Der sechsjährige Gian steuert auf dem Handy eine animierte Figur durch ein Labyrinth. Wahnwitzig schnell schiesst der im Berner Seeland beheimatete Bub sich den Weg frei. «Mit dem grünen Rauch kann man tot werden», erklärt er, ohne den Kopf zu heben.
Wie viele Kinder im Primarschulalter liebt Gian «Brawl Stars». Er könnte das Handygame den ganzen Tag spielen. Aber plötzlich stellt das Spiel ab. Die dreissig Minuten tägliche Bildschirmzeit sind um. Seine Mutter Lea S., die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, sagt ganz ruhig: «Leg bitte das Handy weg.» Gian tut es – widerwillig und mit einem leisen Grummeln.
«Das ist also nicht immer so», ruft in diesem Moment sein elfjähriger Bruder Damian von der anderen Seite des Küchentisches: «Meine jüngeren Brüder schreien oft: «Warte! Warte! Nur noch diese Runde!» Dann betteln sie weiter und wollen nicht ins Bett.»
Mutter Lea nickt und sagt: «Es ist tatsächlich oft sehr anstrengend und auch ermüdend! Fast täglich gibt es Diskussionen oder Streit.»
«Streit gehört dazu»
52 Prozent der Familien mit minderjährigen Kindern streiten gelegentlich über die Bildschirmdauer, sagt der Axa Cybersorgenmonitor von 2025.
Damit kennt sich auch Beat Richert aus, Medienpädagoge und Vater zweier Söhne. «Streit gehört dazu und ist unvermeidbar», sagt er, «wie in anderen Bereichen der Erziehung auch».
Die eine Lösung, um Streit zu vermeiden? «Gibt es nicht», sagt der Medienpädagoge. Aber er kennt Mittel, um Konflikte zu mildern: «Es hilft, wenn Eltern ihren Kindern offen erklären, dass Zeitlimits nicht böse gemeint sind, sondern dem Schutz dienen.»
«Regeln sind das zentrale Werkzeug»
Ein anderes bewährtes Mittel: Regeln. Welche Regeln gelten sollen, muss jede Familie für sich selbst entscheiden. Denn jede Familie hat ihre eigenen Werte und jedes Kind ist anders.
Aber Beat Richert weiss, was hilft, damit die vereinbarten Regeln auch wirklich greifen: ein Mediennutzungsvertrag. Und zwar sobald ein Kind zum ersten Mal digitale Medien nutzt. «Kinder realisieren durch solche Verträge, dass es Gefahren gibt, die sie ernst nehmen müssen. Und dass die Eltern immer das letzte Sagen haben.»
Gemeinsam Regeln aufstellen
Diese Mediennutzungsverträge finden sich im Netz und lassen sich per Drag and Drop ausfüllen. «Eltern sollten Regeln gemeinsam mit dem Kind aufstellen. Es ist erstaunlich – Kinder geben sich selbst oft weniger Bildschirmzeit, als man erwartet», erklärt Richert.
Doch gute Regeln nützen wenig, wenn Eltern sie nicht konsequent umsetzen: «Wenn Eltern beim zweiten oder dritten Mal nicht konsequent sind, haben sie die Glaubwürdigkeit gegenüber dem Kind verspielt, und dann wird es schwierig, die Regeln durchzusetzen.» Konsequenz sei eine der grossen Herausforderungen für Eltern, weiss Beat Richert «und nicht nur gegenüber dem Kind, sondern auch gegenüber sich selber. Und damit sind wir beim Thema Vorbildrolle.»
Vorbildrolle der Eltern
Zurück ins Berner Seeland. «Meine Mutter hat eine Regel», sagt der elfjährige Damian. «Keine digitalen Medien im Bett. Heute Morgen hat sie es selbst gemacht. Und ich darf nie.» Mutter Lea lacht: «Keine Regeln ohne Ausnahme.»
Auch die Teenagerinnen Romy und Aline, die im Zürcher Oberland leben, beobachten die Vorbildrolle ihrer Eltern genau.
