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Schicksalsfrage Kinderkriegen Ein Kind verändert alles – und genau darin liegt das Problem

Die Entscheidung für ein Kind lässt sich nicht logisch herleiten. Ein Paar und eine Philosophin zeigen: Klarheit ist bei der Kinderfrage keine Garantie. Eine Geschichte über Wandel, Unumkehrbarkeit und die Akzeptanz der Ambivalenz.

«Lange Zeit konnte ich mir gar nicht vorstellen, ein Kind zu bekommen. Mit Michael hat sich das auf einmal geändert, zu meiner eigenen Überraschung», sagt Irina lachend. Sie und ihr Partner sitzen am Esstisch in ihrem sonnigen Wohnzimmer. Kater Simba streicht den Anwesenden maunzend um die Beine.

«Seit Michael und ich ein Paar sind, nehme ich den Wunsch körperlich wahr.» Die beiden sind Mitte 30, wohnen in einem Dorf im Kanton Aargau, und sind seit zwei Jahren hin- und hergerissen: Sollen wir? Oder sollen wir nicht?

«Zum einen ist da diese schöne Vorstellung, das Bild einer Familie. Der Wunsch, auch im Alter nicht alleine zu sein», so Michael. «Und zum anderen», wirft Irina ein, «geht bei mir das Gedankenkarussell los: die Geburt, Betreuung, Finanzen, Stress …»

Die Natur entscheiden lassen

Irina fuhr letztes Jahr alleine in die Ferien, um sich Klarheit zu verschaffen. «Warum will ich eigentlich Kinder? Warum nicht? Auf der Pro-Seite steht ehrlich gesagt ganz wenig.» Sie bleibt ambivalent.

Bei aller Unsicherheit: Während einer gemeinsamen Wanderung kommt der Moment, in dem Michael und Irina beschliessen, «die Natur entscheiden zu lassen». Irina wird schwanger. Die Freude ist da, die Angst auch – die Ambivalenz bleibt bis heute.

Zwei Personen bei Sonnenuntergang auf einer Wiese.
Legende: Zwischen Nähe und Ungewissheit: Viele Paare erleben die Kinderfrage nicht als klare Entscheidung, sondern als ein diffiziles Abwägen. Depositphotos/alexkich

Die Ambivalenz in der Kinderfrage scheint weitverbreitet zu sein. Die tiefe Geburtenrate in der Schweiz gibt Hinweise darauf. «Es ist wirklich etwas verwirrend. Bei der Frage hat man den Eindruck, dass eine Pro- und Kontra-Liste gar nicht hilft», sagt die Philosophin Barbara Bleisch.

Sich bei einer so gewichtigen Entscheidung keine Gedanken zu machen, wäre aber komisch.
Autor: Barbara Bleisch Moderatorin der Sternstunde Philosophie

In ihrem 2020 erschienenen Buch «Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung» sinniert Bleisch über die Kinderfrage. Die Frage nach eigenen Kindern analytisch und rational zu beantworten, sei eigentlich eine Sache, die man gar nicht wirklich entscheiden könne. «Sich bei einer so gewichtigen Entscheidung keine Gedanken zu machen, wäre aber komisch.»

Eine Frage wie keine andere

Drei Elemente machen die Frage so schwierig, führt die Philosophin aus. Zum einen sei da die Exklusivität: «Man kann nur entweder Vater sein oder nicht. Man kann nicht zwei Tage pro Woche Mutter sein.

Ein bisschen Elternsein gibt es nicht. Das löst sich zum Teil etwas auf mit Patchworkfamilien oder Freundesverbünden, die eine gemeinsame Elternschaft erwägen. Aber eigentlich gilt bei der Frage: alles oder nichts.»

Das zweite Element, das die Frage einzigartig macht: Sie ist unumkehrbar. Ein Kind kann man grundsätzlich in einer bestimmten Frist zur Adoption freigeben. «Aber diesen Gedanken macht man sich ja im Normalfall nicht, wenn man sich überlegt, Kinder zu kriegen oder nicht.» Vater und Mutter bleibt man ein Leben lang. «Man bleibt es auch, finde ich, wenn ein Kind stirbt. Man ist dann eine Mutter, die ein Kind verloren hat.»

