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Femizide und Popkultur Die Lust am Frauenmord – und warum daran nichts sexy ist

Haftbefehl, Nick Cave, Hitchcock – sie inszenieren sich auf Kosten leidender Frauen. Doch es regt sich Widerstand.

Es gibt sie, die Zahlen und die Namen, wenn auch noch nicht lange. Seit 2020 dokumentiert sie das Netzwerk «Stopfemizid». Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau getötet, meist durch ihren (Ex)-Partner. In diesem Jahr starben 22 Frauen. Zwei mehr als 2024. Acht weitere überlebten einen Mordversuch.

Diese Morde könnten verhindert werden, wenn wir lernen würden, sie zu sehen. Sie zu verstehen.

Doch wir sehen lieber etwas anderes: Derzeit diskutiert ein deutschsprachiges Meinungskarussell die neue Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl. Echt und ungefiltert, heisst es in den Schlagzeilen, sei sie. Hier zeige ein gebrochener Mann der Welt seinen Schmerz.

Mann mit roter Daunenjacke und Sonnenbrille. In der einen Hand ein Mikrofon, mit der anderen zeigt er den Stinkefinger.
Legende: Täter oder Opfer? Die Haftbefehl-Doku «Babo» polarisiert. Dabei kann Aykut Anhan Opfer seiner Traumata sein und gleichzeitig Gewalt ausüben. KEYSTONE/DPA/HANNES P. ALBERT

«Babo – Die Haftbefehl-Story» ist ein erstaunliches Zeitdokument. Es belegt abermals, wie eng Popkultur und dargestellte Gewalt an Frauen miteinander verstrickt sind. Es sind immergleiche Erzählungen, die häusliche Gewalt unsichtbar machen.

Obwohl die Themen vielschichtig sind – Armut, mentale Gesundheit, Drogensucht, Teilhabe – zeigt die Doku auch, dass die, die den Schmerz mittragen, im Hintergrund bleiben. An einer Stelle im Film sagt Aykuts Frau, Nina Anhan, dass sie ihr altes Leben zurückhaben möchte. Die Presse lobt derweil die Loyalität und Aufopferung der zweifachen Mutter für ihren selbstzerstörerischen Mann.

Popkultur als Gehilfin des Femizids?

Gewaltbilder sind in der Popkultur zur Norm geworden. Das Zusammenspiel einer männlichen «Naturgewalt» mit einer leidenden schönen Frau erheitert ewig schon die Massen. So werden Filme, Serien, Songs und Netzkultur – ihre Macher und Zuschauerinnen – zu Mittätern.

Wenn wir über Gewalt an Frauen, queeren und nicht-binären Menschen sprechen, müssen wir auch über Kylie Minogue in Nick Caves «Where The Wild Roses Grow», über Janet Leigh in «Psycho» und über die Bibel reden.

Schreiende Janet Leigh in «Psycho»
Legende: Der Mord unter der Dusche in Hitchcocks «Psycho» ist legendär. Ein männlicher Blick reduziert das Töten auf ein sexuelles Spektakel. IMAGO/MediaPunch

Und wir müssen über Männlichkeit sprechen. Also über unsere Gesellschaft. Wäre das alles kein Thema mehr, würden keine Frauen mehr ermordet, die Haftbefehl-Doku würde anders erzählt werden und es erschienen nicht ständig neue Bücher dazu.

«Kultur des Femizids»

In «La Culture du féminicide» untersucht der französische Historiker Ivan Jablonka Frauenmorde von der Bibel bis zur Netflix-Serie. Das wiederkehrende Muster: ein Denken, das die «sexualisierte Vernichtung einer Frau» verfolgt. Anders gesagt: Die Gewalt ist eingespielt, sie steckt in unseren Köpfen.

Buchhinweis

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Ivan Jablonka : «La Culture du féminicide». Seuil, 2025. (Bisher nur auf Französisch erschienen)

Jablonka benennt den Femizid als das, was er ist: ein «vorsätzliches und systematisches Verbrechen» an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Es ist dies, was viele Feministinnen seit Jahrzehnten und kürzlich erst die Philosophin Manon Garcia aufzeigen wollen: Ein Femizid ist kein spontaner Gefühlsausbruch. Ihm gehen viele Hasstaten und -gedanken voraus.

Mit Blick in die Kunst und Kultur macht Jablonka drei Gewaltdarstellungen aus, in denen Kontrolle, Eifersucht und Isolation den Ton angeben.

