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eine Frau läuft durch einen Wald
Legende: Einfach mal abtauchen: Das geht nicht nur im blauen Wasser, sondern auch im grünen Dickicht des Waldes. Getty Images / Enrique Díaz / 7cero (bearbeitet)
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Sommer vor der Tür «Unser Nervensystem fährt im Wald herunter»

Wer will in die überfüllte Badi, wenn man auch im Wald baden kann: Eintauchen in die Natur mit allen Sinnen.

Zu heiss, zu eng, Viren-Paranoia: Diesen Sommer kriegt mich keiner in die Badi. Zur entspannenden Oase habe ich den kühlen Wald auserkoren. Jede Woche ziehe ich deshalb los, um joggend, wandernd oder spazierend meinen Kopf freizubekommen. Liegt ja im Trend, das Baden im Wald.

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Aus dem Archiv: Waldbaden im Toppwald bei Konolfingen
Aus Kultur Extras vom 05.10.2018.
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Auch in der Schweiz wird Waldbaden in Workshops angeboten, bei denen die Natur zum Zwecke der Gelassenheit mit allen Sinnen erlebt werden soll.

Nur: Tut's nicht auch ein normaler Spaziergang? Und wie funktioniert das alles in Zeiten von Corona? Das weiss Zoë Lorek, Leiterin des Waldbaden Institut Schweiz.

Zoë Lorek

Zoë Lorek

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Zoë Lorek ist zertifizierte Kursleiterin für Waldbaden und Leiterin des Waldbaden Instituts Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster, das 2019 gegründet wurde.

SRF: Sie bieten Ihre Waldbaden-Kurse seit Corona auch online an. Wie muss man sich das vorstellen?

Zoë Lorek: Die Teilnehmenden bekommen jede Woche Anleitungen zum achtsamen Schlendern im Wald, Meditieren und Atemübungen als Audiofiles geschickt. Als Ergänzung gibt’s Texte zum Download.

Das Ganze ist entstanden, weil mich eine Frau gebeten hat, das angeleitete Waldbaden auch während des Lockdowns weiterzuführen. Ihr ging es nicht gut und sie sehnte sich nach Ruhe und Stabilität.

Waldbaden: Was ist das?

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Waldbaden kommt aus Japan und wird dort «Shinrin Yoku» («Bad in der Atmosphäre des Waldes») genannt. Wirklich gebadet wird aber nicht: Die Achtsamkeitspraxis ist vielmehr ein Schlendern durch die Wälder, das mit angeleiteten Wahrnehmungs- und Atemübungen, Meditationen und Bewegungen aus dem Qigong für Entspannung sorgen soll.

In Japan wird Shinrin Yoku seit 1982 vom staatlichen Gesundheitswesen gefördert. Seit 1990 werden in Experimenten die physiologischen Auswirkungen des Waldbadens untersucht. 2012 wurde sogar ein eigener medizinischer Forschungszweig dafür gegründet: «Forest medicine».

In der Schweiz bieten einige Einrichtungen seit 2019 eine Ausbildung zum Waldbade-Coach an und die Einsteiger-Kurse für Waldbade-Neulinge boomen.

Ich habe noch nie so viele Menschen im Wald getroffen, wie in den vergangenen drei Monaten. Warum?

Ja, ich glaube wir spüren mehr denn je, dass der Wald ein wohltuender Rückzugsort ist. Die Luft ist frisch, die Temperaturen angenehm. Unser Nervensystem fährt dank der Terpene – das sind von den Bäumen ausgestossenen Duftstoffe – herunter.

Das gedämpfte Licht, die Farben, die Geräusche der Blätter und umliegenden Gewässer unterstützen den entspannenden Effekt.

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«Waldbaden»: Mediziner Qing Li sagt, der Wald schütze vor Krebs
Aus Einstein vom 29.06.2017.
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Japanischen Studien zeigen sogar, dass sich aufgrund der eingeatmeten Terpene die Anzahl der immunstärkenden Killerzellen im Körper um 40 Prozent erhöht – und das bereits nach einem Tag im Wald.

