Dorothee Elmiger und Martina Clavadetscher gehören derzeit zu den experimentierfreudigsten Autorinnen der Schweiz. Beide haben gerade einen neuen Roman veröffentlicht, und prompt führen sie damit die SRF-Bestenliste an. Hier die von der Jury gekürten Lese-Highlights im Countdown.
5. Leon Engler: «Botanik des Wahnsinns» (22 Punkte)
Ein junger Mann blickt auf die Lebensläufe in seiner Familie zurück. Was er sieht, ist ein Stammbaum des Wahnsinns. Die Grossmutter: bipolar, zwölf Suizidversuche. Der Grossvater: ständig in der Psychiatrie. Die Mutter: Alkoholikerin. Der Vater: depressiv. Wie schafft man es, mit diesem Background nicht selbst verrückt zu werden, zumal viele psychische Krankheiten als erblich gelten? Der Erzähler fürchtet einen Familienfluch. Seine Angst führt ihn schliesslich selbst in die Psychiatrie, allerdings nicht als Patient, sondern als Therapeut.
Leon Engler blickt auf psychische Krankheiten – in der Familie seines Protagonisten, wie ganz generell in unserer Gesellschaft. Seine Sprache: zärtlich und brutal zugleich. Dieses Buch ist ein stilistisches Glanzstück.
4. Fabio Andina: «Sechzehn Monate» (25 Punkte)
März 1944: In Cremenaga, einem kleinen Dorf an der italienisch-schweizerischen Grenze, wird der Schreiner Giuseppe Vaglio von der SS verhaftet. Er hat Juden und verletzten Partisanen geholfen, in die Schweiz zu gelangen. Im Juli 1945, sechzehn Monate später, kehrt Giuseppe zurück: verwundet, abgemagert, auf einem Ohr taub. Bis an sein Lebensende wird Giuseppe über das, was er erlebt hat, schweigen. Das Schweigen bricht nun der Tessiner Autor Fabio Andina. In «Sechzehn Monate» arbeitet er die Geschichte seines Grossvaters literarisch auf.
Die Sprache: klar, schnörkellos, unpathetisch. Ein Buch, das lange nachhallt, nicht nur, weil es die grauenvolle Deportation von Fabio Andinas Grossvater ins Zentrum stellt.
3. Ayelet Gundar-Goshen: «Ungebetene Gäste» (38 Punkte)
Naomi, eine junge Mutter, lebt mit ihrem einjährigen Sohn in Tel Aviv. Ein Hammer fällt vom Balkon und tötet einen Jugendlichen. Naomi weiss, dass ihr Sohn den Hammer hinuntergeworfen hat, doch der Verdacht fällt auf den arabischen Handwerker, der zu diesem Zeitpunkt bei ihr zu Hause war. Ein packendes Psychodrama über Schuld, Rache und die Flucht vor Verantwortung, das die dunklen Seiten des Menschseins beleuchtet.
Der neue Roman der israelischen Therapeutin Ayelet Gundar-Goshen liest sich wie ein Psychothriller. Es geht um tiefe Abgründe: zwischen Juden und Arabern, aber auch zwischen Eheleuten.
2. Martina Clavadetscher: «Die Schrecken der anderen» (40 Punkte)
Der Roman beginnt wie eine Kriminalgeschichte: Im zugefrorenen «Ödwilersee» wird eine Leiche gefunden. Doch Martina Clavadetscher belässt es nicht bei einem einzigen Handlungsstrang. Es gibt mehrere, und so geht es beispielsweise auch um den Verein der «Herren mit Zylinder», der einen gesellschaftlichen Umsturz plant. Clavadetscher mischt historische Fakten mit Fiktion und holt unliebsame Erinnerungen an die Schweiz während der Zeit des Nationalsozialismus hervor.
Martina Clavadetscher erzählt nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte – und das mit einem Personal, das alles andere als blutleer ist und auf verschiedenen Ebenen Spannungen erzeugt. All das geschrieben in einer Sprache, die dem Roman einen unverwechselbaren Soundtrack verleiht.
1. Dorothee Elmiger: «Die Holländerinnen» (45 Punkte)
Auch Dorothee Elmiger hat sich einen Kriminalfall vorgenommen, und zwar einen, der sich tatsächlich zugetragen hat: 2014 sind zwei niederländische Touristinnen im Urwald Panamas verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Elmiger nun lässt eine Theatergruppe in den Urwald reisen, um den Fall zu rekonstruieren. Vollständig in der indirekten Rede verfasst und mit einer Vielzahl an Erzählebenen, wird dieser Roman selbst zum Dschungel. Und überall lauert das Grauen.
Dicht und doch leichtfüssig erzählt und inszeniert Dorothee Elmigers Roman – und führt dabei das Erzählen und das Inszenieren vor.