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Ideologie Pronatalismus Frauen als Gebärmaschinen: Der neue Kult ums Kinderkriegen

Pronatalisten fürchten den Bevölkerungskollaps – und feiern einen neuen Babyboom. Handelt es sich dabei nur ein harmloses Heile-Welt-Projekt einer Elite – oder um einen wahr gewordenen moralischen Albtraum?

Eine Schwangerschaft reiht sich an die nächste. Vier Kinder haben sie schon, das fünfte ist unterwegs. Es sollen aber bis zu 13 werden, wenn alles gut geht. «Man hat Kinder nicht, um Freude an ihnen zu haben. Man hat sie aus Pflicht gegenüber der Zivilisation.» Ein Satz, wie aus einem dystopischen Roman.

Kinder zeugen, Zivilisation retten?

Ein Satz, den Simone und Malcom Collins bei jeder Gelegenheit wiederholen. In Interviews, in ihren eigenen Podcasts und Büchern. Die Collins sind die Wortführer der sogenannten Pronatalisten-Bewegung aus den USA.

Beide haben sie an Eliteuniversitäten studiert, arbeiteten im Silicon Valley. Vor einigen Jahren haben sie sich aufs Land zurückgezogen, mit der Mission, die Weltbevölkerung aufzustocken. Für die Collins ist klar: Der Geburtenkollaps in westlichen Industrieländern sei die grösste Gefahr für die Menschheit. Kinder zeugen, Zivilisation retten. So ihre biopolitische Rhetorik.

Lachende Familie auf Wiese vor Backsteinhaus.
Legende: Für die Vorzeige-Pronatalisten Simone und Malcolm Collins ist Elternschaft mehr als nur persönliches Glück – für sie soll das Kinderkriegen einen strategischen Beitrag zur Zukunft der Menschheit leisten. Sie haben bereits vier Kinder, planen aber insgesamt mindestens ein Dutzend. Wikimedia Commons/TeggorMindFish

Das Paar wirkt beinahe wie eine Karikatur. Bewusst, zwecks Medientauglichkeit. So tragen ihre Töchter Namen wie «Industry Americus» oder «Titan Invictus». Simone zieht sich an wie eine Person aus dem dystopischen Roman und der Serie «The Handmaid's Tale». Sind die Collins einfach technokratische Nerds mit Sehnsucht nach einer Grossfamilie auf dem Land? Nein, hinter der Bewegung der Pronatalisten steckt ein reales Problem und reale Gefahren.

Das grosse Schrumpfen

Noch wächst die Weltbevölkerung. Das liegt vor allem an den Geburtsraten in den sogenannten «Schwellen- und Entwicklungsländern». In vielen wohlhabenden Industrieländern bekommen Frauen und Männer aber immer weniger Kinder. Das stellt diese Nationen vor Herausforderungen.

Fachkräftemangel, Altersvorsorge, aber auch Innovationsfähigkeit oder Wirtschaftswachstum hängen mit der Logik der Demografie zusammen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) fordert in einem Bericht von diesem Frühjahr, dass die Stabilisierung der Geburtenraten «ein zentrales Anliegen aller politischen Entscheidungsprozesse sein müssen».

Der Bericht warnt vor schwindender militärischer und politischer Macht. Es drohen sinkende Steuereinnahmen, Überalterung, explodierende Gesundheitskosten. Alt, älter, abgehängt? Für diese Befürchtung gibt es gute Gründe.

Kinder kriegen gegen die Zivilisationspanik

Pronatalismus bezeichnet eine Haltung, die sowohl auf privater wie politischer Ebene befürwortet, dass möglichst viele Kinder zu Welt kommen. Angetrieben durch die Befürchtung, dass sinkende Geburtsraten langfristig fatale Auswirkungen haben können.

Tim Henning ist Philosoph und befasst sich mit Fragen der Bevölkerungsethik. Die Sorgen und Probleme, die mit einbrechenden Geburtsraten einhergehen können, seien durchaus real. «Pronatalisten glauben, dass die Menschheit hinter das einmal Erreichte zurückfallen wird. Solche Schreckensszenarien treiben sie an.»

Längst ist das Thema auch auf dem politischen Parkett angekommen. Der französische Staatschef Emmanuel Macron kündigte schon letztes Jahr die «demografische Wiederaufrüstung» des Landes an. Südkorea, das Land mit der weltweit tiefsten Geburtsrate, ist praktisch zu einem «staatlichen Geburtshelfer» geworden, schreibt die NZZ.

In den letzten 15 Jahren hat das Land mehr als 200 Milliarden Dollar ausgegeben, um Frauen und Männer zum Kinderkriegen zu animieren. Die staatliche geschmiedeten Geburtspläne bleiben aber erfolglos.

Appelle, Anreize oder Verbote – die Politik scheitert praktisch in allen Industrieländern zuverlässig daran, Männern und Frauen «Lust» auf genügend Babys zu machen.

Die technokratische Utopie: zwischen Labor und Albtraum

Davon lassen sich Simone und Malcolm Collins, die Vorzeige-Pronatalisten aus Pennsylvania, nicht entmutigen. Das Paar steht prototypisch für die Pronatalisten-Bewegung aus den USA, deren selbsternannte Mission die Rettung der Menschheit ist.

