Wie viele queere Romane haben Sie bereits gelesen? Vielleicht mehr als gedacht, denn queere Literatur begegnet uns oft, ohne dass wir sie als solche erkennen. «Queerness in der Literatur war schon immer da», sagt Medienwissenschaftler und Literaturvermittler Tobi Schiller.
Queerness wurde kaum benannt
Schillers Beispiele sind vielfältig: Die antike Lyrikerin Sappho etwa schrieb vor rund 2600 Jahren über Liebe zwischen Frauen. In der japanischen Literatur des 11. Jahrhunderts finden sich fluide Geschlechterrollen. Und auch in den Werken von Shakespeare begegnen uns Figuren, die man heute als non-binär oder trans bezeichnen könnte.
Trotzdem gilt queere Literatur oft als Trend der Gegenwart, sagt Schiller. «Dabei ist die Literaturgeschichte voll mit queeren Plots und Figuren. Sie wurden aber über Jahrhunderte kaum benannt.»
Kaum queere Schullektüre
Aber ist dieses Tabu inzwischen nicht passé? Männer in Frauenkleidern bei Shakespeare, Homosexualität in Thomas Manns Werken wie «Der Zauberberg» oder «Tod in Venedig», Geschlechterverwandlung in Virginia Woolfs «Orlando»: Werden solche Motive nicht längst erkannt?
«In den Literaturwissenschaften ist Queerness seit mindestens 30 Jahren etabliert», sagt Tobi Schiller. In der Literaturkritik hingegen würden Bezüge zu queeren Klassikern oft übersehen, weil das Wissen fehle. Auch im Schulunterricht sei Queerness in der Literatur selten ein Thema. Dabei ist gerade das Klassenzimmer ein Ort, wo Identitäten entstehen und Jugendliche mitunter queerfeindliche Haltungen einbringen.
Ein Buch voller Lesetipps
Um queere Literatur sichtbarer zu machen, hat Tobi Schiller gemeinsam mit der Buchhändlerin Bianca-Maria Braunshofer und dem Literaturwissenschaftler Marlon Brand ein Buch geschrieben: «Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm».
Das Sachbuch erzählt queere Literaturgeschichte und versammelt zahlreiche Bücher, die Identitäten ausserhalb der Heteronormativität thematisieren. Typische Motive sind etwa Coming-Out-Erfahrungen, Diskriminierung oder Kritik am Patriarchat.
«Queere Literatur zeichnet sich aber auch durch ihre formale Vielfalt aus», ergänzt Tobi Schiller. Er nennt etwa Kim de l'Horizons «Blutbuch», das Roman, Autofiktion und Essay verbindet und sich einer eindeutigen Kategorisierung entzieht.
Das Sachbuch «Und jetzt queer!» ist ausdrücklich kein akademisches Fachbuch und greift Fragen auf, die sich wohl insbesondere nicht-queere Menschen stellen, etwa warum es die Bezeichnung «queere Literatur» überhaupt braucht. Es gibt ja auch keine explizite «Hetero-Literatur».
Warum dieses Label?
«Heteronormative Perspektiven sind so sehr Teil des Mainstreams, dass sie gar nicht mehr als solche markiert werden», erklärt Tobi Schiller. Zugleich hält Schiller die Bezeichnung «queer» für zentral: Sie macht Texte sichtbar, in denen sich Menschen, die jenseits der Norm leben, wiederfinden können. Dieses Identifikationspotenzial sei wichtig, weil diese Bücher erfahrbar machen, dass diverse Lebensweisen schon immer existiert haben.
Tobi Schiller ist überzeugt, dass queere Literatur für alle bereichernd ist, unabhängig davon, wie man lebt oder liebt: «Queere Literatur ist Teil des Lebens und eröffnet andere Lebensrealitäten. Letztlich ist das eine Schulung in Empathie.»