Darum geht es: Am liebsten möchten Award-Shows unpolitisch sein. Sich möglichst unbeschadet halten, egal, wie sehr es ausserhalb der Veranstaltungshalle brodelt. Viele der eingeladenen Stars sehen das traditionell anders und nutzen die grosse Bühne, um ihren Botschaften Nachdruck zu verleihen. Die 83. Golden Globes fanden nun in einer Phase statt, in der es in den USA politisch lodert. Das Land ist tief gespalten. Im Vorjahr hätten die Stars vor Donald Trumps zweiter Amtszeit noch «die weisse Flagge gehisst», wie die New York Times es damals nannte. Seither hatte sich der US-Präsident mitunter für die Absetzung namhafter Late-Night-Shows starkgemacht – teils mit Erfolg. Entsprechend gross war die Erwartung auf ein mögliches Echo. Doch in diesem Jahr nahm quasi niemand den Namen Donald Trump in den Mund.
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Bild 1 von 1. Schauspielerin Jean Smart mit ihrem Golden Globe für die beste Serien-Hauptdarstellerin in «Hacks». Sie appellierte schlicht: «Lasst uns das Richtige tun. Jeder weiss doch in seinem Herzen, was das Richtige ist.» Ein Statement, das mehr andeutet, als es verrät. Bildquelle: Getty Images/Frazer Harrison/WireImage.
Darum schweigt Hollywood über Trump: «Ich denke, das ist indirekt ein politisches Statement. Man ignoriert ihn», sagt Christian Jungen, Direktor des Zurich Film Festival, der bei der Verleihung vor Ort war. «Und nimmt ihm auch die Chance, die Golden Globes zu instrumentalisieren.» Ohnehin sei Hollywood aktuell auf seine eigene Situation fokussiert. Die Filmbranche steckt in der Krise; auch Los Angeles als Filmhauptstadt, in der in den letzten Jahren tausende Jobs weggefallen sind. Was hingegen unübersehbar war, waren die vielen politischen Pins im Raum und «Codewörter», bei denen alle im Saal wussten, was gemeint war. Etwa wenn Anwesende sagten, man lebe in polarisierten Zeiten und müsse das Richtige tun, so Jungen.
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Bild 1 von 3. Die aufsehenerregendste Aktion am Sonntagabend waren die Anti-ICE-Pins. Manche Stars wie Mark Ruffalo (links, rechts seine Ehefrau Sunrise Coigney) trugen Pins mit der Aufschrift «BE GOOD» und «ICE OUT». Bildquelle: Jordan Strauss/Invision/AP.
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Bild 2 von 3. Stand-up-Comedienne, Schauspielerin und Autorin Wanda Sykes trug die Anstecknadel auf dem roten Teppich. Die Pins waren ein stiller Protest gegen die US-Auswanderungsbehörde ICE, nachdem eine 37-jährige Frau in Minneapolis durch einen Agenten getötet wurde. Bildquelle: REUTERS/Daniel Cole.
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Bild 3 von 3. Jean Smart trug die Anstecknadel an ihrem Kleid, als sie den Preis für die beste Darstellerin in einer Musical- oder Comedy-Serie entgegennahm. Bildquelle: Allen J. Schaben/Los Angeles Times via Getty Images.
Was verriet die Filmauswahl über den Status Quo? Viele der prämierten Filme und Serien sind politisch aufgeladen. «The Guardian» schreibt über den vierfachen Preisträger «One Battle After Another» etwa: «Der grosse Gewinner greift die unruhigen Turbulenzen der Gegenwart auf.» In den TV-Kategorien dominierte die Serie «Adolescence» mit vier Preisen. Der virale Netflix-Hit erzählt von toxischer Männlichkeit und davon, wie sich Jugendliche online radikalisieren. Und: Bei der Auswahl für den neuen Podcast-Awards schafften es kontroverse Formate wie die von Tucker Carlson oder Ben Shapiro nicht in die engere Auswahl. Jener von Star-Podcaster Joe Rogan fehlte sogar komplett.
Warum die Auswahl sonst noch auffiel: «Ich habe den Abend als Aufbäumen gegen die Krise erlebt; als einen Versuch, mit der Zeit zu gehen, jünger zu werden.» Es sei ein Abend der Erneuerung gewesen, so Christian Jungen. Viele jüngere, unbekanntere Filmschaffende hätten Preise gewonnen. Exemplarisch: Leonardo DiCaprio, Julia Roberts und George Clooney gingen leer aus. Dagegen standen Jüngere wie Jessie Buckley («Hamnet») im Zentrum und – und der K-Pop von «Demon Hunters» stach Hans Zimmer aus.
Andeutungen light: Einige subtile Anspielungen gab es dann doch. Namen mussten dafür nicht genannt werden. Moderator Judd Apatow etwa sagte zum Publikum: «Ich glaube, wir befinden uns nun in einer Diktatur.» Jack Thorne, der die Auszeichnung für die beste Miniserie für das von ihm mitentwickelte Projekt «Adolescence» entgegennahm, betonte: «Es ist die Verantwortung unserer Generation, Hass zu beseitigen. Momentan scheint das noch weit entfernt, aber Hoffnung ist eine wunderbare Sache.» Ob die Stars bei den Oscars im März deutlicher Position beziehen werden? «Vielleicht waren die Golden Globes ein Beitrag zur Überwindung des etwas eingefahrenen Katz-und-Maus-Spiels zwischen dem demokratischen Hollywood und dem US-Präsidenten», mutmasst Christian Jungen. Noch sei online nicht viel zu lesen.