1. Sexualisierte Gewalt

Bilder sexualisierter Gewalt schockieren und faszinieren. Mit dem obsessiven Beobachten in sozialen Netzwerken kann es beginnen: In der Netflix-Serie «You – Du wirst mich lieben» (2018–2025) verwandelt sich der charmante Buchhändler Joe in einen manipulativen Stalker. Er bricht in die Wohnung der Studentin Beck ein und isoliert sie vom Freundeskreis. Als sie sich trennen will, sperrt er sie ein.

Mann links, Frau im Hintergrund, erschrockener Ausdruck, beleuchtet von Lampe, die am Boden liegt.
Legende: Die Serie «You – Du wirst mich lieben» sollte schädliche romantische Motive entlarven. Doch das Konzept geht erst auf, als das Opfer bereits tot ist. Netflix

Für ein Novum an ästhetisierter Gewalt sorgte 2002 Gaspar Noés Skandalfilm «Irreversibel». Das Publikum wird Zeuge einer neunminütigen, extrem brutalen Vergewaltigung, die in Cannes für Ohnmachtsfälle sorgte. Durch das Rückwärtserzählen beruhigt sich die Kamera anschliessend und alles endet in der Idylle eines erwachenden nackten Paars.

2. Verstümmelung

Meistens sind es weibliche Opfer, die in der Krimiserie «Tatort» zerhackt und gefoltert werden. Auch müssen am Ende häufig die Kommissarinnen einen dramatischen Tod sterben, während die Kommissare Karriere machen. Ein anderes Beispiel ist die elfenhafte Gwyneth Paltrow, die im Psychothriller «Sieben» (1995) einen Enthauptungstod sterben muss.

Gwyneth Paltrow in Film «Seven», Porträt hinter Tür mit Glasscheibe
Legende: Im Blockbuster «Sieben» schickt ein Serienmörder dem Kommissar Mills ein Paket («What’s in the box?») mit dem Kopf seiner Frau Tracy (Gwyneth Paltrow). IMAGO/Everett Collection

Ihren Ursprung haben solche Darstellungen laut Jablonka in der Renaissance, als der Uterus zum Forschungsobjekt wird. Der nackte, fragmentierte Frauenkörper entwickelt sich im 16. Jahrhundert zunehmend zur öffentlichen Performance.

3. Eigentliche Tötung

Dass sich der weibliche Tod fest als Fetisch in die westliche Zivilisation eingeschrieben hat, zeigt sich bereits im Alten Testament. Die anonyme Konkubine des Leviten wird misshandelt und ihr zerstückelter Körper verteilt, worüber sich die Männer wieder verbrüdern.

Es gibt indes ein ganzes Musikgenre, das sich den verklärten Frauentod zu eigen gemacht hat. In Mörder-Balladen wie Nick Caves «Where The Wild Roses Grow» (1995) wird die lolitahafte Elisa Day erst vergiftet, dann erstochen und schliesslich in den Fluss geworfen.

Beliebt sind heute Memes der schreienden Janet Leigh im Hitchcock Klassiker «Psycho» von 1960. Nahaufnahmen von Beinen, Bauch, Gesicht, schliesslich die leblosen Augen und das mit Blut vermischte Wasser versinnlichen den Mord auf eine neue subtile Art.

Jablonkas Rückschlüsse: Bilder von Gewalt an Frauen sorgen für ein «ästhetisches Spektakel». Der Unterhaltungswert ist hoch, weil wir nach diesen Bildern süchtig sind. Dadurch festigen und normalisieren sie ein bestehendes System.

Denn oft illustrieren sie männliche Rache: Die Frau muss leiden und sterben, weil sie sich widersetzt. Einmal ruhig gestellt, kann sich männliche Macht weiter entfalten.

Die Gefühle des Täters

Entfaltet hat sie sich auch durch den im 18. Jahrhundert gross gewordenen Kriminalroman, die Serie «Law and Order» und launige True-Crime-Podcasts. Gemeinsam mit dem Ermittler tauchen wir tief in die Gefühlswelt des Täters ein.

Wir sind dann mittendrin in der Suche nach Erklärungen für seine inszenierte Verachtung. In «Psycho» haben wir es mit einem Täter zu tun, der im krankhaften Wahn mordet. In der Serie «You – Du wirst mich lieben» mit einem modernen Gentleman, der Opfer seiner «Leidenschaft» wird.

Ringen um die Männlichkeit

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In der etablierten Täter-Opfer-Logik steckt ein Problem, das die ganze Gesellschaft hat: «Es gibt eine total überfrachtete Idee von Männlichkeit, die an der Realität der meisten Männer vorbeigeht», so die Soziologin Heidi Süss. Sie forscht seit Jahren zu Männlichkeit und Hip Hop-Kultur. Gerade die Popkultur bestimme immer noch eine stark aufgeladene männliche Sexualität.