«Unsere Eltern sind überhaupt keine guten Vorbilder», sagen sie. Der Vater spiele abends selbst Handygames, und das Argument mit dem «Zeitung lesen auf dem Handy» gelte langsam nicht mehr, wenn die Mutter eigentlich Filme schaue. «Es würde ihnen auch guttun, mal das Handy wegzulegen», findet die 15-jährige Aline.
Ihre Mutter Corina G., die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, verteidigt sich schmunzelnd: «Es kommt immer darauf an, was man mit dem Handy macht. Ich brauche es für schlaue Sachen.»
Zeitlimits für Youtube und Tiktok
Auch in der Familie aus dem Zürcher Oberland gibt es Zeitlimits für Tiktok, Youtube oder Spiele – was regelmässig zu Diskussionen führt: Corina findet, die beiden verschwenden auf Tiktok oder Youtube einfach ihre Zeit. Und sie hat auch Angst, dass die Töchter ihr Leben zu sehr mit dem vergleichen, was auf Tiktok gezeigt wird, oder dass sie süchtig werden. Die Töchter hingegen haben Angst, in der Schule ausgegrenzt zu werden, wenn sie nicht auf dem neusten Stand sind.
Welche täglichen Limits gelten? Romy erklärt: «Eigentlich wären es 30 Minuten für Youtube, Tiktok und Handy-Games, aber ich habe um eine Stunde verlängert.» Sie hat Tricks und Wege gefunden, sich diese Zeit ohne elterliche Einwilligung zu verlängern. Denn Romy ist technisch viel versierter als ihre Eltern, sie kann Passwörter hacken und besitzt zudem mehrere alte Handys, die sie sofort versteckt, sobald sie die Schritte der Mutter hört.
Humor kann helfen
An guten Tagen kann Corina darüber lachen: «Sie ist der Roadrunner und ich der Coyote – sie ist viel schneller als ich.» Humor hilft, das findet auch der Medienpädagoge Beat Richert: «Humor nimmt die Ernsthaftigkeit. Und ernst genug ist es ja jeden Tag.»
An schlechten Tagen ist Mutter Corina schlicht genervt. Dann kontrolliert sie ihre Töchter permanent – und der Streit flammt immer wieder auf.
«Manchmal ist es befreiend, ohne Handy zu sein»
Vor einigen Monaten hatten Corina und ihr Mann genug von den Streitereien. Der Vater, ein Zimmermann, baute eine massive Nussbaum‑Box mit Schloss. In der Hinterwand bohrte er ein Loch für alle Aufladekabel. Darin verschwinden nun immer wieder alle Geräte – sogar die TV-Fernbedienung.
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Bild 1 von 2. Aline, Romy und Mutter Corina (Mitte) lassen ihre Geräte hin und wieder in einer Holzbox – Marke Eigenbau – verschwinden. Dann sind sie fest verschlossen – und man hat Zeit für analoge Beschäftigungen. Bildquelle: SRF/Mariel Kreis.
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Bild 2 von 2. Auch die Ladekabel verschwinden in der massiven Nussbaum-Box. Bildquelle: SRF/Mariel Kreis.
«Die Box nervt», sagt Romy, «sie ist wirklich einbruchsicher. Ich habe es probiert.» Und doch wirkt sie. Ohne Handy, Laptop und Tablet kommen die Schwestern auf andere Ideen: «Wir spielen dann ein analoges Spiel oder musizieren zusammen», sagt Aline. Und Romy ergänzt: «Manchmal ist es tatsächlich befreiend, ohne Handy zu sein». Und die Überraschung liefert zum Schluss noch die 15-jährige Aline: «Ja, ich würde es später genau gleich machen wie meine Eltern.»
Diese Einsicht kommt bei vielen mit dem Alter, weiss Beat Richert: «Medienerziehung ist tägliche Knochenarbeit über Jahre hinweg. Aber es lohnt sich. Ich sehe es immer wieder bei 18‑Jährigen – plötzlich kommt ein Merci zurück.»