bühnen zwar viele junge Schauspielerinnen, Sängerinnen und Musikerinnen gibt, der Anteil der Darstellerinnen ab 50 Jahren aber signifikant abnimmt.
Ein weiteres Problem sei, dass die Kategorie Alter im Gegensatz zu anderen Diversitätskategorien noch wenig erforscht ist.
Normative Blickregime
Auch gesellschaftlich tradierte Rollenbilder und patriarchale Blickregime machen es Frauen im mittleren und höheren Alter schwer, sichtbar zu bleiben.
Es sei ein gesellschaftliches Phänomen, welche Vorstellungen wir von Weiblichkeit haben, so Andrea Zimmermann, «welche weiblichen Körper gelten in der Gesellschaft als schön und attraktiv, welche nicht?».
Strukturelle Hürden
Die Besetzungspraxis ist an vielen Theatern in den letzten Jahrzehnten flexibler geworden: Männerrollen werden weiblich besetzt und umgekehrt, Junge spielen Alte. Und andersherum?
Am Schauspielhaus Zürich hat Mitte März eine Inszenierung von Shakespeares «Sommernachtstraum» Premiere, die die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Während die Liebenden im Original noch keine 20 sind, spielen in Zürich Schauspieler und Schauspielerinnen zwischen 50 und Anfang 60.
Vielfalt der Gesellschaft
Für die Leitende Dramaturgin des Theaters Hannah Schünemann ist klar, dass gerade im Theater vieles möglich ist, wenn man sich den Stoffen immer wieder neu nähert.
Die Altersstruktur im Züricher Ensembles hat sich denn auch stark geändert: Fast die Hälfte des weiblichen Ensembles ist älter als 49 Jahre. An vielen Häusern sinkt der Anteil der Frauen in diesem Alter rapide.
Das sei in erster Linie ein künstlerischer Entscheid, erklärt Hannah Schünemann und ist doch ein wichtiger Schritt, um die Vielfalt der Gesellschaft auch auf der Bühne zu repräsentieren.