Der Gedanke, dass es eines Tages möglich sein wird, grosse Kunstwerke mittels KI zu erschaffen, hat tatsächlich etwas Beunruhigendes.
Nicht, dass es nicht interessant wäre, eine 42. Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart zu hören oder einen brandneuen Shakespeare zu sehen. Aber der Gedanke, dass es dann die Kunst als Ausdrucksmöglichkeit von Menschen oder Begegnungsmöglichkeit von Menschen untereinander schlicht nicht mehr geben würde, ist das Schockierende.
Jedenfalls für den Schriftsteller Markus Orths, der Vergleichbares in seinem aktuellen Roman «Die Enthusiasten» durchspielt.
Ein verschollenes Meisterwerk
In dem Buch erhält ein Literaturwissenschaftler namens Vince Bär im kleinen englischen Dörfchen «Coxwold» das Angebot: Für nur 150'000 Pfund kann er einen neuen, bisher verschollen geglaubten zehnten Band aus Laurence Sternes epochalem Werk «Leben und Ansichten von Tristram Shandy. Gentleman» erwerben.
Das Angebot ist mehr als verlockend. Denn Laurence Sterne gehört seit dem 18. Jahrhundert zu den Kultautoren, die bis heute eine treue Fangemeinde um sich scharen. Zu den Enthusiasten gehörten Goethe und Nietzsche da genauso zu wie eine ganze Menge heutiger Nerds, die Jahr für Jahr am 18. März nach Coxwold pilgern, um an Sternes Grab dessen Todestag zu begehen.
Zu ihnen gehört auch Markus Orths’ Protagonist Vince Bär, der am 18. März 2018, also genau am 250. Todestag des Meisters Sterne besagtes Angebot erhält – das sich dann aber doch als KI-generierte Fälschung entpuppt. Allerdings als eine so gut gemachte, dass sogar der Fachmann Vince Bär selbst sie für echt gehalten hat.
Für eine lebendige Literatur
Dass Markus Orths für seine Geschichte ausgerechnet Laurence Sternes «Tristram Shandy» heranzieht und darüber hinaus noch vergleichbare Werke wie Miguel Cervantes’ «Don Quichote» oder Herman Melvilles «Moby-Dick» erwähnt, ist kein Zufall.
Geht es ihm in seinem fulminanten und vor Erzähllust schier platzenden Roman doch nicht nur um eine Stellungnahme gegen KI als Kunstersatz, sondern vor allem auch um ein Statement für eine lebendige, überbordende, fantastische und keinerlei Regeln unterworfene Erzähl-Literatur.
Natürlich steht diese Laurence-Sterne-getriebene KI-Geschichte nicht im luftleeren Raum. Es gibt eine rasante Geschichte mit Tempo und Sog, von der man das Gefühl hat, dass sie schneller erzählt wird, als die Handlung voranschreiten kann. Insofern ist der Roman auch alles andere als eine Laurence-Sterne-Imitation.
Und trotzdem bebt dieser Roman vor lauter Literatur. Vince Bär zum Beispiel wehrt sich seit Jahrzehnten gegen das tiefe innere Wissen, eigentlich ein Schriftsteller zu sein. Erst ganz zum Schluss gibt er sich geschlagen und setzt sich an den Schreibtisch. Und so ist dieser wunderbare Roman über die Freiheit des Erzählens am Ende auch einer über die Geburt eines Schriftstellers.