Buchhinweis

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Barbara Bleisch, Andrea Büchler: «Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung». Hanser, 2020.

Zum Dritten ist Elternschaft unvorhersehbar. Sie ist eine transformative Erfahrung: «Ich werde zu einer anderen Person, indem ich dieses neue Leben lebe», so Bleisch. «Normalerweise bereiten wir uns vor, bevor wir entscheiden: Was spricht dafür, was dagegen? Eine rationale Entscheidung treffe ich, wenn ich basierend auf diesen Gründen entscheide. Aber wenn das stimmt mit der transformativen Erfahrung, ist das bei der Kinderfrage gar nicht möglich.»

Die Kinderfrage – eine ewige Ambivalenz? Ein gesellschaftliches Dilemma? Eine philosophische Sackgasse? Barbara Bleisch schlägt vor, sich gar nicht für oder gegen Kinder entscheiden zu wollen – sondern für eine abgeänderte persönliche Frage, die man sich selbst stellen kann.

Innere Klarheit?

«Probieren wirs?» «Ja, wir probierens!» Als Irina nach einigen Monaten schwanger wird, sind die beiden sprachlos. Überwältigt. «Wir lagen mit dem Schwangerschaftstest auf dem Bett und haben geschrien – schwankend zwischen Angst und Freude.»

«Ich hatte gedacht, wenn ich erst mal schwanger wäre, hätte ich innere Klarheit», erinnert sich Irina. «Aber das Gefühl der Ambivalenz blieb.» Auch für Michael ist die Situation überfordernd. «Für mich war es schwierig, dass ich nicht wusste, was ich machen sollte. Möglichst unterstützen, aber wie?»

Zurück auf Feld eins

Die Gynäkologin stellt bei der Untersuchung in der elften Schwangerschaftswoche fest, dass die Herztöne fehlen. Die beiden verlieren das Baby. «Es ist eine Trauer da, aber auch eine Erleichterung», sagen die beiden. Irina fühlt sich wieder wohl. Sicher auf dem bekannten Gleis, auf dem sie durchs Leben fährt, wie sie beschreibt.

Frau mit roten Haaren, Sonnenlicht im Gesicht, daneben kariertes Hemd.
Legende: Freude, Trauer, Erleichterung: Auch nach prägenden Erfahrungen verschwindet das Gefühl innerer Unentschiedenheit nicht zwingend. Depositphotos/Scharfsinn

«Wir sind zurück auf Feld eins», sagt sie, und mit Blick zu Michael: «Aber gell, das heisst nicht, dass wirs gleich nochmals probieren mit dem Schwangerwerden.» Die beiden schmunzeln. Ja, Michael ist sich dessen bewusst: Es dreht sich weiter im Kreis, das Gefühlskarussell. Das Bedürfnis nach Klarheit und Eindeutigkeit ist sein Wunsch.

Familienpolitik und Geburtenrate

Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen eigene Kinder. Der Trend erstreckt sich weit über die Schweiz hinaus über zahlreiche europäische Staaten und über grosse Teile des globalen Nordens.

Welchen Einfluss hat dabei die Familienpolitik auf die Geburtenrate? Die Frage ist schwer zu beantworten. Barbara Bleisch erinnert daran, dass bei der Interpretation von Massnahmen im internationalen Vergleich Vorsicht geboten sei, weil man die Faktoren nicht eins zu eins übertragen könne. Eindrücklich ist dennoch der Blick nach Finnland, Vorreiter der modernen Familienpolitik.

Der Geburtenrückgang in der Schweiz

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Heute ist die Geburtenrate auf dem tiefsten Stand, der in der Schweiz je verzeichnet wurde – bei knapp 1.3 Kindern pro Frau. Die Faktoren, die den Geburtenrückgang beeinflussen:

  • Abnahme des Kinderwunsches
    Bei Personen zwischen 20 und 39 Jahren ist über die vergangenen Jahre der Kinderwunsch deutlich zurückgegangen, um bis zu 16 Prozent.
  • Erwartete Lebensfreude
    Verglichen mit 2013 glauben heute deutlich weniger junge Menschen, dass Kinder sich positiv auf die eigene Lebensfreude auswirken – und auf die Qualität der Beziehung zur Partnerin, zum Partner.
  • Erwartete Auswirkungen eines Kindes
    Vor allem Frauen befürchten, schlechtere Aussichten im Job zu haben, wenn Kinder kommen: 62 Prozent. Unter Männern sind die Sorgen deutlich weniger verbreitet: 40 Prozent sorgen sich um Job und berufliche Perspektiven.

