An jenem Sonntag herrscht Hochbetrieb in der Fledermaus-Notpflegestation im Zoo Zürich. Einmal pro Monat werden hier Findlinge, welche zu wenig Speck auf den Rippen haben, aus dem Winterschlaf geweckt und öffentlich mit Mehlwürmern gefüttert. «Jöö, wie härzig», sagt ein kleiner Bub und drückt sich die Nase platt an der Scheibe.
Organisiert wird die öffentliche Fütterung von der Stiftung Fledermausschutz, die aktuell auch die Veranstaltungsreihe «Ein Jahr im Zeichen der Fledermaus» durchführt – eine Art Charmeoffensive, um die Sympathie für die kleinen Säugetiere zu steigern.
Fledermäuse leiden seit jeher unter einem hartnäckigen kulturellen Stigma. Wer nachts geräuschlos unterwegs ist, im Dunkeln jagt und sich verkehrt in Bäume hängt, erweckt instinktiv Unsicherheit, Misstrauen und Furcht. Kein Wunder, dass man sie früh mit düsteren Mächten und dem Teufel in Verbindung brachte.
«Monster der Dunkelheit»
So nagelten etwa die alten Römer Fledermäuse zur Abwehr dämonischer Einflüsse an Ställe – ein grausamer Brauch, der später auch zum Schutz vor Hexen dienen sollte. Fledermäuse seien Monster, die der Dunkelheit gewidmet seien, schrieb der Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (circa 780) in seiner Enzyklopädie.
Auch die mittelalterliche Malerei trug das Ihrige zum negativen Image der Säugetiere bei. So wurden Dämonen, Hexen oder Teufelswesen gerne mit Fledermausflügeln ausgestattet.
Doch neben jenen Stimmen, die die Fledermaus zum Sinnbild des Unheilvollen machten, existierten schon früh andere, naturkundlich geprägte Sichtweisen. So zeigte etwa Kirchenvater Basilius der Grosse im 4. Jahrhundert überraschende Sympathie für die Tiere – insbesondere für ihre Vorliebe, sich zum Schlafen eng aneinander zu kuscheln. Ihr Sozialverhalten sei vorbildlich für Menschen, schrieb er in einer Predigt.
Dracula – ein Fall für den Fledermausanwalt
Im 19. Jahrhundert erfuhren die Naturwissenschaften einen gewaltigen Aufschwung und so auch die neutrale Betrachtungen der Chiroptera (wie die Fledertiere auf Lateinisch heissen), etwa in Biologiebüchern mit mehr oder weniger genauen Zeichnungen und Lithografien.
In der Kunst allerdings hielt sich das zwiespältige Image der Fledermaus hartnäckig. Ein Beispiel dafür ist Johann Strauss' Operette «Die Fledermaus» (1879). Zwar tritt darin keine echte Fledermaus auf, doch dient das Tier als Sinnbild für nächtliche Verwandlung, Täuschung und Rache.
Rufschädigung sondergleichen – eigentlich ein Fall für den Fledermausanwalt – betrieb der britische Autor Bram Stoker mit seinem Roman «Dracula» (1897). Darin will der transsilvanische Count Dracula, ein uralter Vampir, nach England übersiedeln, um dort neue Opfer zu finden. Dracula ist eng mit Fledermäusen verknüpft, weil er sich in eine solche verwandeln kann und oft von ihnen angekündigt oder begleitet wird.
Nach «Dracula» standen die scheuen Säugetiere unter Kollektivverdacht, blutrünstige Vampire zu sein, die jedem an die Gurgel wollen. Dabei ernähren sich von rund 1400 Fledermausarten weltweit nur gerade drei von tierischem Blut.
Für die junge Filmindustrie des frühen 20. Jahrhunderts war der Vampirmythos ein gefundenes Fressen. 1922 versenkte Max Schreck im ersten Vampirfilm «Nosferatu» seine spitzen Zähne im Hals einer holden Maid. Unzählige Adaptionen sollten folgen, die das Bild der blutsaugenden Fledermaus im kollektiven Gedächtnis verankerten.
