Die Turing Church hat keinen Altar und keinen Kirchturm. Aber sie hat einen Discord-Server, eine Facebook-Page und einen Substack-Newsletter. Und ein klares Ziel: Die Menschheit nicht nur zur nächsten Phase der Evolution zu führen, sondern mithilfe von Technologie auch Gott zu erschaffen.
Die Kirche positioniert sich nach eigenen Angaben an den «Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Religion, Spiritualität und Technologie». Sie ist ein extremes Beispiel für die spirituelle Verzückung, in die der technologische Fortschritt und insbesondere die KI manche Menschen versetzen kann.
Göttliche Superintelligenz
Im Silicon Valley, dem globalen Zentrum der KI-Entwicklung, ist rund um die Technologie ein ganzes Bündel quasi-religiöser Weltanschauungen entstanden. Die KI-Ethikerin Timnit Gebru und der Philosophen Émile P. Torres fassen die verschiedenen Strömungen unter dem Akronym TESCREAL zusammen.
Im Zentrum von TESCREAL steht der Glaube, dass künstliche Intelligenz der nächste Schritt der menschlichen Evolution sei. Der Technologie kommt dabei eine göttliche Rolle zu: Eine künftige Superintelligenz soll die Menschheit ins Paradies führen – wobei «Menschheit» hier ein weit gefasster Begriff sein kann. Zuweilen sind damit auch nur die digitalen Kopien echter Menschen gemeint, deren Entstehen und Überleben als wichtiger gewertet wird als das von Menschen aus Fleisch und Blut.
Solcher Zukunfts-Glauben findet sich auch weit ab vom Silicon Valley: In einer Studie des Medienwissenschaftlers Michael Latzer erklärten jüngst 45 Prozent der Schweizer Internetnutzenden, sie glaubten an eine künftige Superintelligenz. Und 25 Prozent der regelmässigen ChatGPT-Nutzenden erwarten, dass sich die biologische Evolution mithilfe dieser Technologie überholen lasse.
Ökonomische Interessen
Künstliche Intelligenz ist die erste Technologie, die menschliche Sprache perfekt nachahmen kann. Da liegt der Rückgriff auf religiöse Tropen nahe, denn in der menschlichen Vorstellungskraft waren es bisher nur Götter oder Wesen wie Engel und Dämonen, die so mit uns kommunizieren konnten. Kommt hinzu, dass KI-Systeme derart komplex sind, dass selbst ihre Schöpfer sie nicht völlig verstehen – auch das eine Parallele zu Gottheiten, deren Wirken sich unserem Verständnis entzieht.
Aber nicht zuletzt sind es die Entwickler solcher Technologien selbst, die aus ökonomischem Interesse bewusst mit Assoziationen zum Göttlichen spielen. Wer von sich behaupten kann, ein System zu bauen, das so mächtig ist wie Gott, wird leicht Investoren finden, die sich von so einer solchen Technologie grosse Vorteile versprechen.
Allerdings: All das setzt voraus, dass KI-Unternehmen tatsächlich in der Lage sind, eine Intelligenz zu entwickeln, die der des Menschen ebenbürtig oder sogar überlegen ist. Viele Fachleute bezweifeln, dass das – zumindest mit den heutigen Technologien – in absehbarer Zeit oder überhaupt möglich ist.
Doch wenn KI zur Religion wird, schafft das schon im Hier und Jetzt Probleme. Wie Medienwissenschaftler Michael Latzer in seiner Studie bemerkt, können solche Vorstellungen dazu führen, dass wir Technologie nicht mehr rational gegenübertreten. Blinder Glaube an die Macht von Algorithmen verdrängt dann die kritische Vernunft. Wer es in so einem Klima wagt, den technologischen Fortschritt zu hinterfragen, dem droht schnell das Stigma des Ketzers.