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Glaube und Grössenwahn 400 Jahre Petersdom: ein Meisterwerk zwischen Licht und Schatten

Rund 15 Millionen Menschen besuchen den Petersdom im Vatikan jährlich – um zu beten oder den Prachtbau zu bestaunen. Doch dessen Entstehung wurde begleitet von Protesten, Konflikten und Finanzskandalen.

Auf die Loggia des Petersdoms schaut die ganze Welt, wenn ein neuer Papst auftritt oder zu Weihnachten sein «Urbi et Orbi» spricht. Mit dem nochmals so grossen ovalen Petersplatz davor, gestaltete Barockkünstler Gian Lorenzo Bernini eine einmalige Kulisse. Diese Bühne funktioniert im modernen Zeitalter genauso gut wie vor 400 Jahren.

Menschenmenge auf dem Petersplatz vor dem Petersdom.
Legende: Blick auf den Petersdom in der Vatikanstadt, während Papst Leo XIV. an Ostern seine «Urbi et Orbi»-Botschaft von der Loggia aus übermittelt. (5.4.2026) Getty Images/Maria Grazia Picciarella/SOPA Images/LightRocket

Der Bau des Petersdoms zog sich über 120 Jahre hin. Währenddessen starben einige Päpste und Baumeister – und es entzündete sich Kritik am Petersdom. Der für den Bau eingetriebene «Peterspfennig» ebenso wie der profitable Verkauf von Sündenablass durch die Kirche befeuerten die Reformation.

Die Pracht- und Machtentfaltung der Päpste liess so manchen vom Glauben abfallen. Der Peterspfennig aber wird bis heute eingesammelt – weltweit.

Innenansicht der Kuppel und Architektur eines prächtigen Doms.
Legende: Prunk kostet. «Viele Leute wollen, dass der Peterspfennig nur für karitative Zwecke eingesetzt wird. Darum macht der Vatikan jedes Jahr das Budget des Peterspfennigs öffentlich. Und tatsächlich fliessen immer mehr Gelder an karitative Zwecke», so Franco Battel, SRF-Korrespondent in Italien. KEYSTONE/Urs Flüeler

Bis heute kostet der Erhalt des Monumentalgebäudes viel Geld: Die 14 Tonnen schwere und 117 Meter hohe Kuppel weist Risse im Mikrometer-Bereich auf. Da muss täglich investiert werden, damit die Kuppel keinem der täglich rund 40'000 Besuchenden auf den Kopf fällt. Eintritt verlangt der Vatikan bisher nicht. Dabei sind die Personal- und Sachkosten, auch für die Sicherheitschecks und die Organisation der Touristenströme, enorm.

Der Petersdom durch die Zeit

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  • In römischer Zeit befanden sich auf dem Vatikanhügel ein Stadion, in dem frühe Christinnen und Christen ihr blutiges Martyrium fanden. Sie wurden in unmittelbarer Nähe des Stadions bestattet. Der christlichen Tradition zufolge soll der Apostel Petrus dort Mitte des 1. Jahrhunderts gestorben und bestattet worden sein. – Historisch ist unwahrscheinlich, dass Petrus je in Rom war.
  • Petrus hat für die römisch-katholische Kirche besondere Bedeutung: Sie sieht in ihm den ersten Bischof Roms. Petrus sei von Jesus eine Vorrangstellung unter den Jüngern und Aposteln eingeräumt worden: «Du bist Petrus, auf Dich will ich meine Kirche bauen. Und Du sollst die Schlüssel zum Himmelreich haben.» Diese Verse sind auch in der Kuppel des Petersdoms zu lesen.
  • Mit Petrus begründete das Papsttum über Jahrhunderte seine Vorrangstellung. Für diesen «Primat» des Bischofs von Rom ist die Petersbasilika steingewordenes Zeugnis.
  • Der erste christliche Kaiser Konstantin der Grosse liess «über den Gebeinen des Petrus» ab 324 eine riesige Basilika bauen: Alt St. Peter. Diese Kirche sollte der monumentale Ausdruck des neuen, nun christlichen römischen Weltreichs sein.
  • 1200 Jahre später beschloss Papst Julius II., den maroden Alt St. Peter schrittweise abreissen zu lassen, und gab den Auftrag für eine doppelt so grosse neue Petersbasilika im Renaissance-Stil. Für sich selbst sollte es darin ein monumentales Grabmal geben, gestaltet von Michelangelo. Der neue Petersdom wurde zunächst um Alt St. Peter herumgebaut, bevor dieser ganz abgerissen wurde.
  • Die Bauzeit des neuen Petersdoms erstreckte sich über das ganze 16. Jahrhundert: von 1506 bis zur Weihe 1626. Der Bau wird wegweisend für die Architektur der Renaissance und des späteren Barocks.
  • Erst nach 1626 wurde der Petersplatz mit Säulenarkaden dazugebaut. Dieser Teil war das Lebenswerk Berninis.

