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Modernes Arbeiten und Leben Debatte um «Lifestyle-Teilzeit»: Was ist erfüllte Lebenszeit?

Immer mehr Menschen wollen ihr Pensum reduzieren, etwa für Familie oder mehr Lebenszeit – trotz Kritik angesichts des Fachkräftemangels und der stagnierenden Wirtschaft. Philosoph Udo Marquardt nimmt dazu Stellung.

Udo Marquardt

Philosoph und Autor

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Udo Marquardt (Jg. 1959) hat Philosophie in Heidelberg, Luzern und Freiburg i. Br. studiert, wo er mit einer Arbeit über die aristotelische Zeittheorie promoviert hat. Seit fast 30 Jahren schreibt er für den Hörfunk über Philosophie. Zu seinen Veröffentlichungen zählen «Zeit und Mensch - Facetten einer Kulturgeschichte», «Die Einheit der Zeit bei Aristoteles», «Bedrohung Islam? Christen und Muslime in der Bundesrepublik Deutschland», «Spaziergänge mit Sokrates» sowie zahlreiche Krimis. Zusammen mit seiner Frau Sabine Marquardt-Spitzlei betreibt er den Blog theophil.online.

SRF: Was halten Sie von der Kritik an der sogenannten «Lifestyle-Teilzeit»?

Udo Marquardt: Die Diskussion über weniger Arbeit, etwa über eine 4-Tage-Woche, finde ich völlig in Ordnung. Für mich hat das nichts mit Arbeitsverweigerung zu tun. Auch nicht damit, dass Junge – im Gegensatz zur leistungsorientierten Babyboomer-Generation – weniger arbeiten wollen. Es hat viel mehr mit der Frage zu tun: Wie viel möchte ich mir leisten? Brauche ich all das Geld – oder wäre mein Leben nicht besser, wenn ich weniger hätte, weil ich weniger arbeite, aber dafür andere Dinge tun kann, mir erfüllte Zeit leiste?

Was ist denn erfüllte Zeit?

Das ist Zeit, an die ich mich gerne zurückerinnere, die in meinem Gedächtnis haften bleibt, mich glücklich macht, in irgendeiner Weise einen Sinn für mich hat. Das ist nicht unbedingt das Meeting vom 7. Oktober, 9:30 Uhr morgens. Aber das ist vielleicht die Geburt der eigenen Tochter. Das ist vielleicht ein Musikkonzert, das man gehört hat. Das sind Augenblicke, die man nicht vergisst. Man steht da drin in diesem Konzert und man vergisst völlig die Zeit und ist nur noch im Augenblick.

Die Zeit-Frage für mich eine Sinnfrage: Was ist der Sinn deines Lebens?

Sie verbinden Zeit auch mit dem Sinn unseres Lebens.

Wer möchte ich gewesen sein? Das ist doch die Frage. Wie möchte ich gelebt haben? Das ist, glaube ich, etwas, was auch in gewisser Weise eine Antwort darauf gibt, was eigentlich der Sinn unseres Lebens gewesen ist. Die Zeit-Frage für mich eine Sinnfrage: Was ist der Sinn deines Lebens? Und die Antwort darauf ist dann eben das, wie du gelebt hast.

Sie sagen, Rituale spielen eine wichtige Rolle. Inwiefern?

Es fing damit an, dass ich mich mit meiner Frau darüber unterhielt, dass ich gerne ein Buch über «Zeit» schreiben würde, weil mich dieses Thema ein ganzes Leben lang beschäftigt. Nach einem 8-Stunden-Tag war ich allerdings jeweils zu müde, um noch an einem Buch zu schreiben.

Manchmal braucht es Disziplin, um erfüllende Zeit überhaupt zu schaffen.

Da hat meine Frau gesagt: Dann musst du es morgens machen, bevor du zur Arbeit gehst. Ich hielt das vorerst für eine ganz schlechte Idee. Doch dann habe ich mir angewöhnt, um 6 Uhr aufzustehen und zu schreiben. Ich habe das als zutiefst beglückende Zeit empfunden. Manchmal braucht es Disziplin, Selbstüberwindung, Selbstkontrolle, um diese Dinge, die mir sehr wichtig sind, um diese erfüllende Zeit überhaupt, zu schaffen. Paradoxerweise müssen wir uns ein bisschen dazu zwingen, die Zeit so zu verbringen, dass sie wirklich erfüllt ist. Wenn wir uns nur treiben lassen und auf dem Smartphone hängenbleiben, dann ist es vielleicht im Moment ganz angenehm, aber im Nachhinein ist da diese Leere.

Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einem «Weltverlust», dem Gefühl, dass Menschen keine lebendige Beziehung mehr zur Welt haben, keine Resonanz erfahren?

Die moderne Gesellschaft hat die Zeit zu einem «Fetisch» gemacht, einem abstrakten Ding, dem wir uns unterordnen. Es gibt das Buch von Marianne Gronemeyer mit dem passenden Titel «Das Leben als letzte Gelegenheit». Wenn dieses Leben alles ist, was wir haben, dann muss ich aber auch alles reinpacken, was ich irgendwie kriegen kann. Aber die glücklichen Momente sind doch, auch laut Rosa, die, wo etwas da draussen so stark auf uns wirkt, dass es uns überwältigt, wo wir uns öfter mal anrufen lassen von der Welt und nicht immer verfügbar sind für die Ablenkung, sondern verfügbar für die Welt.

Das Gespräch führte Yves Bossart.

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Buchhinweise

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  • Udo Marquardt: «Zeit und Mensch. Facetten einer Kulturgeschichte». Schwabe Verlag, 2024.
  • Hartmut Rosa: «Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung». Suhrkamp Verlag, 2016.
  • Marianne Gronemeyer: «Leben als letzte Gelegenheit». Verlag WBG, 1993.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 17.5.2026, 11:00 Uhr ; 

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