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Eisbad, Pillen, Verzicht Longevity-Trend: ewiges Leben, ewiger Verzicht? Ein Selbstversuch

100 Jahre Gesundheit. Das soll bald normal sein, dank «Longevity»: Gesunder Lifestyle, Therapien und Pillen. Aber wozu eigentlich? Wieviel Gesundheit braucht das gute Leben? Ein philosophischer Selbstversuch.

Alles fängt an mit einem Bluttest. Plus Gentest. Danach legt man mich unter einen Körperscanner, um Muskeln, Knochendichte und Fettanteil zu messen. Anschliessend kommt der Fitnesscheck: Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer. Fahrradfahren bis zur Erschöpfung, um zu sehen, wie viel Sauerstoff mein Körper unter Belastung aufnehmen kann. Für die nächsten Tage wird auch mein Blutzuckerspiegel gemessen, ebenso wie die Herzratenvariabilität, die zeigt, wann ich gestresst bin und wann entspannt.

Wer lange leben will, muss vieles preisgeben. Einmal Überwachung bitte. Aber ich wollte mich auf das Experiment einlassen: Mona Vetsch und ich haben uns auf die Suche gemacht nach dem Geheimnis eines langen, gesunden Lebens. Denn: «Longevity» ist das Zauberwort der Stunde. Was steckt dahinter? Und was muss ich in meinem Leben verändern, wenn ich möglichst lange gesund sein möchte?

Pillen zum Frühstück

Ein paar Wochen später kommen die Testresultate. Gesamtfazit: Na ja. Mein Zustand ist nicht schlecht, aber unbefriedigend. Es stellt sich nämlich heraus: Mein Körper ist älter als ich selbst. Mein sogenanntes «biologisches Alter» liegt über meinem chronologischen Alter. Und bestimmte Blutwerte sind nicht gut, meint der Arzt. Er empfiehlt mir sechs Pillen pro Tag. Dazu eine Anpassung der Ernährung: mehr Gemüse, mehr Ballaststoffe, mehr Protein, weniger Snacks zwischendurch. Plus zehn Einheiten simuliertes Höhentraining, für mehr Energie. Und ich soll eine Kältekammer sowie eine Rotlicht-Therapie ausprobieren.

Täglich Pillen, mehr Fitness und bessere Ernährung – ein halbes Jahr lang. Ich hab’s geschafft, aber leider nicht sehr konsequent. Mein Gesamtfazit nach den sechs Monaten: Na ja.

Beginnen wir mit dem Positiven. Die Grundidee hinter Longevity ist überzeugend. Sie lautet: Prävention statt Therapie. Wenn dir Gesundheit wichtig ist, dann kümmere dich um sie, solange du gesund bist, nicht erst dann, wenn du krank bist. Die Medizin kann vieles, aber besser ist, man braucht sie erst gar nicht. Und wenn du etwas für deine Gesundheit tun willst, dann kannst du das auch. Du muss es nur wollen. Gesunde Ernährung, viel Bewegung, wenig Stress, guter Schlaf, soziale Kontakte. Keine Hexerei also. Es braucht nur etwas Disziplin.

Geschäft mit der Gesundheit

Wäre das jedoch alles, dann wäre Longevity kein Milliardengeschäft. Denn ein Lebensstil lässt sich nicht verkaufen. Verkaufen lassen sich Tests, Therapien, Pillen und Produkte. Das Problem ist: Vieles davon sei noch zu wenig erforscht, es fehlen klinische Tests und verlässliche Studien am Menschen, erklärt Christoph Handschin, Biologe am Biozentrum der Universität Basel.

