Beyoncé, Christina Aguilera, Justin Timberlake, Britney Spears, Usher, Dave Chappelle, Adam Sandler – sie alle traten in jungen Jahren bei «Star Search» auf. Fun Fact: von den Aufgezählten ging niemand als Sieger oder Siegerin aus der Sendung. Trotzdem war die amerikanische Talentshow für alle ein wichtiges Sprungbrett.
«Star Search» lief von 1983 bis 1995, erlebte 2003/04 ein kurzes Revival und gilt heute als Blaupause für Formate wie «American Idol», «The Voice» oder «Got Talent». Nun hat Netflix die Sendung aus dem TV-Museum geholt und strahlt sie zwei Mal pro Woche live aus.
Erstaunlich altbacken
Vergangene Nacht ging die erste Episode der neuen Ausgabe über die Bühne und kam dabei erstaunlich altbacken daher. In verschiedenen Kategorien (Musik, Tanz, Kids, Comedy/Diverses) treten jeweils zwei Acts gegeneinander an. Wer gewinnt, darf die Woche drauf erneut antreten und sich einem anderen Gegner stellen. Wer am Schluss übrig bleibt, sahnt eine halbe Million US-Dollar ab.
Die Jury (Rapper Jelly Roll, Schauspielerin Sarah Michelle Gellar und Model Chrissy Teigen) gibt gefällige Rückmeldungen («you're incredibly talented»), derweilen die Tanzgruppen, Sängerinnen und Zauberer alle gut, aber doch nicht überragend sind und unisono ihre Dankbarkeit verkünden («we feel very grateful to be here»).
Was neu und durchaus ein technisches Husarenstück ist: Das TV-Publikum kann aus der ganzen Welt via Fernbedienung mitvoten. Doch auch wenn Schauspieler und Host Anthony Anderson den Abend mit «Hello Netflix aka the world» eröffnet, so war die erste Ausgabe doch klar auf Amerika ausgerichtet, von wo drei Viertel der auftretenden Acts stammen.
Der Kampf um Echtzeit-Aufmerksamkeit
Der Streaming-Gigant weitet aktuell sein Film- und Streaming-Angebot aus und mischt auch im Sport- und Eventbereich mit. Netflix überträgt beispielsweise Wrestling-Shows und Boxkämpfe live.
Diese Ausweitung dürfte mit dem Kampf um Echtzeit-Aufmerksamkeit zusammenhängen. Netflix steht in direkter Konkurrenz mit Kanälen wie Tiktok, die spontan, live und Community-getrieben sind. Eine Live-Talent-Show funktioniert nach den gleichen Prinzipien.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich Netflix im Kampf um Echtzeit-Aufmerksamkeit eines TV-Formats aus den 1980er-Jahren bedient. Und doch: Live-Abstimmungen, überraschende Wendungen, dramatische Abgänge – all das verspricht maximale Gefühlswallungen. Allerdings blieben diese bei der ersten Folge von «Star Search» noch aus.
Den Machern dürfte es vor allem darum gehen, ein Ereignis zu inszenieren, das das Publikum emotional fesselt. Ein wöchentliches Spektakel bindet die Aufmerksamkeit anders als eine Staffel, die in wenigen Tagen weggebinget wird. Wer den gestrigen Zaubertrick von TJ Salta umwerfend fand, will wissen, welchen Trick er nächste Woche aus dem Hut zieht. Ausserdem lassen sich Live-Momente vortrefflich durch die sozialen Medien «jagen».
«Star Search» hat einen hohen Nostalgie-Faktor für das ältere TV-Publikum. Die zwei fixen Termine pro Woche schaffen ein Gegenangebot zur Entscheidungsüberforderung, welche die Menge an verfügbaren Filmen und Serie auslösen kann. Ob sich ein junges Tiktok-Publikum allerdings alleine dadurch länger bei der Stange halten lässt, dass es mitvoten kann, wird sich zeigen.