Ein bescheidenes Holzhaus gleich hinter der «Annaassisitta Oqaluffia» – der ältesten Kirche im Land aus dem Jahre 1758 – ist das Hauptquartier der grönländischen Kirche: die Audienz bei Bischöfin Paneeraq Siegstad Munk findet nach einem Aufstieg über eine knarrende Holztreppe im zweiten Stock statt.
«Wir sind eine echte Volkskirche», erklärt Munk zu Beginn der Begegnung: «Über 90 Prozent der Bevölkerung gehören unserer Kirche an.»
Die 49-jährige Mutter von zwei Teenagersöhnen wuchs im Fischerdorf Attu gut 350 Kilometer nördlich von Nuuk auf: «Als wir Kinder älter wurden, zogen wir ins 90 Kilometer entfernte Nachbardorf um, wo es eine Schule gab. Ich war später die Erste in unserer Familie, die ein Studium beginnen konnte.»
Verbindende Spiritualität
Paneeraq studierte Theologie an der 1987 gegründeten grönländischen Universität in Nuuk – und wurde mit 27 Jahren zur Pfarrerin in der kleinen Stadt Ittoqqortoormiit an der Ostküste geweiht.
Seit ihrer Wahl zur Bischöfin hat Paneeraq Siegstad Munk dafür gearbeitet, den durch den norwegisch-dänisch Missionaren Hans Egede vor über drei Jahrhunderten auf die grösste Insel der Welt gebrachten christlichen Glauben mit der starken Inuit-Spiritualität zu versöhnen: «Ein wichtiger Schritt dazu ist die Öffnung des Gottesdienstes für lokale Bräuche und Tradition entlang der langen grönländischen Küste», betont die engagierte Kirchenfrau und zeigt auf einer grossen Karte in ihrem Büro, wo ihre Kirche vertreten ist: «Fast überall, wo Menschen leben».
Während das koloniale Erbe der dänischen Zeit – und nicht zuletzt die Verbrechen unter Kopenhagens Kontrolle – noch längst nicht abschliessend aufgearbeitet worden ist, hat die geopolitische Krise der letzten Monate die Rolle der Bischöfin noch einmal stark verändert: «Als wir Anfang Jahr Angst bekamen, dass die USA unser Land allenfalls auch mit Gewalt übernehmen könnte, schrieb ich auf meiner Seite bei Facebook, dass Grönland nicht zum Verkauf stehe und die Menschenrechte und das Völkerrecht respektiert werden müsse», erinnert sie sich.
Letztes Wort noch nicht gesprochen
Das Echo war überwältigend: «Innerhalb weniger Stunden und Tage kamen Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt». Von Bischofskonferenzen in Europa und Nordamerika, dem globalen Ökumenischen Rat der Kirchen und selbst aus dem Vatikan.
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Bild 1 von 2. Flaggen befreundeter Staaten im Stadtzentrum der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Bildquelle: SRF/Bruno Kaufmann.
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Bild 2 von 2. Die Hans Egede Kirche liegt im Zentrum von Nuuk. Sie wurde anlässlich des 250‑jährigen Jubiläums der Gründung von Hans Egedes Mission geweiht. Bildquelle: SRF/Bruno Kaufmann.
In Grönland ist der erste Stress über eine bevorstehende Aktion der USA gegen das Land in diesem Frühjahr etwas abgeklungen. Im Gespräch weist Bischöfin Munk jedoch darauf hin, dass der US-Präsident an seinem Übernahme-Diskurs gegenüber der arktischen Inuit-Nation festhält: «Wir sind ein kleines Volk, aber wir sind nicht unsichtbar. Unsere Zukunft darf nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden werden», betont die Kirchenführerin in Nuuk.