Quelle: BfS. «Rückgang der Geburtenhäufigkeit». November 2025

Das Land kennt eine Elternzeit von 320 Tagen. Der Staat sichert jedem Baby ab Geburt einen subventionierten Kita-Platz. Für die Betreuung zu Hause gibt es, bis das Kind drei ist, eine staatliche Entschädigung. Die Geburtenrate in Finnland? Noch etwas tiefer als in der Schweiz, bei 1.26 Kindern pro Frau.

Warum läuft Familienpolitik ins Leere? Ein Teil der Antwort liegt in einer kinderunfreundlichen Gesellschaft, sagt Barbara Bleisch: «Man weiss: Kinderfrust ist ansteckend, Kinderlust auch.»

Im ÖV zum Beispiel sähen Menschen eher quengelnde Kinder. «Auf Spielplätzen aber, wo Menschen ohne Kinder selten sind, sieht und hört man auch, was da unter Kindern für eine fröhliche Stimmung herrscht.»

Ein Akt radikaler Hoffnung

Dazu kommen Zukunftsängste und Meta-Faktoren: Für viele Menschen sind die Aussichten nicht rosig: neue Kriege, die Klimaerwärmung, die ungewissen Auswirkungen von KI. Mit mehr Geld nach der Familiengründung alleine sei Menschen mit diesen Sorgen nicht geholfen, so Bleisch. «Da bräuchte es ein anderes Verhältnis zur Zukunft.»

«Ein Kind zu bekommen, ist aber auch – mit Hannah Arendt gesprochen – ein Akt von radikaler Hoffnung, dass es besser werden kann. Von jeder Person, die zur Welt kommt, kann eine soziale Revolution ausgehen. Es kann auch ein neuer Krieg von ihr ausgehen, aber es gibt auch die Möglichkeit neuer Funken, neuer Utopien.»

Die Klarheit kommt vielleicht nie

Barbara Bleisch bündelt den Zweifel rund um die Kinderfrage: «Leben ist ambivalent, generell. Und das gilt auch für die Kinderfrage. Man kann auch nach dem Kinderkriegen innerlich von der Haltung abkommen, das sei hundertprozentig die richtige Entscheidung gewesen. Ambivalenz ist eigentlich die richtige Haltung dem Leben gegenüber.»

Schwangere Frau und Kind spazieren auf einem Feld.
Legende: Für manche ist Elternschaft ein Schritt voller Gewissheit – für andere bleibt sie ein offenes Versprechen an die Zukunft. Getty Images/Chev Wilkinson

Es gibt Menschen, die sich sicher sind in der Kinderfrage, wie Fabiana. «Ich will unbedingt ein drittes Kind. Mein Mann hingegen hat sehr viele gute, rationale Argumente dagegen. Verargumentieren kann ich den Wunsch nicht. Es ist einfach ein Gefühl der Liebe und der Wunsch, ein drittes Menschenleben zu schenken.»

Anderen hilft vielleicht nach der «unbeantwortbaren» Kinderfrage eine neue, so Barbara Bleisch: «Die wichtige Frage von Laurie A. Paul [Professorin für Philosophie und Kognitionswissenschaften, Anm. d. Red.] ist eigentlich: Habe ich Lust, mich auf das prägende Abenteuer ein- und mich verändern zu lassen – oder nicht?»

Michael kommt zum Schluss: «Der Wechsel zwischen Ja und Nein, der bleibt ja sowieso. Ob man jetzt Kinder hat oder nicht. Wenn man keine Kinder hat, fragt man sich, wies wäre mit – und umgekehrt.» Er lacht: «Da kann man ja genauso gut auch Kinder haben.»

Radio SRF 3, Input, 26.4.2026, 20 Uhr; noes;brus

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