Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Michael Köhlmeier über das Strache-Video abspielen. Laufzeit 04:48 Minuten.
Aus Kultur-Aktualität vom 22.05.2019.
Inhalt

Strache-Affäre «Es läuft auf die Zerstörung des Staates hinaus»

Ein zwei Jahre altes Video aus Ibiza taucht auf und stürzt Österreich kurz vor der EU-Wahl ins politische Chaos. Was jetzt? Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier über die Folgen für den Rechtspopulismus und die Gefahren für die Demokratie.

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier

Schriftsteller

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der Österreicher Schriftsteller Michael Köhlmeier (geb. 1949 im Vorarlberg) studierte zunächst Germanistik und Politikwissenschaften. Anschliessend absolvierte er ein Zweitstudium in Mathematik und Philosophie. Bereits während seines Studiums wurde er als Autor von Hörspielen für den Österreichsichen Rundfunk bekannt.

Heute ist er vorallem für seine Prosa bekannt. Seine letzten beiden Werke «Bruder und Schwester Lenobel» und «Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle» erschienen 2018.

SRF: Was war das genau, Herr Köhlmeier: ein Drama, eine Groteske oder ein Staats-Drama?

Michael Köhlmeier: Zunächst ist es einmal eine Groteske. Was über dieses Video herausgekommen ist, ist eigentlich nur zum Lachen.

Der Zusammenbruch einer ganzen Regierung, den das Video nach sich gezogen hat, ist in dem Sinne ein Drama oder schon fast eine Tragödie, dass man das eigentlich alles schon vorhergesehen hat.

Es ist fast so wie bei einer Ehe, die Schritt für Schritt in ein Chaos mündet.

Es ist auch ein Drama, weil jetzt die Politik in Österreich bei vielen Menschen vollkommen in Misskredit geraten ist. Und es ist gefährlich, weil die Leute alle in einer Demokratie aufgewachsen sind.

Wenn sie jetzt politikmüde sind, dann sind sie jetzt eventuell auch demokratiemüde. Das wäre fatal.

Wie schätzen Sie denn die Art und Weise ein, wie das aufgedeckt wurde? Ist das denn demokratischer?

Es ist sicher zweifelhaft. Das Schlimme daran ist, dass es auf andere Art und Weise offensichtlich nicht gegangen ist.

Das heisst nicht, dass das deswegen ein legaler Weg wäre. Aber zumindest werden wir dadurch ermahnt: Wir sollten nicht darauf warten, bis wir durch so einen Aktionismus herausfinden, was wir eigentlich anrichten, wenn wir uns immer mehr an illiberale Dinge gewöhnen.

Dass man sich lieber den Schurken zuwendet, weil man glaubt, man wird durch die vertreten, das ist das Hauptproblem.

Es ist fast so wie bei einer Ehe, die Schritt für Schritt in ein Chaos mündet. Und dann, wenn plötzlich Schluss ist, sieht man, was man eigentlich alles angerichtet hat.

Ist das der Anfang des Niedergangs der FPÖ oder erholt sie sich davon?

Ich würde gerne sagen, es wäre der Anfang des Niedergangs der FPÖ. Aber die FPÖ ist nicht das Problem. Das Problem sind die Leute, die sie gewählt haben. Das sind ja keine Nazis oder Schurken.

Aber man muss sich schon fragen: Was hat geschehen können, dass diese Leute sich von Schurken mehr vertreten fühlen als von anderen Leuten.

In der heutigen Gesellschaft gibt es viele Menschen, die sich schämen.

Auch Robin Hood ist in einer gewissen Weise ein Schurke. Und dass man sich lieber den Schurken zuwendet, weil man glaubt, man wird durch die vertreten, das ist das Hauptproblem.

Wie kann man die in ein demokratisches Boot zurückholen?

Ich glaube nicht, dass diese Menschen antidemokratisch sind. Im Gegenteil. Die würden sich selbst auch zur Demokratie zählen, aber vielleicht glauben, dass man sie vergessen hat.

Es muss halt eine gewisse Zeit haben, bis man sich dieses Skandals bewusst wird.

Wenn man heute sagt, dass man sich für die «Armen» einsetzt, dann fühlen sich diese Menschen vielleicht als Versager gebrandmarkt und werden einem nicht folgen, weil sie sich schämen.

In der heutigen Gesellschaft gibt es viele Menschen, die sich schämen, weil sie in diesem rasanten Gewebe nicht mehr mitkommen und keinen Halt finden können. Und dann sucht man sich vielleicht die Schurken.

Wir stehen kurz vor der Europawahl. Kann das Ganze der Anfang sein des Niedergangs des Rechtspopulismus in Europa?

Ich glaube schon. Es braucht halt eine gewisse Zeit, bis man sich dieses Skandals bewusst wird. Im Augenblick schaut halt einfach ganz Europa auch nach Österreich. Dort wird jetzt im Kleinen vordemonstriert, was Rechtspopulismus anrichten kann.

Wenn man sich dieses Video genau anschaut und sich vor Augen hält, was in der Vergangenheit an Abbau von Demokratie da war, dann weiss man: Diese Politik läuft auf die Zerstörung des Staates hinaus.

Die Fragen stellte Michael Luisier.

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Konrad Schläpfer  (Koni)
    Da hat man zwei Übeltätern- damals noch nicht in Regierungsverantwortung - eine Falle gestellt in die prompt getrampelt sind. Dass die Herren ihrer Ämter enthoben wurden ist selbstverständlich. Da aber von Abbau der Demokratie oder gar Zerstörung des Staates zu reden scheint mir doch sehr übertrieben. Da sehe ich naher Vergangenheit doch viel schwerwiegendere Fehler die eher der Staatszerstörung nahe kommen. Z.B. die unkontrollierte Masseneinwanderung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Andreas Eigenmann  (Andreas Eigenmann)
    Natürlich ist das eine Katastrophe, aber ich schliessen mich Pedro Neumann an: jetzt werden alle Politiker „rechts der Mitte“ diskreditiert und das ist natürlich für SRF (links der Mitte) ein gefundenes Fressen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Die Poltik macht wieder einmal Nägel mit Köpfen, aber egal wieviele Nägel sie in den Himmel hämmert, es sind nur Nägel im Himmel? Gute Politik wird jedoch durch Menschen gemacht die ihr Ego durchschauen, und eher den Boden bearbeiten als das Papier.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen