Am 26. April 1986 verursachte die Explosion des Kraftwerks Tschernobyl die schwerste zivile Atomkatastrophe der Geschichte. Eine radioaktive Wolke zog damals über Europa hinweg.
Der zerstörte Reaktor ist bis heute nicht demontiert worden, und die Schäden, die ein russischer Drohnenangriff im Februar 2025 am neuen Schutzsarkophag verursacht hat, haben die alternde Struktur geschwächt.
Die Anlage ist nun instabiler und potenziell gefährlicher als in der Vergangenheit.
Wie der heutige Direktor des Ex-AKWs die Risiken einschätzt:
Slawutytsch ist die Stadt, in der die Angestellten von Tschernobyl leben. Obwohl das Kraftwerk keinen Strom mehr produziert, braucht es nach wie vor fast tausend Menschen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Jeden Morgen begeben sich zahlreiche Männer und Frauen aus Slawutytsch in eine hoch kontaminierte Zone, um einen neuen Atomunfall zu verhindern.
Ich bin traurig, zu sehen, dass wir nie eine Atempause haben. Erst die Katastrophe und dann heute der Krieg.
Igor, 63 Jahre alt, ist einer der sehr wenigen noch lebenden Zeugen der Katastrophe. Er war wie üblich auf seinem Posten, als Reaktor Nummer 4 explodierte. Damals verheimlichte die Sowjetunion zunächst die Katastrophe – vor der ganzen Welt wie auch vor den eigenen Angestellten.
«Wir wussten nicht, was geschehen war», erinnert sich Igor. «Während meines gesamten Universitätsstudiums in der Sowjetunion wurde uns wiederholt gesagt, dass die Atomkraft keinerlei Gefahr darstelle.»
Auf seinem Tisch liegen heute gefälschte medizinische Bescheinigungen von damals und der Bericht über die genetische Anomalie seiner Tochter, die nach 1986 geboren wurde. Und wenn er diese Erinnerungen heraufbeschwört, kann Igor seine Tränen nicht zurückhalten.
Aber jedes Mal fasst er sich wieder, wenn er an seinen Sohn denkt, der heute als Soldat an vorderster Front im Krieg gegen Russland kämpft. «Ich bin traurig zu sehen, dass wir nie eine Atempause haben», sagt er. «Erst die Katastrophe und dann heute der Krieg.»
Eine erhöhte Verwundbarkeit
Heute warnt die Leitung des Kraftwerks Tschernobyl vor der zunehmenden Verwundbarkeit der Anlage seit Beginn des Krieges. Das Kraftwerk beherbergt nach wie vor die grösste Menge an Kernbrennstoff weltweit, was es zu einer potenziellen Zeitbombe macht.
Ein Angriff könnte einen neuen Atomunfall auslösen.
«Ein Angriff könnte einen neuen Atomunfall auslösen. Und leider sehen wir fast jede Nacht russische Drohnen und Raketen über Tschernobyl hinwegfliegen», warnt der heutige Direktor, Sergei Tarakanow.
Für die Einwohnerinnen und Einwohner von Slawutytsch scheint ein möglicher Angriff auf das Kraftwerk jedoch nicht die Hauptsorge zu sein. Fast alle berichten, dass sie einen Verwandten haben, der an der Front kämpft oder dort gefallen ist.
«Ich hatte zwei Söhne und beide sind im Krieg gestorben», berichtet Natalia, eine sehr junge Grossmutter, kaum 60 Jahre alt. «Sie waren Ingenieure, sie arbeiteten im Kraftwerk. Aber als der Krieg ausbrach, zogen sie los, um ihr Vaterland zu verteidigen.»
Natalia weint und legt ihre Hand auf die Schulter von Anna, ihrer Enkelin. «Mein Papa war sehr lieb», sagt diese. «Er fehlt mir im Moment sehr. Wir haben zusammen gespielt, sind spazieren gegangen, haben alles gemacht, was uns in den Sinn kam.»