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KI als Gott Wenn Technologie zur Religion wird

Künstliche Intelligenz kann Menschen in spirituelle Verzückung versetzen. Ist ddiesas das Ende der kritischen Vernunft?

Die Turing Church hat keinen Altar und keinen Kirchturm. Aber sie hat einen Discord-Server, eine Facebook-Page und einen Substack-Newsletter. Und ein klares Ziel: Die Menschheit nicht nur zur nächsten Phase der Evolution zu führen, sondern mithilfe von Technologie auch Gott zu erschaffen.

Die Kirche positioniert sich nach eigenen Angaben an den «Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Religion, Spiritualität und Technologie». Sie ist ein extremes Beispiel für die spirituelle Verzückung, in die der technologische Fortschritt und insbesondere die KI manche Menschen versetzen kann.

Göttliche Superintelligenz

Im Silicon Valley, dem globalen Zentrum der KI-Entwicklung, ist rund um die Technologie ein ganzes Bündel quasi-religiöser Weltanschauungen entstanden. Die KI-Ethikerin Timnit Gebru und der Philosophen Émile P. Torres fassen die verschiedenen Strömungen unter dem Akronym TESCREAL zusammen.

Was ist TESCREAL?

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Transhumanism: Der Transhumanismus vertritt die Idee, dass der Mensch seine biologischen Grenzen mithilfe von Technik überwinden kann und sollte. Dazu zählen kognitive Verbesserungen, die Verlängerung der Lebensspanne oder die Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Extropianism: Der Extropianismus betont kontinuierlichen Fortschritt, Selbstverbesserung und technologische Weiterentwicklung. Natürliche oder gesellschaftliche Grenzen gelten nicht als endgültig, sondern als Probleme, die sich durch Innovation lösen lassen.

Singularitarianism: Der Singularitarianismus geht davon aus, dass die Entwicklung künstlicher Intelligenz irgendwann einen Punkt erreicht, an dem Maschinen intelligenter als Menschen werden. Diese sogenannte Singularität würde die gesellschaftliche und technologische Entwicklung grundlegend verändern.

Cosmism: Der Kosmismus verbindet Technikoptimismus mit der Vorstellung, dass intelligentes Leben sich langfristig über die Erde hinaus im Universum ausbreiten sollte. Der Kosmos wird nicht nur als Raum, sondern als Gestaltungsaufgabe verstanden.

Rationalism: Hier steht die Überzeugung im Mittelpunkt, dass systematisches, logisch orientiertes Denken das beste Mittel ist, um komplexe Probleme zu lösen und weitreichende Zukunftsentscheidungen zu treffen.

Effective Altruism: Der Effektive Altruismus fordert, moralisches Handeln möglichst wirkungsvoll zu gestalten. Entscheidungen sollen sich an Daten, Wahrscheinlichkeiten und dem grösstmöglichen Nutzen für möglichst viele Betroffene orientieren.

Longtermism: Der Longtermismus misst der sehr fernen Zukunft grosses moralisches Gewicht bei. Da in Zukunft potenziell sehr viele bewusste Wesen existieren könnten, wird argumentiert, dass heutige Entscheidungen vor allem im Hinblick auf ihre langfristigen Folgen bewertet werden sollten.

Im Zentrum von TESCREAL steht der Glaube, dass künstliche Intelligenz der nächste Schritt der menschlichen Evolution sei. Der Technologie kommt dabei eine göttliche Rolle zu: Eine künftige Superintelligenz soll die Menschheit ins Paradies führen – wobei «Menschheit» hier ein weit gefasster Begriff sein kann. Zuweilen sind damit auch nur die digitalen Kopien echter Menschen gemeint, deren Entstehen und Überleben als wichtiger gewertet wird als das von Menschen aus Fleisch und Blut.

Solcher Zukunfts-Glauben findet sich auch weit ab vom Silicon Valley: In einer Studie des Medienwissenschaftlers Michael Latzer erklärten jüngst 45 Prozent der Schweizer Internetnutzenden, sie glaubten an eine künftige Superintelligenz. Und 25 Prozent der regelmässigen ChatGPT-Nutzenden erwarten, dass sich die biologische Evolution mithilfe dieser Technologie überholen lasse.

Ökonomische Interessen

Künstliche Intelligenz ist die erste Technologie, die menschliche Sprache perfekt nachahmen kann. Da liegt der Rückgriff auf religiöse Tropen nahe, denn in der menschlichen Vorstellungskraft waren es bisher nur Götter oder Wesen wie Engel und Dämonen, die so mit uns kommunizieren konnten. Kommt hinzu, dass KI-Systeme derart komplex sind, dass selbst ihre Schöpfer sie nicht völlig verstehen – auch das eine Parallele zu Gottheiten, deren Wirken sich unserem Verständnis entzieht.

Aber nicht zuletzt sind es die Entwickler solcher Technologien selbst, die aus ökonomischem Interesse bewusst mit Assoziationen zum Göttlichen spielen. Wer von sich behaupten kann, ein System zu bauen, das so mächtig ist wie Gott, wird leicht Investoren finden, die sich von so einer solchen Technologie grosse Vorteile versprechen.

Allerdings: All das setzt voraus, dass KI-Unternehmen tatsächlich in der Lage sind, eine Intelligenz zu entwickeln, die der des Menschen ebenbürtig oder sogar überlegen ist. Viele Fachleute bezweifeln, dass das – zumindest mit den heutigen Technologien – in absehbarer Zeit oder überhaupt möglich ist.

Doch wenn KI zur Religion wird, schafft das schon im Hier und Jetzt Probleme. Wie Medienwissenschaftler Michael Latzer in seiner Studie bemerkt, können solche Vorstellungen dazu führen, dass wir Technologie nicht mehr rational gegenübertreten. Blinder Glaube an die Macht von Algorithmen verdrängt dann die kritische Vernunft. Wer es in so einem Klima wagt, den technologischen Fortschritt zu hinterfragen, dem droht schnell das Stigma des Ketzers.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 04.3.2026, 9:03 Uhr

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