Der Overtourism – hunderte Meter Warteschlangen und nerviges Sicherheitsprozedere – führt dazu, dass die Römerinnen und Römer selbst den Petersdom eher meiden.

Menschenmenge vor dem Petersdom in Rom bei blauem Himmel.
Legende: Zentrum religiöser Macht – und Anziehungspunkt für Menschenmassen: «Der Petersdom ist ein architektonisches Meisterwerk und eines der zentralen Wahrzeichen Roms», so die SRF-Korrespondentin Simona Caminada. SRF

«Auch wenn der Petersdom ein zentrales Wahrzeichen der Stadt Rom ist, so besuchen die Römer und Römerinnen ihn meist nur zu besonderen religiösen Anlässen», sagt Simona Caminada, SRF-Korrespondentin in Rom.

Der Kreuzweg eines Reformierten

Die Weihe des Petersdoms vor 400 Jahren wird 2026 gross gefeiert. Zu den in Stein gehauenen Meisterwerken von Michelangelo, Raffael und Bernini kam im Februar noch ein neues Kunstwerk: ein Kreuzweg auf Leinwand. Dessen Künstler Manuel Dürr ist Schweizer und ein Reformierter, was wohlwollendes Aufsehen erregte.

Manuel Dürrs 14 grossformatigen Bilder werden jeweils zur Passions- und Fastenzeit im Petersdom aufgehängt. In der Farbwahl passte sich Dürr ganz den Farbtönen des Petersdoms an. Ansonsten ist fast alle Kunst im Petersdom aus Stein, vielfarbigem Marmor und Bronze gehalten.

Der Petersdom in Zahlen

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  • Die Spitze des Kuppelkreuzes in 133.3 Metern Höhe ist der höchste Punkt des Petersdoms.
  • Die Fassade misst 47.30 Meter.
  • Das Langschiff, also die Basilika, ist über 210 Meter lang.
  • Rekord-Kuppel: Im Innern misst die Kuppel vom Boden bis zur Decke 117 Meter.
  • Der Petersdom enthält die Grabmonumente von 91 Päpsten.
  • Der ovale Petersplatz ist einer der grössten Plätze der Welt und fasst bis zu 80'000 Menschen.
  • Die Kolonnaden «umarmen» den Petersplatz. Gian Lorenzo Bernini verbaute hier 284 Säulen. Die Kolonnaden wurden erst 1667 fertig. Sie zieren 140 Heiligenstatuen.

Was aus der Entfernung wie gemalte Fresken wirkt, sind in Wahrheit Mosaiken aus Abertausenden Steinen. Von unten blickt der kleine Mensch zwischen 50 und 117 Meter zu ihnen hoch. Der Effekt soll vermutlich ehrfürchtig machen. 200 Meter weit laufen Besuchende durch das riesige Langhaus, um endlich das eigentliche Ziel, das Petrusgrab, zu erreichen.

Es liegt im Zentrum des «Doms», der Michelangelo-Kuppel. Das von Bernini gestaltete Petrusgrab mit den gedrehten Bronzesäulen und dem Baldachin in 28 Metern Höhe ist das Ziel aller Pilgernden. Seien sie Kunstliebhabende oder Gläubige – oder beides.

Gleichsam um ihren Vorgänger Apostel Petrus herum platzieren sich sage und schreibe 91 Päpste mit ihren monumentalen Steingrabmalen. Die Päpste schienen sich übertrumpfen zu wollen in Prachtentfaltung. Anders 2025 Franziskus, der Papst der Armen: Er wollte nicht hier bestattet sein, sondern mit einer schlichten Grabplatte in einer anderen Hauptkirche Roms, in Santa Maria Maggiore.

Die «Basilika St. Peter»

Der Petersdom heisst eigentlich «Päpstliche Basilika St. Peter». Er ist keine «Kathedrale», denn er ist nicht die Bischofskirche des Bischofs von Rom. Das ist nach wie vor die Lateran-Basilika, circa 5 Kilometer entfernt, mitten in Roms Altstadt. Das dortige Personal stand mit dem des Vatikans und St. Peters jahrhundertelang regelrecht im Krieg um Vormacht. Das Team Vatikan gewann schliesslich.

