Ursulas Geschichte beginnt im Türrahmen eines Bauernhofs, zehn Jahre vor ihrer Geburt. Wir sind im Jahr 1939, im Emmental. Ihre Mutter ist gerade sechzehn Jahre alt. Sie macht ein Haushaltslehrjahr auf einem Bauernhof. Ursulas Vater sucht zu der Zeit eine Stelle als Melker.
Eines Tages klopft es an der Tür des Hofs. Das sei bestimmt der neue Melker, sagt die Bäuerin und schickt Ursulas Mutter Marie. «Meine Mutter öffnete die Tür und blieb nur so stehen: Da stand ein junger Mann mit blondem Haar und blauen Augen. Mein Vater habe ihr ganz entzückt die Hand hingehalten: Er sei der Fritz.»
Um die beiden war es auf der Stelle geschehen. Was sie aber nicht ahnten: Es würde noch zehn Jahre dauern, bis sie zusammenfinden.
Liebe vernebelt die Sicht
Damals wie heute gilt: «Ein Substanzen-Mix im Gehirn setzt das Gefühl der Verliebtheit frei», sagt der Neurologe am Kantonsspital Aarau Krassen Nedeltchev. Was nüchtern klingt, ist in Tat und Wahrheit alles andere als das: «Das ist ein wahnsinniger Zustand. MRIs von Verliebten zeigen, dass ähnliche Systeme im Gehirn auch bei Drogen aktiviert werden.»
Drei Substanzen sind für den «Flash» der Verliebtheit verantwortlich:
- Dopamin: Der Neurotransmitter aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und motiviert uns, das Subjekt unserer Begierde zu erreichen.
- Noradrenalin: Verliebtsein ist kein Zustand des gemütlichen Glücklichseins, sondern eine energetisch hochaktive Phase, die eher mit Stress assoziiert wird.
- Oxytocin: Das Kuschelhormon fordert körperliche und soziale Nähe.
Mit diesem Substanzenmix schläft und isst es sich schlecht. «Man hat kreisende Gedanken, die oft nicht realitätsnah sind, und projiziert viel auf die Person.» Ist eine so vernebelte Sicht evolutionsbiologisch nicht kontraproduktiv? Nein, sagt der Neurologe Krassen Nedeltchev: «Dieser Flash kreiert den Drive, damit man sich überhaupt traut, sich der angebeteten Person anzunähern.»
Der evolutionsbiologische Sinn der Verliebtheit: Sie motiviert uns zur Fortpflanzung. Umso schöner, dass das Gefühl auch ohne biologischen Nachwuchs entsteht, wie in gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder bei Paaren ohne Kinderwunsch.
Mut, Überwindung und Durchhaltewillen
Ursulas Vater tritt die Stelle als Melker an. Von da an treffen sich die beiden regelmässig hinter dem Haus. Bis ein eifersüchtiger Knecht sie verrät. Ursulas Mutter Marie bleibt am Hof. Fritz muss ihn verlassen. Die Liebe zwischen den beiden aber bleibt.
«Er findet eine neue Stelle, weit weg. Von da an treffen sich die zwei jeden Sonntagnachmittag. Zwei, drei Jahre lang. Sie fahren sich mit dem Velo entgegen, jeweils eine Stunde lang, um sich für kurze Zeit zu haben», berichtet Ursula.
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Bild 1 von 3. Ursulas Eltern, Marie und Fritz, bei ihrer Hochzeit im Mai 1947 in Sumiswald im Emmental. Bildquelle: Ursula Wallner.
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Bild 2 von 3. Sie haben auf dem Bauernhof geheiratet, auf dem Marie (zweite von rechts) aufgewachsen ist und haben danach dort gewohnt. Nach knapp zwei Jahren aber wollte Marie weg vom Hof und sie zogen ins Dorf. Bildquelle: Ursula Wallner.
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Bild 3 von 3. Fritz (zweiter von rechts) während seiner Zeit im Militär. Damals kannten sich Marie und er schon. Bildquelle: Ursula Wallner.
Viele Jahre später, 1949, ziehen Ursulas Eltern schliesslich zusammen ins Schulhaus des Dorfes, wo Ursula zur Welt kommt. Sieben Jahre später ihr Bruder. Die beiden bleiben ein Leben lang ein Paar.
Für diese Art des Kennenlernens wären wir evolutionsbiologisch gebaut. «Dating-Apps haben uns da evolutionsbiologisch etwas unvorbereitet erwischt», sagt der Neurologe Krassen Nedeltchev. Wir wären für Begegnungen gebaut, nicht für Bild und Text beim stundenlangen Swipen.
«Vielleicht», ergänzt er mit einem Augenzwinkern, «ist diese Fähigkeit in Zukunft aber ein neues evolutionäres Durchsetzungsmerkmal: Ausdauernd und resilient Swipen-Können.»