Auf die Loggia des Petersdoms schaut die ganze Welt, wenn ein neuer Papst auftritt oder zu Weihnachten sein «Urbi et Orbi» spricht. Mit dem nochmals so grossen ovalen Petersplatz davor, gestaltete Barockkünstler Gian Lorenzo Bernini eine einmalige Kulisse. Diese Bühne funktioniert im modernen Zeitalter genauso gut wie vor 400 Jahren.
Der Bau des Petersdoms zog sich über 120 Jahre hin. Währenddessen starben einige Päpste und Baumeister – und es entzündete sich Kritik am Petersdom. Der für den Bau eingetriebene «Peterspfennig» ebenso wie der profitable Verkauf von Sündenablass durch die Kirche befeuerten die Reformation.
Die Pracht- und Machtentfaltung der Päpste liess so manchen vom Glauben abfallen. Der Peterspfennig aber wird bis heute eingesammelt – weltweit.
Bis heute kostet der Erhalt des Monumentalgebäudes viel Geld: Die 14 Tonnen schwere und 117 Meter hohe Kuppel weist Risse im Mikrometer-Bereich auf. Da muss täglich investiert werden, damit die Kuppel keinem der täglich rund 40'000 Besuchenden auf den Kopf fällt. Eintritt verlangt der Vatikan bisher nicht. Dabei sind die Personal- und Sachkosten, auch für die Sicherheitschecks und die Organisation der Touristenströme, enorm.
Der Overtourism – hunderte Meter Warteschlangen und nerviges Sicherheitsprozedere – führt dazu, dass die Römerinnen und Römer selbst den Petersdom eher meiden.
«Auch wenn der Petersdom ein zentrales Wahrzeichen der Stadt Rom ist, so besuchen die Römer und Römerinnen ihn meist nur zu besonderen religiösen Anlässen», sagt Simona Caminada, SRF-Korrespondentin in Rom.
Der Kreuzweg eines Reformierten
Die Weihe des Petersdoms vor 400 Jahren wird 2026 gross gefeiert. Zu den in Stein gehauenen Meisterwerken von Michelangelo, Raffael und Bernini kam im Februar noch ein neues Kunstwerk: ein Kreuzweg auf Leinwand. Dessen Künstler Manuel Dürr ist Schweizer und ein Reformierter, was wohlwollendes Aufsehen erregte.
Manuel Dürrs 14 grossformatigen Bilder werden jeweils zur Passions- und Fastenzeit im Petersdom aufgehängt. In der Farbwahl passte sich Dürr ganz den Farbtönen des Petersdoms an. Ansonsten ist fast alle Kunst im Petersdom aus Stein, vielfarbigem Marmor und Bronze gehalten.
Was aus der Entfernung wie gemalte Fresken wirkt, sind in Wahrheit Mosaiken aus Abertausenden Steinen. Von unten blickt der kleine Mensch zwischen 50 und 117 Meter zu ihnen hoch. Der Effekt soll vermutlich ehrfürchtig machen. 200 Meter weit laufen Besuchende durch das riesige Langhaus, um endlich das eigentliche Ziel, das Petrusgrab, zu erreichen.
Es liegt im Zentrum des «Doms», der Michelangelo-Kuppel. Das von Bernini gestaltete Petrusgrab mit den gedrehten Bronzesäulen und dem Baldachin in 28 Metern Höhe ist das Ziel aller Pilgernden. Seien sie Kunstliebhabende oder Gläubige – oder beides.
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Bild 1 von 3. Der Petrus-Baldachin von Gian Lorenzo Bernini über dem Hochaltar mit den mutmasslichen Petrusreliquien. Bildquelle: Getty Images/Jon G. Fuller/VWPics/Universal Images Group.
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Bild 2 von 3. Das Monument ist aus Bronze und gilt als Meisterwerk des Frühbarocks. Fertiggestellt hat es Bernini erst 1633. Bildquelle: Getty Images/Jon G. Fuller/VWPics/Universal Images Group.
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Bild 3 von 3. Die gedrehten Säulen, die den Baldachin tragen, erinnern an den Vorgängerbau der Spätantike, Alt St. Peter. Bildquelle: Getty Images/Jon G. Fuller/VWPics/Universal Images Group.
