Im März bringt die Jury frischen Wind ins Ranking: Beispielsweise mit der Schweizer Autorin Julia Weber, die mit «Weil ich Ruth bin» neu auf dem dritten Platz landet. Fünf aktuelle Titel, die man garantiert nicht verpassen sollte.
5. Son Lewandowski: «Die Routinen» (14 Punkte)
Zählen ist für die Leistungsturnerin Amik Alltag. Sie zählt Übungswiederholungen, Olympia-Jahre und die Gramme auf der Anzeige der Waage. Die Sprünge, die sie vor Publikum in einem glitzernden, hautengen Anzug vollbringt, sollen leicht wirken – anders als die Realität dahinter. Son Lewandowski erzählt in ihrem Debüt von Missbrauch, geraubter Kindheit und Drill bis zur totalen Erschöpfung.
Wie Son Lewandowski in einer kraftvollen, unsentimentalen Sprache die verhängnisvolle Verschränkung von Sport und Politik offenlegt, ist einzigartig.
4. Tove Ditlevsen: «Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will» (18 Punkte)
In Dänemark gehören Tove Ditlevsens (1917–1976) autofiktionale Bücher zu den Klassikern. Nun kommen endlich auch Gedichte dazu. «Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will» ist ein Band, in dem jedes Gedicht zu Herzen geht. Klare Sprache, scharfe Beobachtungen. Auf berührende Weise zeigt dieser Band Ditlevsens kräftezehrendes Ringen zwischen Lebenslust und der Sehnsucht nach dem Tod.
Es regt mich unerhört an, wenn ich eine Autorin von einer neuen Seite entdecken darf. Ditlevsens Gedichte zeigen ein Ich, das über die eigene Kindheit nachdenkt, über Liebe und Einsamkeit, Mutterschaft und Scheidung und das ganze Leben, das durch uns hindurchflackert.
3. Julia Weber: «Weil ich Ruth bin» (20 Punkte)
Julia Webers Protagonistin Ruth kann Menschen durch Küsse in Tiere verwandeln und mit ihrer Willenskraft Bäume fällen. Dank ihren besonderen Kräften kann sie der Welt und ihren Ungerechtigkeiten anders begegnen. Doch auch Ruth ist mit zutiefst menschlichen Krisen konfrontiert, die sich trotz ihren übermenschlichen Fähigkeiten nicht alle aus der Welt schaffen lassen.
Julia Weber erschafft einen Kosmos, der trunken macht und mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen mitreissenden Sprachstrom geschrieben, der erst mit der letzten Seite loslässt.
2. Leïla Slimani: «Trag das Feuer weiter» (46 Punkte)
Mit «Trag das Feuer weiter» beendet Leïla Slimani ihre dreiteilige Familiensaga. Im Zentrum steht Mia, 1974 in Marokko geboren, die zwischen traditionellen Erwartungen und einer globalisierten Welt ihren Weg sucht und in Paris eine zweite Heimat findet. Slimani zeigt dabei, wie politische Entwicklungen das private Leben prägen – lebensnah, vielstimmig und eindrücklich erzählt.
Bei Leïla Slimani trifft die Intensität der Gefühle, auch des Begehrens, auf eine kühle Sprache. Sie beherrscht das Wechselspiel von Feuer und Kälte, mit kühnen dramaturgischen Schnitten verbindet sie Menschen und Politik zu einer atemlosen Lektüre.
1. Julian Barnes: «Abschied(e)» (54 Punkte)
Booker-Preisträger Julian Barnes wird 80 und legt mit «Abschied(e)» sein letztes Buch vor. Darin schreibt er über Liebe und Tod, Erinnerung und Endlichkeit – und darüber, was geschieht, wenn eine Jugendliebe nach 40 Jahren wieder auflebt. Ein stilles, kluges Finale, in dem Barnes noch einmal zeigt, wie tief Geschichten in ein Leben hineinwirken.
Wie Bach beim Orgelspiel zieht Julian Barnes in seinem – gemäss eigenen Worten – letzten, Meisterwerk alle Register seines grossen Könnens. Nicht nur, wer sich für Abschied(e) oder letzte (Ab-)Reisen interessiert, sondern auch, wer Freude an der Sprache und kongenialer Übersetzungsarbeit hat, wird mit Begeisterung und leiser Wehmut dieses Buch lesen.