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Marco Odermatt und Co. Helden am Limit: Wie viel Risiko verträgt unser Lieblingssport?

Für einen Platz auf dem Podest und unser fasziniertes Staunen riskieren Rennfahrerinnen und Rennfahrer viel. Unterdessen vielleicht zu viel?

«Wenn man nicht alles riskiert, kann man kein Rennen gewinnen», sagt Marco Odermatt, nachdem er gerade in Wengen zum vierten Mal in der Abfahrt seine Mitstreiter deklassiert hat.

Mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde sind Abfahrer unterwegs. Dass er nicht nur das Risiko meint, ein Tor zu verpassen, liegt auf der Hand.

Skifahrer in der Luft während eines Rennens mit orangefarbener Torstange.
Legende: Marco Odermatt in Action: Beim Rennen am 17. Januar 2026 in Wengen zeigt sich der Schweizer Skirennfahrer unschlagbar. REUTERS/Denis Balibouse

Schwere Verletzungen gibt es immer wieder. Der Norweger Aleksander Aamodt Kilde erinnert sich im Film «Downhill Skiers» an seinen Sturz in Wengen 2024: «Nie zuvor verspürte ich einen solchen Schmerz. Ich dachte, ich würde sterben.»

Viele seiner Kollegen würden sich als eine Art unzerstörbarer Superhelden betrachten. «Aber das sind wir nicht. Wir sind wie jeder andere auch.» Der ehemalige Skistar Bernhard Russi bestätigt das Selbstbild der Superhelden: «In dem Moment, wo ich in den Top 15 war, fühlte ich mich unverletzlich.»

Abheben mit Risiko

Er habe zwar gewusst, dass rein statistisch ein schlimmer Sturz irgendwann kommen würde. «Aber eine gewisse Portion Bereitschaft zum Schlimmsten musst du haben.»

Wir sehen Menschen, die quasi fliegen können.
Autor: Antje Rávik Strubel Schriftstellerin

Für die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel, die zwei Bücher zum Skifahren geschrieben hat, sind Skistars tatsächlich Heldinnen und Helden: «Wir sehen Menschen, die quasi fliegen können, und zwar aus eigener Kraft.»

Buchhinweise

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  • Antje Rávik Strubel: «Kein Schnee», nimmermehr. Neunzig Kilometer Mutmassungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod. Residenz, 2025.
  • Antje Rávik Strubel: «Gebrauchsanweisung fürs Skifahren». Piper, 2016.

Tatsächlich hebe man ab einer gewissen Geschwindigkeit vom Boden ab und das fühle sich an wie Fliegen, sagt Bernhard Russi. Auch von aussen spüre man das damit verbundene Risiko, das der Mensch offenbar suche.

Adrenalinkick auf der Couch

«Bei uns Zuschauenden entsteht das Gefühl von etwas Ausserweltlichem, das uns aus dem Gewöhnlichen herauskatapultiert», sagt Antje Rávik Strubel. «Die opfern sich für unseren Adrenalinkick auf der Couch. Ich glaube, deswegen hat das so eine Kraft.»

Den Athletinnen und Athleten wird dieses Risiko eher aufgezwungen. In Bormio kam es Ende 2024 im Abfahrtstraining zu schweren Stürzen. Auf die massive Kritik entgegnete der FIS Renndirektor Markus Waldner: «Sollen wir keine Rennen mehr machen? Wir wissen, dass das Material extrem ans Limit gepusht ist, vielleicht teilweise über die Grenzen hinaus.»

Für den ehemaligen Skirennfahrer und Fernseh-Kommentator Marco Büchel liegt das Problem nicht beim Material, sondern im auf Fortschritt fokussierten System.

Schneller, höher, weiter – in Eigenverantwortung?

Im Film «Downhill Skiers» sagt Büchel: «Die Stakeholder wollen, dass alles immer schneller wird. Dann passieren Unfälle, und alle sind empört. Aber das Rad zurückdrehen will niemand.»

Für den Rennleiter Markus Waldner ist das die Eigenverantwortung der Sportlerinnen und Sportler: «Wenn die Jury entscheidet, das Rennen zu fahren, entscheidet jeder Athlet selber, ob er starten will oder nicht.»

Was diese Eigenverantwortung für die Fahrer bedeutet, ist sogar für den Überflieger Marco Odermatt ein Problem. Als er vor einem Jahr in Kitzbühel in der Abfahrt das Podium verpasste, sagte er: «Ich war noch nie ein Athlet, der es mit der Brechstange versuchen wollte.» Er wolle normal fahren. Entweder reicht das oder es reicht nicht. «Und in Kitzbühel normal zu fahren, reicht in der Regel nicht.»

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 18.1.2026, 11 Uhr

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