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Business Insider» beschreibt den Pronatalismus als elitäres Projekt: «Eine Bewegung, die sich in wohlhabenden Tech- und Venture-Capital-Kreisen etabliert hat.»

Mann im Anzug trägt Kind auf den Schultern in einem dekorierten Raum.
Legende: Elon Musk ist stolzer Papi – klar, kommt der Sprössling da auch mal mit ins US-Kapitol. Die Liste seiner mittlerweile 14 Kinder mit vier verschiedenen Frauen (zwei Kinder kamen durch eine Leihmutter zur Welt) ist lange. (5.12.2024) Samuel Corum/Getty Images

Die lautesten Anhänger der Pronatalisten-Bewegung sind derzeit Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley. Und nicht selten vertreten diese einen sogenannten «selektiven Pronatalismus»: Die Menschheit soll nicht nur wachsen, sondern qualitativ besser werden. Ihr Ziel ist es, möglichst Kinder mit «hochwertigem» Erbgut in die Welt zu setzen.

«Neue Führungsschicht»

Auch die Collins gehören zur selektiven Fraktion. Sie sind überzeugt, dass ihre Nachkommen die «neue Führungsschicht in der Welt» werden. Deshalb seien sie auch bereit, «den Preis der Kritik zu ertragen», betonen die beiden gegenüber dem «Business Insider». Und die hagelt es in rauen Mengen, zumal die Collins ihre Embryonen mit polygenetischen Tests überprüfen lassen. Mit diesen lassen sich erhöhte Gesundheitsrisiken erkennen. Manche Unternehmen in den USA versprechen auch, dass sich andere Eigenschaften wie zum Beispiel der IQ vorhersagen lassen. Den Erwartungen der Eltern sollen keine Grenzen mehr gesetzt sein: Das Kind nach Mass, das Kind als Start-up.

Prominentester Vertreter eines selektiven Pronatalismus ist Elon Musk. Er hat 14 Kinder – aus der Überzeugung, dass sein Erbgut besonders wertvoll sei.

«Er scheint sich einiges auf seine Erbanlagen einzubilden und leitet daraus ab, dass es besonders für ihn eine Pflicht sei, die Weltbevölkerung aufzustocken», so Philosoph Tim Henning. «Was komisch klingt, erweist sich bei näherer Betrachtung als moralisch hochbrisant und extrem fragwürdig.»

Die Erben der Eugenik?

Die Forderung der Pronatalisten nach höheren Geburtsraten in westlichen Ländern ziehen den Vorwurf des Rassismus, gar der Eugenik mit sich, erklärt Philosoph Tim Henning. Nur bestimmte Kinder seien willkommen. Den Pronatalisten gehe es nur um den Erhalt der westlichen, der weissen Zivilisation.

Frau im Krankenhausbett hält Neugeborenes.
Legende: Simone Collins mit Tochter Industry Americus, die 2024 auf die Welt kam. Das Paar gibt seinen Töchtern keine traditionell weiblichen Namen, da sie glauben, dass Frauen mit weiblichen Namen weniger ernst genommen werden. Für ihre radikalen Ansichten und deren medienwirksame Inszenierung ernten die Collinses einiges an Kritik. Instagram/simonehcollins

Manche Anhänger und Anhängerinnen des Pronatalismus äussern unverhohlen ihre kulturkämpferischen Absichten. Und der Pronatalismus erweist sich als ideologisches Bindeglied zu rechtsradikalen Kreisen. So wird Demografiepolitik zum Deckmantel für rassistische, eugenische Überzeugungen.

Es gibt aber auch Vertreter und Vertreterinnen des Pronatalismus, die sich vehement von diesen Vorwürfen distanzieren. Jedes Kind zähle gegen den drohenden Bevölkerungskollaps. Diese Gruppierung ist auch liberal eingestellt gegenüber Einwanderung.

Das selektive Programm der Pronatalisten und ihren guten Verbindungen in die Politik, bereitet mir moralische Bauchschmerzen.
Autor: Tim Henning Philosoph

Philosoph Tim Henning betont, man könne die Bewegung nicht über einen Kamm scheren. «Aber das selektive Programm der Pronatalisten aus dem Silicon Valley und ihren guten Verbindungen in die Politik bereiten mir moralische Bauchschmerzen.»

Drängende Fragen, abgründige Untertöne

Auch der ungarische Premierminister Viktor Orbán kämpft schon seit vielen Jahren um genügend Nachwuchs. Seine Agenda ist klar: Die Massnahmen zielen auf die Steigerung der aus seiner Sicht «richtigen» Bevölkerungsgruppe, also ethische Ungarn und Ungarinnen. Migration lehnt er strikt ab. Die ungarische Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Magdalena Marsovszky bezeichnet Orbán Bevölkerungspolitik als «reproduktiven Rassismus».

Klar ist: Die Geburtenrate eines Landes wird immer häufiger zu einer politischen Schicksalsfrage. Demografische Fragen drängen. Es bleibt die Herausforderung, Debatten übers Kinderkriegen und reproduktive Gerechtigkeit zu führen, ohne dabei in rassistische oder klassistische Erzählungen abzugleiten oder sich vor deren Karren spannen zu lassen.

Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 28.8.2025, 6:54 Uhr;liea

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