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Glosse zum Smartphone Ein halbes Jahr «Heroingerät» – und ich bin heil geblieben

Wie es mir so geht nach einem halben Jahr Smartphone? Hat niemand danach gefragt – hier trotzdem mein vorläufiges Fazit.

Stefan Gubser

Kulturredaktor

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Stefan Gubser macht Online-Journalismus, seit es das Internet gibt. Früher befragte der gelernte Germanist berühmte Schauspieler. Heute wird er gerne mit einem verwechselt. Nur des Namens wegen!

Ich wäre gerne dramatisch eingestiegen. So etwa: schlimm, die Schwielen an meinem rechten Daumen – vom «Wischi-Waschi» auf meinem ersten iPhone, dem ich seit einer Weile dauerfröne. Als einer der Allerletzten meiner Art: Ich habe mich lange, sehr lange standhaft geweigert, zum Smartphone-Benutzer zu werden. Vogelfrei nach dem Vorsatz: Lieber abgehängt als auch so App-Addict wie alle anderen.

Es fühlt sich – das wäre doch ein schöner Einstieg gewesen – an wie 1992, als ich aus St. Gallen nach Zürich zog. Meinen Eltern sagte ich, ich studierte etwas mit Büchern und Buchstaben. Tatsächlich kam ich bald mit einer Gratis-Glotze nach Hause, die grösser war als die bessere Besenkammer, die ich gemietet hatte. Endlich nachholen, was mir zuhause ein Teenie-Leben lang vorenthalten worden war!

Besserwisser mit ADHS

Nichts als die Wahrheit: Auch gerade jetzt liegt es – achtsam unbeachtet – neben mir, dieses «Teufelsgerät», von dem die Menschheit nicht mehr die Finger lassen kann. Ja, es geht mir erstaunlich gut an der Seite des Besserwissers mit ausgeprägtem ADHS. Und zwar aus genau einem einzigen Grund: Ich habe mich strikt an die hysterischen Handy-Konsum-Hygiene-Vorschriften gehalten, die ich mir selbst auferlegt habe, als ich meinen alten «Knochen» gegen die eierlegende Wollmilchsau eintauschen musste.

Keine Apps – und die bitte nicht mit der Kreditkarte hinterlegen. Ich schaue schon mal «im Handy» nach, wann der übernächste Zug nach Zunzgen oder Züberwangen geht. Aber ich kaufe mir mein Ticket am Schalter oder Automaten und sage der Schaffnerin, die genervt nach ihrem Lochgerät sucht: «Früher waren die aus Karton!» (Ein müdes Lächeln zu ernten war bisher das höchste aller Gefühle.)

«Smartphone-los» – 80 Seiten, 1 Anregung

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Radikaler Richtungswechsel: Die Schweizer Autorin und Verlegerin Rachele De Caro hat mit «Smartphone-los» ein kluges kleines Essay gegen die Allgegenwart des Smartphones vorgelegt.

Das schmale Bändchen ist weniger daten-basierte Technik-Analyse als kulturkritischer Weckruf. De Caro argumentiert, Smartphones seien nicht bloss Werkzeuge, sondern Verhaltenssysteme, die aufs Süchtig-Machen aus sind und so Aufmerksamkeit, Sprache, Beziehungen und Eigenständigkeit schleichend aushöhlen.

Mehr als drei Jahre schon dauert De Caros einsamer Versuch mittlerweile, der Dauer-Versuchung Smartphone zu widerstehen. Sie wolle, schreibt sie zum Schluss, ihren alten Knochen nie wieder eintauschen.

  • Rachele De Caro: «Smartphone-los». Edition De Caro, 2026.

Damit ich nicht viel päpstlicher rüberkomme als der Papst mit dem direkten Drahtlos-Draht zum Himmelherrgott: Ja, ich checke manchmal meine Emails, wenn mir ein bisschen fad ist. Aber nur die rein privaten! Und ich habe leider aufgehört, Stadtpläne im fotorealistischen Franz-Gertsch-Gedenkstil zu malen, bevor ich eine kleine Reise mache.

Meine Welt ist kein Scheibchen

Im Übrigen finde ich nach wie vor: Die Schweiz ist zu klein für Google Maps – und Eingeborene sind die besten Wegweiser. Letzten Sommer war ich in Baden auf der Suche nach einer Badestelle in der Limmat. Wir sind dann «auf Zuruf» an einem herrlichen «Hidden Spot» gelandet. Das Handy wollte uns in eine geschlossene Badeanstalt schicken.

Smartphone-Nutzung – ein paar Zahlen

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  • Weltweit gibt es derzeit rund 4.73 Milliarden Smartphone-Besitzende – bei einer Weltbevölkerung von etwa 8.3 Milliarden Menschen. Bis 2030 rechnen Prognosen mit rund 6 Milliarden Smartphones weltweit.
  • In der Schweiz besitzen rund 96 Prozent der handyfähigen Bevölkerung ein Smartphone – das entspricht etwa acht bis neun Millionen Menschen.
  • 3 bis 5 Stunden täglich verbringt ein Mensch durchschnittlich am Smartphone. Hochgerechnet auf eine Lebenserwartung von 80 Jahren ergibt das über zehn Lebensjahre am Bildschirm.
  • Beim Schuleintritt mit sechs Jahren besitzt in der Schweiz jedes fünfte Kind ein eigenes Handy. Am Ende der Primarschule haben bereits 80 Prozent der Kinder ein Smartphone, in der Oberstufe sind es 99 Prozent.

Quelle: Bundesamt für Statistik / James-Studie der ZHAW

Ein guter Freund gab mir diesen smarten Ratschlag für den neuen Lebensabschnitt mit: einfach nie etwas auf dem Handy nachschauen wollen, «dann bist du auf der sicheren Seite». (Er selbst hält sich kein bisschen daran.) Ich würde vor allem sagen: keine sozialen Medien, nie! Nicht immer sofort zurückschreiben wollen. Vergesst FOMO. Sicher ist nach meinem ersten halben Jahr «Heroingerät»: Ich starre im Zug immer noch lieber aus dem Fenster als auf die Welt in der kleinen Scheibe.

Hand, die ein leuchtendes Smartphone hält.
Legende: «Heilsbringer» oder «Heroingerät»? Die meisten Menschen checken ihr Smartphone über 100 Mal am Tag. Je nach Studie sogar deutlich öfter. Getty Images/GeorgePeters

Falls Sie noch einen Gratis-Tipp von mir wollen: Zuhause verwandle ich Schlaumeier mein Smartphone in ein Festnetztelefon. Da liegt es dann immer an seinem Platz, gleich neben der Eingangstüre – und selbst sein stilles Auf-Leuchten bringt mich nicht aus der Ruhe.

Was nicht heisst, dass ich nicht laut werde. Fragen Sie mal meine halbwüchsigen Handy-Kids, die ich eigentlich nur noch erreiche, wenn ich sie anrufe. Oh. Da hat wer etwas Freches in den Familienchat gepostet!

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 20.5.2026, 9:03 Uhr

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