«Männer werden häufig als triebgesteuert und dauerpotent festgeschrieben. Mit der konkreten Lebenswelt ganz ‹normaler› Männer hat das aber eher wenig zu tun.» Versucht er es trotzdem, kommt es im schlimmsten Fall zur Gewalt.

«Wir brauchen die Männer!» ist ein Satz, den Süss auf Podien mantraartig wiederholt. Auch Männer könnten sozusagen nichts für die ihnen auferlegten Normen. Aber sie können sich dazu verhalten. «Wir alle müssen dieses vorherrschende Männlichkeitsbild mal ein bisschen der Realität anpassen», meint Süss.

Viel diskutiert wird derzeit der angebliche Männertypus «Performative Male». Das Klischee dahinter: Er mag Nagellack, liest Bell Hooks, gendert und fragt sensibel nach. Manche Feministinnen werfen ihnen vor, diese Gesten nur zu nutzen, um sich bei Frauen einzuschmeicheln.

Auch nicht ganz einfach: In unserer betonharten Debattenkultur werden zögerliche Versuche schnell abgesprochen. «Wir sollten nicht zu harsch sein und mit den Männern im Gespräch bleiben», meint Süss.

In vielen populären Erzählungen ist das Rätsel um den Täter interessanter als der Schmerz des Opfers. Und aus Tätersicht ist gewiss die Frau schuld. Dazu sagen kann sie nichts mehr, sie ist ja tot. Oder sie schweigt, weil die Scham so gross ist.

Female Gaze

Eine offenere Debatte könnte eine «Gegenkultur des Femizids», wie sie Jablonka in seinem Buch fordert, vorantreiben. Was es dazu braucht, ist ein anderer Blick – neue Erzählungen und Bilder.

Für eine neue Sichtweise sorgte sicherlich die «King Kong Theorie» von Virginie Despentes. Die Autorin beschreibt eine Gruppenvergewaltigung, die sie als 17-jährige erlebt hat. Dabei verharrt sie nicht in einer individuellen Opfererzählung. Ungeschminkt und freimütig deckt die Freundin des Punkrocks ein Unterdrückungssystem auf.

Porträt von Frau, kritischer Blick nach links.
Legende: King Kong Girls statt Kate Moss: Die französische Autorin und Regisseurin Virginie Despentes ist bekannt für ihre radikale Sprache über Sex und Gewalt in feministischen Manifesten. IMAGO/Agencia EFE

Wie kann man Gewalterfahrung sichtbar machen, ohne sie zu wiederholen? Und ohne gezielt unseren genetflixten Sensationsappetit zu stillen?

«Ich weiss, was ihr denkt, aber ich gebe es euch nicht», sagt Laura Leupi. Im Essay «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt» zeichnet Leupi mal in Ich-Form, mal mit Statistiken, mal in Schlagworten eine Vergewaltigung nach. Anders als bei Despentes wird Leupis Sprache darin nie explizit.

Häufig seien es juristisch Begriffe, wie häusliche Gewalt oder Unschuldsvermutung, die im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt genannt würden. Leupi meint: «Wir müssen lernen, dass jemand sagt: Mir ist das passiert. Und ich glaube diesem Menschen, weil Literatur und Popkultur eben kein Gerichtssaal sind.»

Buchhinweise

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Virginie Despentes: «King Kong Theorie». Kiepenheuer & Witsch, 2018.

Laura Leupi: «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt». März, 2023.

Befreiung oder Rückschritt?

In der Kunst gelten andere Gesetze. Dessen ist sich auch eine neue Generation von Rapperinnen bewusst. Unter dem Label «Empowerment» performt die US-Amerikanerin Cardi B über ihre «Wet-Ass-Pussy». Die deutsche Ikkimel tauft ein ganzes Album «Fotze» und inszeniert in ihrem neuen Tiktok-Hit «Who’s that» ihre eigene Wiederauferstehung.

Das Potenzial der Popkultur ist gross. Sie ist divers und schnell. Schneller als die Justiz. Gerade sie kann Hürden von Gewalt aufzeigen, Empathie schaffen, manchmal auch heilen.

Es geht nicht darum, Filme nicht mehr zu sehen, Songs nicht mehr zu hören. Es geht darum, sie zu durchschauen und zu verstehen. Es geht darum, Haftbefehl nicht nur als tragische Figur zu zeichnen, sondern als Verantwortlichen. Und seine Frau, Nina Anhan, nicht als hilfloses Beiwerk, sondern als einen Menschen mit eigener Geschichte.

SRF 4 News, 24.11.2025, 10:00 Uhr; noes

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