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Alzheimer Forschung Pharma-Riesen sind enttäuscht – Forscher mahnen zu Geduld

Erneut zeigte ein lange getestetes Medikament gegen Alzheimer keine Wirkung. Akademische Forscher appellieren an die Pharmaindustrie: Die Forschung ist zu jung, um sich enttäuscht zurückzuziehen.

Legende: Video Knacknuss für die Pharmabranche abspielen. Laufzeit 03:17 Minuten.
Aus Einstein vom 15.02.2018.

Das Unternehmen Merck hat Studien mit einem über lange Zeit erforschten Wirkstoff gestoppt. Einen Monat zuvor hatte bereits Pfizer – der weltweit grösste Pharmakonzern – angekündigt, ganz aus der Alzheimerforschung auszusteigen. Zu teuer waren die vergangenen Versuche. Zu gering schienen künftige Erfolge.

Akademiker mahnen zu Geduld

Doch während in der Privatwirtschaft Krisenstimmung herrscht, weil noch immer kein Mittel gegen Alzheimer gefunden ist, sind die akademischen Forscher optimistischer. Sie mahnen zu Geduld und verweisen auf die kurze Geschichte der Alzheimerforschung.

Knapp 20-jährig ist diese und damit nicht einmal halb so alt wie die moderne Krebsforschung. Entsprechend gross sei der Rückstand in Erkenntnis und Erfolg, sagt Bart de Strooper, Leiter des britischen Dementia Research Institute., Link öffnet in einem neuen Fenster Aber das Feld gewinne deutlich an Tempo.

Erst seit etwa fünf Jahren werde die Alzheimerforschung ähnlich intensiv betrieben wie die Erforschung von Krebs. Die Anzahl der Publikationen sei im Vergleich aber noch immer 15 mal geringer.

Ziel: Eiweiss-Ablagerungen beseitigen

Seit Ende der 90er-Jahre weiss man um die wichtigsten Faktoren, die im Gehirn von Alzheimer-Patienten Zellen in grosser Menge zum Absterben bringen.

Eine zentrale Rolle spielen dabei toxische Eiweiss-Ablagerungen. Diese zu beseitigen ist das Hauptziel der meisten Wirkstoff-Tests. Auch der Wirkstoff, mit dem der Pharmakonzern Merck gescheitert ist, gehört dazu.

Eine Person mit Gummihandschuhen hält ein Gehirn in der HAnd.
Legende: Gehirne von Alzheimer-Patienten dienen der Forschung. Reuters

Mercks Studien-Abbruch mit Alzheimer-Patienten kann man als Flopp deuten, aber auch als Bestätigung neuer Erkenntnisse. Mathias Jucker, Alzheimerforscher am Hertie Institut , Link öffnet in einem neuen Fensterfür klinische Hirnforschung in Tübingen, sieht das Resultat als Bestätigung: «Man könnte sagen: Diese Studie ist schlecht gemacht. Aber ich denke, dieser Rückschluss ist falsch. Die Studie wurde vor etwa zehn Jahren designt und da wussten wir viel weniger als heute.»

Risiko-Vorhersage verbessern

Heute weiss man, dass Alzheimer schon dann behandelt werden muss, wenn gegen aussen noch gar keine Symptome sichtbar sind: 10, 20 vielleicht sogar 30 Jahre bevor sich Vergesslichkeit, Sprachprobleme oder Wesensveränderungen bemerkbar machen. Denn die Alzheimer-Erkrankung hat einen langsamen Verlauf. Wenn die Symptome von aussen beobachtet werden, ist das Gehirn bereits schwer geschädigt.

Alzheimerforscher suchen daher auch nach speziellen Substanzen, sogenannten Biomarkern im Gehirn, die Hinweis geben können auf das individuelle Alzheimerrisiko. Einige kennt man, weitere sucht man.

Die Risiko-Vorhersage muss sich noch verbessern. Gelingt dies, werden wir beim Arzt genauso auf Alzheimer-Risiken getestet werden können, wie das heute schon im Bereich der Herzkreislauf-Erkrankungen Routine ist. Das hoffen Alzheimer-Forscher wie Mathias Jucker oder Bart de Strooper nicht nur, davon sind sie überzeugt.

Doch selbst die perfekteste Risiko-Einschätzung nützt nichts, wenn der Wirkstoff fehlt, der Alzheimer bekämpft. Weltweit leiden heute fast 50 Millionen Menschen an Alzheimer, 140'000 sind es allein in der Schweiz.

Warten auf erste Erfolge

Bart de Strooper vom britischen Dementia Research Institute hat sich daher geärgert, als sich vor genau einem Monat mit Pfizer der grösste unter den Pharma-Riesen aus der Alzheimerforschung verabschiedet hat. Mangelnde Führungsverantwortung sei dies, so de Strooper.

Doch Bart de Strooper ist sich eigentlich sicher: Pfizers Ausstieg aus der Alzheimer-Forschung ist nicht für immer. Spätestens dann, wenn akademische Forschung und Pharma-Konkurrenz erste Erfolge erzielten, werde Pfizer wieder da sein und sich nicht mehr an seinen Rückzug aus der Alzheimerforschung erinnern wollen.

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