Zum Inhalt springen
Audio
Meine Klänge, meine Stadt: Abidjan
Aus Kultur-Aktualität vom 11.07.2018. Bild: Susan Bavier
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 30 Sekunden.

Meine Klänge, meine Stadt Nähmaschinen im Stakkato: Der Sound von Abidjan

In der Elfenbeinküste kommt die Kleidung vom Schneider. Darum hört man überall die Nähmaschinen rattern – sogar nachts.

Tatiana Abbé beugt ihre bebrillte Nase tief über die Nähmaschine. Mit einem Tritt auf das Pedal unter ihrem Tisch geht das Rattern los. Jede Naht hallt in der kleinen Werkstatt wider.

Sobald ihre Kollegen weiter hinten im Zimmer mit der Arbeit beginnen, entfaltet sich ein Kanon der Nähmaschinen. «Bei uns ist es laut und es dröhnt. Aber das ist nun mal der Klang der Schneider», lacht sie über das Rattern hinweg.

Neue Kleidung von alten Maschinen

Tatiana Abbé arbeitet seit 15 Jahren als Näherin. Mindestens genauso alt ist auch ihre Nähmaschine. «Ivorische Schneider kaufen am liebsten gebrauchte Maschinen aus Frankreich. Die sind laut, aber zuverlässig und einfach zu reparieren», erklärt sie.

Alte Nähmaschine der Marke Viscount
Legende: In vielen ivorischen Schneidereien sind gebrauchte Nähmaschinen aus Europa im Einsatz. Susan Bavier

In den unzähligen Schneiderstuben Abidjans rattern Maschinen mit stabilem Stahlgehäuse, auf denen der Schriftzug Singer, Viscount oder Montgomery Ward steht. In Europa würde man Vintage dazu sagen.

Jedes Stück echte Handarbeit

Der Besuch beim Schneider ist in der Elfenbeinküste so normal wie der Gang zum Friseur. Der Weg zum neuen Rock oder Hemd ist ein langsamer Prozess: Stoff kaufen, Modell aussuchen, Mass nehmen, Anprobe. Slow Fashion.

«Der Schneider ist derjenige, der den Stoff erst richtig zur Geltung bringt. Es ist wichtig, einen guten Schneider zu haben», sagt Stoffverkäufer Mustapha Diaby.

Zwei Frauen in bunter Kleidung vor Regalen mit bunten Stoffen
Legende: Den Stoff für ihre Kleidung bringen die Kunden dem Schneider meist mit. Sie kaufen ihn in speziellen Stoffläden. Susan Bavier

Sein kleiner Verkaufsladen ist vollgepackt mit Ballen bunt gemusterter Baumwollstoffe. Die traditionellen und modernen afrikanischen Muster sind bei seinen Kunden besonders beliebt.

«Früher wollten die Ivorer Kleidung nach westlichem Vorbild. Doch das hat sich geändert. Selbst unsere Staatschefs tragen bei offiziellen Anlässen wieder afrikanische Designs. »

Für Hochzeiten, Schulanfang und Büro

Schneidermeister Marius Mapé lässt die Nadel durch einen dunkelblauen Stoff mit Eulenmuster tanzen. Das Stakkato seiner Nähmaschine mischt sich mit den Rufen der Nachbarskinder und dem Hupen der Taxis vor seinem kleinen Atelier. In der Elfenbeinküste gehört das unermüdliche Rattern zum öffentlichen Raum.

Meine Klänge, meine Stadt

Box aufklappen Box zuklappen

Welche Klänge begleiten den Alltag einer Stadt, einer Strasse, eines Platzes? Korrespondenten berichten aus allen Ecken der Welt über Töne, Klänge und Geräusche, die ihnen besonders im Ohr geblieben sind.

«Manchmal sogar nachts», erzählt der 51-Jährige. «Wenn viel los ist, dann gehen wir gar nicht erst nach Hause», ruft er. Für Feiertage, religiöse Feste und den Beginn des Schuljahres haben die Schneider am meisten zu tun.

Schneider ist Freund der Familie

Ein Schneideratelier kleidet oft die ganze Familie ein. «Wir Ivorer lieben es, uns gut anzuziehen. Wenn man einen guten Schneider gefunden hat, bleibt man ihm treu. Er ist wie ein Freund», erzählt Kossia Bertille. Die Frau im mittleren Alter holt gerade ein knöchellanges Kleid mit Trompetenärmeln ab. Sie will es zu einer Taufe anziehen.

Vor einer Schneiderei bügelt ein Mann ein Kleid
Legende: Schneider gehören in Abidjan zum Stadtbild. Man sieht und hört sie überall. Susan Bavier

Massgeschneiderte Kleidung können sich viele Menschen in der Elfenbeinküste leisten. Es ist kein Luxus wie in Europa. Einfache Herrenhemden gibt es ab umgerechnet 3.50 Franken. Inzwischen wächst in der Metropole Abidjan auch eine Designer- und Modeszene heran.

«Wenn die Nähmaschinen nicht mehr rattern, würde uns ein grosser Teil unserer Kultur fehlen», sagt Kossia Bertille zum Abschied. «Und wir hätten nichts anzuziehen», fügt sie lachend hinzu.

Meistgelesene Artikel