Wenn alle täglich ihre Tabletten schlucken, auf die Ernährung achten, fleissig Sport treiben, keinen Alkohol trinken und abends früh ins Bett gehen – ist das überhaupt noch ein Leben?
Autor: Yves Bossart SRF-Moderator und Philosoph

Derzeit werden jedoch weltweit Milliarden investiert in die Longevity-Forschung. In Gentherapien, Stammzellforschung, Zellverjüngung und Nahrungsergänzungsmittel. Es gibt sogar Menschen, die sich selbst zu Versuchskaninchen machen, etwa der US-Unternehmer Bryan Johnson. Er schluckt täglich 100 Pillen, lässt sich von einem Ärzteteam beraten und widmet jede Sekunde seines Alltags der Gesundheit. Sein Lebensmotto: «Don’t die.» Stirb nicht.

Viele in der Longevity-Szene sehen sich als Pioniere. Sie wollen unser Gesundheitssystem revolutionieren und den Alterungsprozess verlangsamen, so dass irgendwann alle davon profitieren. Viele Longevity-Angebote sind heute noch ein Ding für Menschen, die Geld und Zeit haben. Aber das soll sich ändern. Vor 50 Jahren konnte sich auch niemand vorstellen, dass heute alle einen Computer zu Hause haben, vom Smartphone ganz zu schweigen.

Ich mag Utopien. Mein Problem mit Longevity ist, dass ich nicht sicher bin, ob es eine Utopie oder eine Dystopie ist. Wenn alle täglich ihre Tabletten schlucken, auf die Ernährung achten, fleissig Sport treiben, keinen Alkohol trinken und abends früh ins Bett gehen – ist das überhaupt noch ein Leben? Oder sind wir schon längst tot, ohne es gemerkt zu haben? Longevity – die neue Ideologie unserer Leistungsgesellschaft? Gesundheit als kapitalistischer Religionsersatz?

Man könnte das Leben auch geniessen

In diese Kerbe schlägt der Philosoph Robert Pfaller, der meint: «Die Länge des Lebens ist kein Lebensziel». Zu einem Leben, das diesen Namen verdient, gehöre der Genuss, das Feiern und die kleinen Sünden. Wer immer nur vernünftig sei, der sei unvernünftig. Man solle das Leben nicht auf morgen verschieben, sondern so leben, dass man die Veranstaltung hier auf Erden jederzeit verlassen könne, ohne etwas zu bereuen.

«Carpe diem» also: Genuss statt Gesundheit. Manchmal geht beides, aber eben nicht immer. Der Longevity-Lifestyle fordert neben Geld immer auch Verzicht und Disziplin. Zudem besteht die Gefahr, dass man das eigene soziale Umfeld vernachlässigt. Etwa wenn man abends früh ins Bett muss, um am nächsten Morgen das Fitnessprogramm absolvieren zu können.

Mich persönlich stören jedoch andere Punkte an der Longevity-Bewegung. Zum einen ist da das Flair für künstliche Welten: Kältekammer, Rotlicht-Therapie und Sauerstofftank statt einer Bergwanderung. Pillen schlucken statt mit Freunden essen gehen. Und dazu die Haltung: Alles ist eine Investition in die Zukunft. Alles ist Mittel zum Zweck. Aber ist das nicht verkehrt? Das Leben soll doch Selbstzweck sein! Der Weg das Ziel. Im Jetzt leben. Nicht für morgen.

Gesundheit ist wichtig, aber sie sollte nicht das Wichtigste sein im Leben.
Autor: Yves Bossart SRF-Moderator und Philosoph

Ich weiss: Viele Longevity-Begeisterte sagen, es zahle sich unmittelbar aus, im Hier und Jetzt. Sie würden besser schlafen und sich fitter, gesunder und glücklicher fühlen. Schön für sie. Bei mir blieb dieser spürbare Effekt leider aus.

Wenn ich also ein persönliches Resümee meiner Longevity-Reise ziehen müsste, dann wäre es: Gesundheit ist wichtig, aber sie sollte nicht das Wichtigste sein im Leben. Es gibt die Liebe, das Abenteuer, den Kontrollverlust, die Demut, die Natur, das soziale Engagement – es gibt so viel mehr, wofür es sich zu leben lohnt.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 8.3.2026, 11 Uhr; wilh

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