Gleichsam um ihren Vorgänger Apostel Petrus herum platzieren sich sage und schreibe 91 Päpste mit ihren monumentalen Steingrabmalen. Die Päpste schienen sich übertrumpfen zu wollen in Prachtentfaltung. Anders 2025 Franziskus, der Papst der Armen: Er wollte nicht hier bestattet sein, sondern mit einer schlichten Grabplatte in einer anderen Hauptkirche Roms, in Santa Maria Maggiore.
Die «Basilika St. Peter»
Der Petersdom heisst eigentlich «Päpstliche Basilika St. Peter». Er ist keine «Kathedrale», denn er ist nicht die Bischofskirche des Bischofs von Rom. Das ist nach wie vor die Lateran-Basilika, circa 5 Kilometer entfernt, mitten in Roms Altstadt. Das dortige Personal stand mit dem des Vatikans und St. Peters jahrhundertelang regelrecht im Krieg um Vormacht. Das Team Vatikan gewann schliesslich.
Der Papst zügelte auf den Vatikanhügel, baute sich dort seinen Palast und Regierungssitz neben dem Petersdom. Dieser, respektive das Petrusgrab, war das traditionelle Ziel Rom-Pilgernder seit der Antike.
Ein in Stein gemeisselter Dominanzanspruch
Das Baujahrhundert des Petersdoms, das 16. Jahrhundert, war mehr als bewegt: Die neuen freien Ideen von Humanismus, Renaissance und der Reformation hielten Einzug in ganz Europa. Amerika wurde «entdeckt». Deutsche Fürsten und englische Könige lösten sich vom päpstlichen Segen und damit von Rom. Die alte, lateinische Kirche mit dem Bischof von Rom bekam Konkurrenz. Und militärisch wuchs der Druck durch muslimische Osmanen, dann standen die Türken vor Wien.
Just in dieser Zeit also bauten sich die Päpste eine Petersbasilika, die an Grösse, künstlerischer Raffinesse und technologischem Fortschritt lange beispiellos blieb.
Erst im 20. Jahrhundert hörte der Vatikan endgültig auf, eine «weltliche» Macht-Zentrale sein zu wollen, respektive weltliche Herrschaft auszuüben. Der einst mächtige Kirchenstaat wurde 1929 zum Zwergstaat: Er musste sich zurückziehen auf die 0.44 Quadratkilometer des Staats namens «Vatikanstadt».
400 Jahre Weltaufmerksamkeit
Dass der Megabau Petersdom heute von Weitem und von Nahem sichtbar ist und zum Wahrzeichen Roms insgesamt wurde, hat auch mit dem Faschisten Mussolini zu tun. Der «Duce» befahl 1936 den Abriss des Wohnquartiers rund um den Petersdom. Stattdessen liess Mussolini die Prachtstrasse «Via della Conciliazione» errichten: eine «Versöhnungsstrasse» zwischen Vatikanstadt und Italien. Diese Baumassnahme prägt – im wörtlichen Sinn – unsere heutige Sicht auf St. Peter.
«Für mich ist es immer wieder faszinierend, den Petersdom zu sehen. Zum Beispiel, wenn ich zu Fuss oder im Bus in Richtung Vatikan fahre und dann plötzlich diese eindrückliche Kuppel auftaucht, wenn sich die Via della Conciliazione auftut und man schliesslich vor dem Petersdom steht», sagt SRF-Korrespondentin Simona Caminada.
Der Petersdom – oder besser: die päpstliche Basilika St. Peter – zieht also immer noch alle Aufmerksamkeit der Welt auf sich. Zwar dankte der Papst gleichsam politisch ab, als Paul VI. 1964 seine Papstkrone, Tiara, ablegte. Damit «opferte» er die weltliche Macht symbolisch auf dem Altar des Petrus im Petersdom. Der Erlös der Krone stiftete dieser Reform-Papst Paul VI. dann auch den Armen.
Das monumentale Erbe «Petersdom» indes bleibt den Päpsten. Sie nutzen diesen – architektonisch und theologisch genialen – Schauplatz für ihre Auftritte, für telegene Messfeiern und Segensworte wie «Urbi et Orbi». Wenn ein Papst zur Welt spricht, dann tut er das am wirkungsvollsten von hier: vom Petersdom aus.