Der Papst zügelte auf den Vatikanhügel, baute sich dort seinen Palast und Regierungssitz neben dem Petersdom. Dieser, respektive das Petrusgrab, war das traditionelle Ziel Rom-Pilgernder seit der Antike.

Ein in Stein gemeisselter Dominanzanspruch

Das Baujahrhundert des Petersdoms, das 16. Jahrhundert, war mehr als bewegt: Die neuen freien Ideen von Humanismus, Renaissance und der Reformation hielten Einzug in ganz Europa. Amerika wurde «entdeckt». Deutsche Fürsten und englische Könige lösten sich vom päpstlichen Segen und damit von Rom. Die alte, lateinische Kirche mit dem Bischof von Rom bekam Konkurrenz. Und militärisch wuchs der Druck durch muslimische Osmanen, dann standen die Türken vor Wien.

Just in dieser Zeit also bauten sich die Päpste eine Petersbasilika, die an Grösse, künstlerischer Raffinesse und technologischem Fortschritt lange beispiellos blieb.

Antike Darstellung von Alt-St. Petersbasilika in Rom.
Legende: Rekonstruktion von Alt St. Peter aus dem Jahr 1891. Diese Darstellung soll den Zustand zwischen 1483 und 1503 zeigen – ob Alt St. Peter dereinst wirklich so gebaut wurde, lässt sich nicht exakt feststellen. Gemeinfrei

Erst im 20. Jahrhundert hörte der Vatikan endgültig auf, eine «weltliche» Macht-Zentrale sein zu wollen, respektive weltliche Herrschaft auszuüben. Der einst mächtige Kirchenstaat wurde 1929 zum Zwergstaat: Er musste sich zurückziehen auf die 0.44 Quadratkilometer des Staats namens «Vatikanstadt».

400 Jahre Weltaufmerksamkeit

Dass der Megabau Petersdom heute von Weitem und von Nahem sichtbar ist und zum Wahrzeichen Roms insgesamt wurde, hat auch mit dem Faschisten Mussolini zu tun. Der «Duce» befahl 1936 den Abriss des Wohnquartiers rund um den Petersdom. Stattdessen liess Mussolini die Prachtstrasse «Via della Conciliazione» errichten: eine «Versöhnungsstrasse» zwischen Vatikanstadt und Italien. Diese Baumassnahme prägt – im wörtlichen Sinn – unsere heutige Sicht auf St. Peter. 

Menschen auf einer breiten Strasse vor grosser Kuppelkirche an bewölktem Tag.
Legende: Die Magistrale Via della Conciliazione führt aus Rom direkt zum Petersplatz. Getty Images/Emanuele Cremaschi

«Für mich ist es immer wieder faszinierend, den Petersdom zu sehen. Zum Beispiel, wenn ich zu Fuss oder im Bus in Richtung Vatikan fahre und dann plötzlich diese eindrückliche Kuppel auftaucht, wenn sich die Via della Conciliazione auftut und man schliesslich vor dem Petersdom steht», sagt SRF-Korrespondentin Simona Caminada.

Kamera auf Balkon mit Blick auf Petersdom und Strasse in Rom.
Legende: Am Ende der schnurgeraden Via della Conciliazione, 600 Meter entfernt vom Petersdom, bauen sich beim Konklave jeweils hunderte TV-Stationen auf. Trotz grosser Entfernung liefern die TV-Stationen gestochen scharfe Bilder von der Loggia des Petersdoms, wo ein neuer Papst erstmals auftritt. SRF/Severin Bucher

Der Petersdom – oder besser: die päpstliche Basilika St. Peter – zieht also immer noch alle Aufmerksamkeit der Welt auf sich. Zwar dankte der Papst gleichsam politisch ab, als Paul VI. 1964 seine Papstkrone, Tiara, ablegte. Damit «opferte» er die weltliche Macht symbolisch auf dem Altar des Petrus im Petersdom. Der Erlös der Krone stiftete dieser Reform-Papst Paul VI. dann auch den Armen.

Das monumentale Erbe «Petersdom» indes bleibt den Päpsten. Sie nutzen diesen – architektonisch und theologisch genialen – Schauplatz für ihre Auftritte, für telegene Messfeiern und Segensworte wie «Urbi et Orbi». Wenn ein Papst zur Welt spricht, dann tut er das am wirkungsvollsten von hier: vom Petersdom aus.

Radio SRF Musikwelle, 23.5.2026, 7:20 Uhr; herb

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