Ich wäre gerne dramatisch eingestiegen. So etwa: schlimm, die Schwielen an meinem rechten Daumen – vom «Wischi-Waschi» auf meinem ersten iPhone, dem ich seit einer Weile dauerfröne. Als einer der Allerletzten meiner Art: Ich habe mich lange, sehr lange standhaft geweigert, zum Smartphone-Benutzer zu werden. Vogelfrei nach dem Vorsatz: Lieber abgehängt als auch so App-Addict wie alle anderen.
Es fühlt sich – das wäre doch ein schöner Einstieg gewesen – an wie 1992, als ich aus St. Gallen nach Zürich zog. Meinen Eltern sagte ich, ich studierte etwas mit Büchern und Buchstaben. Tatsächlich kam ich bald mit einer Gratis-Glotze nach Hause, die grösser war als die bessere Besenkammer, die ich gemietet hatte. Endlich nachholen, was mir zuhause ein Teenie-Leben lang vorenthalten worden war!
Besserwisser mit ADHS
Nichts als die Wahrheit: Auch gerade jetzt liegt es – achtsam unbeachtet – neben mir, dieses «Teufelsgerät», von dem die Menschheit nicht mehr die Finger lassen kann. Ja, es geht mir erstaunlich gut an der Seite des Besserwissers mit ausgeprägtem ADHS. Und zwar aus genau einem einzigen Grund: Ich habe mich strikt an die hysterischen Handy-Konsum-Hygiene-Vorschriften gehalten, die ich mir selbst auferlegt habe, als ich meinen alten «Knochen» gegen die eierlegende Wollmilchsau eintauschen musste.
Keine Apps – und die bitte nicht mit der Kreditkarte hinterlegen. Ich schaue schon mal «im Handy» nach, wann der übernächste Zug nach Zunzgen oder Züberwangen geht. Aber ich kaufe mir mein Ticket am Schalter oder Automaten und sage der Schaffnerin, die genervt nach ihrem Lochgerät sucht: «Früher waren die aus Karton!» (Ein müdes Lächeln zu ernten war bisher das höchste aller Gefühle.)
Damit ich nicht viel päpstlicher rüberkomme als der Papst mit dem direkten Drahtlos-Draht zum Himmelherrgott: Ja, ich checke manchmal meine Emails, wenn mir ein bisschen fad ist. Aber nur die rein privaten! Und ich habe leider aufgehört, Stadtpläne im fotorealistischen Franz-Gertsch-Gedenkstil zu malen, bevor ich eine kleine Reise mache.
Meine Welt ist kein Scheibchen
Im Übrigen finde ich nach wie vor: Die Schweiz ist zu klein für Google Maps – und Eingeborene sind die besten Wegweiser. Letzten Sommer war ich in Baden auf der Suche nach einer Badestelle in der Limmat. Wir sind dann «auf Zuruf» an einem herrlichen «Hidden Spot» gelandet. Das Handy wollte uns in eine geschlossene Badeanstalt schicken.
Ein guter Freund gab mir diesen smarten Ratschlag für den neuen Lebensabschnitt mit: einfach nie etwas auf dem Handy nachschauen wollen, «dann bist du auf der sicheren Seite». (Er selbst hält sich kein bisschen daran.) Ich würde vor allem sagen: keine sozialen Medien, nie! Nicht immer sofort zurückschreiben wollen. Vergesst FOMO. Sicher ist nach meinem ersten halben Jahr «Heroingerät»: Ich starre im Zug immer noch lieber aus dem Fenster als auf die Welt in der kleinen Scheibe.
Falls Sie noch einen Gratis-Tipp von mir wollen: Zuhause verwandle ich Schlaumeier mein Smartphone in ein Festnetztelefon. Da liegt es dann immer an seinem Platz, gleich neben der Eingangstüre – und selbst sein stilles Auf-Leuchten bringt mich nicht aus der Ruhe.
Was nicht heisst, dass ich nicht laut werde. Fragen Sie mal meine halbwüchsigen Handy-Kids, die ich eigentlich nur noch erreiche, wenn ich sie anrufe. Oh. Da hat wer etwas Freches in den Familienchat gepostet!