Ausserdem bedient sich die Filmindustrie gerne Fledermäusen, um eine gruselige oder gefahrvolle Atmosphäre zu kreieren. Fledertiere triggern Urängste, weil sie sich schnell und unberechenbar bewegen. Flatternde Schatten und Schwärme, die plötzlich aus der Dunkelheit brechen, funktionieren filmisch extrem gut, ebenso wie Silhouetten vor dem Mond.
Batman – Rächer in Fledermausgewand
1939 erscheint der erste Batman-Comic. Bruce Wayne richtet sein ganzes Leben darauf aus, Gauner und Verbrecher zu jagen und wählt dafür ein Fledermauskostüm.
«Es muss eine Kreatur der Nacht sein, schwarz, furchtbar», denkt Bruce Wayne, als er an einer Verkleidung herumsinniert. Schliesslich soll sein Auftritt Ganoven das Fürchten lehren. Gleichzeitig wird die Fledermaus in Gestalt Batmans zum Symbol eines Rächers, der für Recht und Ordnung und den Schutz der Schwachen einsteht.
Fremdartigkeit und «Othering»
Die westliche Kultur hat das üble Image der Fledermaus lange Zeit vor allem verstärkt. Erst das 20. Jahrhundert sollte das Zeitalter werden, in dem die Fledermaus eine Verschiebung der Zuschreibungen erlebt. «What is it like to be a bat?» fragt 1974 der amerikanische Philosoph Thomas Nagel in einem Aufsatz. Seine Schlussfolgerung: Objektive Wissenschaft kann die subjektive Perspektive nie vollständig einfangen. Wir können schlichtweg nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.
Nagels Text gilt heute als Meilenstein, weil er die moderne Debatte über Subjektivität entscheidend mitprägte. Die Wahl für seinen Text war auf die Fledermaus gefallen, weil deren Sinneswelt – insbesondere die Echo-Ortung – den Menschen grundlegend unvertraut ist. Somit wird sie im 20. Jahrhundert zum Symbol für Fremdartigkeit. An ihr wird verdeutlicht, wie Zuschreibungen und «Othering» funktionieren.
Auch die deutsch-amerikanische Künstlerin Kiki Smith machte in ihrer Ausstellung «Bat» (2000) im Witney Museum in New York die Fledermaus zur Projektionsfläche für Andersheit. Gleichzeitig betont die Künstlerin die Verletzlichkeit der Tiere.
Star in Kinderbüchern
In den letzten Jahren hat die Fledermaus aus unerwarteter Ecke Schützenhilfe erhalten: von Kinderbüchern. Die Andersheit der Fledermaus erweist sich hier als Steilvorlage, um Themen wie Zugehörigkeit, Identität und Toleranz zu thematisieren und die Kinder gleichzeitig für Umweltprobleme und Artenschutz zu sensibilisieren.
In Tomi Ungerers «Rufus, die farbige Fledermaus» (1980) entdeckt beispielsweise eine kleine Fledermaus ein Freiluftkino und damit die Welt der Farben. Fortan fliegt sie tagsüber, muss aber Sonnenbrille tragen und Tabletten gegen Kopfschmerzen nehmen. Als sie eines Tages einen Schwarz-Weiss-Film sieht, bekommt sie Heimweh und kehrt nach Hause zurück.
Im Bilderbuch «Stellaluna» (1993) von Janell Cannon wird ein Flughund-Mädchen von der Mama getrennt, landet im Nest von Vögeln und wird von diesen grossgezogen. Obwohl sich Stellaluna bemüht, merkt sie, dass sie anders ist. Schlussendlich lernen beide Seiten, dass man verschieden sein kann und sich trotzdem mögen darf.
Die Fledermaus war schon vieles: Teufelsbegleiterin, Sozialwesen, blutrünstiger Vampir, Kunst-Objekt und Toleranz-Anwältin. Den Findlingen in der Notfallstation dürfte ihr Ruf herzlich egal sein – Hauptsache, es gibt einen Mehlwurm. Denn am Ende sind Fledermäuse vor allem eines: geschützte Säugetiere, deren Lebensraum zusehends vom Menschen bedroht wird.