Als er die Oscars zum letzten Mal moderiert habe, habe Los Angeles in Flammen gestanden, erinnerte sich Conan O’Brien ganz zu Beginn der diesjährigen Oscarverleihung. Aber heuer sei ja zum Glück alles in Ordnung, fügte er an.
Ein Witz, selbstverständlich. Vom Spassvogel mit der roten Haartolle ist nichts anderes zu erwarten. Aber wer sich als Zuschauer durch die dreistündige Zeremonie kämpfte, hätte wirklich glauben können, die Welt sei in Ordnung.
Man fragte im Vorfeld, wie politisch diese Veranstaltung sein würde. Wird es Proteste geben – gegen Trump, gegen den Krieg? Aber die 98. Oscarverleihung war eine fast gänzlich unpolitische Angelegenheit. Ganz zu Beginn scherzte Late-Night-Moderator O’Brien zwar einige Male in Richtung des Weissen Hauses, und sein Berufskollege Jimmy Kimmel spottete bei der Verkündung des besten Dokumentarfilmes über die Melania-Trump-Doku.
Fade Witze
Ansonsten gab es in erster Linie Eitel-, Nettig- und Belanglosigkeiten. Gewinnerinnen und Gewinner dankten wie immer ihren Familien, Crews und der Academy. Präsentatoren wie Robert Downey Jr. und Chris Evans machten fade Witze über ihre Rollen in den Marvel-Filmen. Und auch die Darstellerinnen der Kult-Komödie «Bridesmaids», die zu fünft die Musikpreise vergaben, waren mit ihren unlustigen Witzen an der Grenze zur Peinlichkeit.
Es passt, dass der Abräumer des Abends ein nur scheinbar politischer Film ist: «One Battle After Another» spielt sich zwar in einer linken Terrorzelle ab, handelt von Migration und von rassistischen Machtmenschen. Aber der Film von Paul Thomas Anderson, der gleich sechs Oscars entgegennehmen durfte, bezieht keine Position, sondern nutzt dieses Setting als Hintergrund für ein packendes Rache- und Familiendrama.
«Sinners», eine schwarze Ermächtigungsgeschichte mit Vampiren, gewann vier Oscars, doch auch Regisseur und Drehbuchautor Ryan Coogler sowie Schauspieler Michael B. Jordan äusserten in ihren Dankesreden keinerlei Kritik. Dafür freute sich das Publikum darüber, dass in der fast hundertjährigen Geschichte der Oscars nun zum allerersten Mal eine Kamerafrau ausgezeichnet wurde.
Explizit politisch wurde es nur zweimal: Die Macher des Dokumentarfilms «Ein Nobody gegen Putin» warnten das Publikum vor Autoritarismus. Und Schauspieler Javier Bardem begann seine Ansprache mit den Slogans «No Wars» und «Free Palestine».
Timothée Chalamet beschäftigt
Mehr als die Weltlage scheint Hollywood das aktuelle Skandälchen um Timothée Chalamet zu beschäftigen. Der hatte sich vor Kurzem öffentlich darüber gefreut, dass er nicht beim Theater oder der Oper arbeitet – in Kunstgattungen, für die sich kein Schwein interessiere und die es immer zu retten gelte. Gegen Chalamet, der bei der Preisverleihung leer ausging, richtete sich an diesem Abend manche Bemerkung.
Dabei zeigt die Oscarverleihung, dass auch Chalamet zu einer Branche gehört, die lebenserhaltende Massnahmen braucht. Conan O’Brien witzelte wiederholt über die mannigfachen Bedrohungen, die sich der Filmindustrie heute entgegenstellen: Tech-Konzerne wie Amazon und Netflix, künstliche Intelligenz und ein Publikum, das Filme nur noch auf dem Handy konsumiert oder gleich ganz zu Tiktok abgewandert ist.
Die aktuelle Ausgabe der Oscars hat diesem jungen Publikum wenig Gründe geliefert, um beim nächsten Mal einzuschalten. Und wohl auch 2029 nicht, wenn die Show nicht mehr im Fernsehen, sondern nur noch auf Youtube zu sehen sein wird.