Würde mir denn ein professionelles Waldbad noch besser bekommen als mein normaler Spaziergang?

Es kommt darauf an, welche Bedürfnisse Sie haben: Wollen Sie aus einem Gedankenkarussell aussteigen oder sich eher verausgaben? Der grösste Unterschied zwischen einem Spaziergang und dem Waldbad liegt darin, dass der Fokus beim Baden auf Entschleunigung und Achtsamkeit liegt.

Der Wald ist ein wohltuender Rückzugsort.

Dank dem sehr langsamen Gehen können Ihre Sinne mehr wahrnehmen als bei einem Spaziergang. Das führt zu nachhaltiger Regeneration.

Aber auch nach einem Waldspaziergang fühlen sich Sorgen oft kleiner an. Woran liegt das?

Beim Gehen kann der Blick schweifen. Wir entdecken einen geknickten Ast, berühren ein flauschiges Blatt oder hören das Plätschern eines Baches. Diese unterschiedlichen Sinneseindrücke aktivieren den Parasympathikus, den Teil unseres Gehirns, der für Entspannung zuständig ist.

In 10 Schritten zum Waldbad

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  • Bevor es losgeht: Ziehen Sie bequeme Kleidung, die Sie vor Sonne und Zecken schützt an und schalten Sie Ihr Handy auf Flugmodus.
  • Sobald Sie den Wald betreten, verlangsamen Sie Ihre Schritte. Zu Beginn ist das vielleicht eine Herausforderung – versuchen Sie sich darauf einzulassen.
  • Verfolgen Sie kein Ziel. Was zählt, ist das Geniessen des Moments und die Präsenz im Hier und Jetzt.
  • Wenn Sie sich müde fühlen, setzen oder legen Sie sich hin und ruhen aus. Wenn Sie etwas betrachten möchten, nehmen Sie sich dafür Zeit. Hören Sie einen Moment den Waldgeräuschen zu. Nehmen Sie bewusst die Düfte des Waldes wahr.
  • Atmen Sie, etwas langsamer als sonst, 10 Mal ein und aus.
  • Achten Sie auf Ihre Gedanken und versuchen sich auf Ihre Umgebung zu konzentrieren: Was sehe ich? Was höre ich? Was rieche ich?
  • Nehmen Sie ein Mini-Picknick mit und essen Sie die ersten 10 Bissen bewusst langsamer als sonst.
  • Gehen Sie Ihren Impulsen nach: Vielleicht möchten Sie sich an einen Baum anlehnen oder sich auf den Waldboden legen?
  • Gibt es einen Gegenstand, den Sie gerne als Andenken mitnehmen möchten?
  • Beenden Sie Ihre Waldbade-Erfahrung mit einem inneren «Danke». Nehmen Sie noch einmal einen tiefen Atemzug und treten Sie gestärkt in den Alltag.

Welche Stellen im Wald eignen sich besonders gut für ein Bad?

Mitten im Wald und ziemlich genau auf der Höhe unserer Nase ist die Terpen-Konzentration am höchsten. Das zeigen Untersuchungen des japanischen Umweltimmunologen Qing Li. Vor allem im Sommer und nach einem Regenschauer ist das so.

Beim Waldbaden nehmen die Sinne viel mehr wahr als sonst.

Mischwälder bieten natürlich am meisten Abwechslung fürs Auge, ein Bach in der Nähe sorgt für eine spannende Geräuschkulisse. Der Wald sollte auch nicht zu steil liegen, weil es beim Waldbaden nicht um das Erbringen einer Leistung geht. Grundsätzlich ist aber jeder Aufenthalt im Wald gut für uns.

Geschichten aus dem Schweizer Wald

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Könnte ich theoretisch auch im Stadtpark waldbaden?

Selbstverständlich! Meiner Erfahrung nach ist es aber einfacher, wenn Sie davor bereits ein paar Mal die entspannende Wirkung des Waldbadens in einem stillen Wald für sich entdeckt haben. Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf können Sie den Lärm der Stadt viel besser ausblenden.

Das Gespräch führte Gina Buhl.

Serie: Sommer vor der Tür

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